18.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Bei Randsportarten steigt der Sachverstand des Kommentators: Ringen
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Riefenstahlismus vs. heitere Spiele oder besteht der einzige Ausweg darin, sich nicht mehr über Waldemar Hartmann zu beschweren? Die Olympia-Berichterstattung
Halbzeit bei Olympia,
Zeit, sich zu fragen, was man da eigentlich sieht, wenn man die ganze Zeit fernsieht.
Die Latte der Kritik am höchsten hängt der «Spiegel» (Seite 74), in dem sich
Georg Seeßlen Gedanken über den globalisierten Körper macht zwischen heroischem «Riefenstahlismus» und dem neuen Projekt der Humanisierung als «heitere Spiele». Diesen
Widerspruch kriegt man nicht gelöst:
Was Masse und Körper in Peking bezeichnen, lässt sich sehr schlecht zusammenfassen: Es ist konfuzianischer Diktatur-Harmonismus, für den es längst die Unvereinbarkeit zwischen Kapitalismus und Kommunismus nicht mehr gibt. Darin sind Medialisierung und Zensur keine Widersprüche mehr, auch nicht das individuelle Leistungsglück des Körpers und die Ich-Aufhebung der Masse, nicht Unterdrückung und Harmonie, nicht Sport und Politik. Keine Widersprüche mehr, nirgends. Zu einem ähnlichen
Fazit in ganz anderen Worten gelangt
Stefan Niggemeier in der
'FAS':
Ich kann mich nicht mehr über Waldemar Hartmann aufregen. Ich ertappe mich dabei, wie ich Waldemar Hartmann im Fernsehen sehe und denke: ja. Der Waldi. Warum nicht. Hätte schlimmer kommen können. Die Erklärung dafür liefern: alle anderen. Der Erste unter den anderen ist
Reinhold Beckmann, Großmeister des Brilletragens,
Fingerreibens und Nivellierens.
'Welt'-Online wähnt ihn am richtigen Ort:
Hier hat er seine Wurzeln, hier kann er sein, wie er ist: Eine Spur zu leidenschaftlich, zu kumpelhaft, zu subjektiv. Beckmann und
Leidenschaft, auch so ein Widerspruch, der keinen mehr stört. Symptomatisch für das Beckmann-Lob ist allerdings, dass selbst dieses nicht ohne Kritik auskommen kann:
Es folgt ein kurzer, peinlich berührter Wortwechsel, den Beckmann schließlich auflöst: «Das Schrittpolster kneift, sprechen wir es doch aus. Es ist also aerodynamisch genau geschnitten.» Kopfschütteln bei den Gästen. «Mit Aerodynamik hat das nichts zu tun.» Die Leere, die
Jochen Hieber in der
'FAZ' befällt, klingt wie das
Charakteristikum von Beckmanns Moderationsstil:
Es läuft äußerlich fast alles perfekt und scheint doch im Innersten hohl und leer. Aber Beckmann wird in dem Text so wenig genannt wie andere Gründe, die zu solchen
Beobachtungen führen:
Die Fans in den Stadien jubeln wie eh und je, wirken indes wie aufgezogen. Das war bei der Fußball-WM in Deutschland aka dem
«Sommermärchen» ja noch ganz anders.
Das ganz Andere der Sportberichterstattung zeigt sich alle vier Jahre in Sportarten, die man sonst nie sieht; zumal seit
Jürgen Emig vor Gericht steht und bei ihm Übertragungen noch nicht mal mehr gekauft werden können.
'Spiegel'-Online würdigt die Reporter von Ringen,
Bogenschießen und Kunstspringen, die nicht selten mit Sachverstand und gesunder Begeisterung aufwarten.
Rainer Braun kritisiert in
'Berliner' und
'KStA', dass sich die ARD nicht zu
schmierig ist für die «unterste Schublade» (Rudi Völler):
Aufklärung über den «Rosenkrieg der besonderen Art zwischen Laure Manaudou und Sarah (?) Pellegrini» versprach Reinhold Beckmann. Was folgte, war die Wiederholung eines so klebrigen wie voyeuristischen Beitrags. Süffisant wurde die Dreiecksgeschichte erzählt und auch nicht vergessen, drei «pikante Fotos» der nackten Manaudou zu zeigen, die seit Dezember im Internet kursieren. Den instruktivsten Beitrag zur Berichterstattung hat die
'Berliner' am Samstag gedruckt. Dort beschreibt
Thomas Klein ausführlich den Umgang mit der
Enttäuschung, der nicht selten in Verdammung resultiert:
Bei Niederlagen verrutscht der Tonfall der Kommentatoren oft ins Gehässige: ... Fabian Hambüchen, ehemals Goldjunge und Medienliebling, darf jetzt als «deutsches Sorgenkind» bezeichnet werden, die aus China stammende Badminton-Europameisterin Xu Huaiwen, im Viertelfinale gescheitert, muss sich im ZDF-Studio zweimal erklären lassen, damals in ihrer alten Heimat ja als Jung-Athletin «aussortiert» worden zu sein. Über den chinesischen Drill-und-Doping-Horror lässt sich solange wohlfeil die Nase rümpfen, solange die
Chinesen die meisten Medaillen gewinnen.
Mal was Neues (I): In der
'SZ' vom Samstag singt
Heribert Prantl ein
Loblied auf die Zeitung und verzichtet auf die Schmähung des Internet. +++ Mal was Neues (II): Der Männersender Dmax ist auch ohne Fußball und Erotik erfolgreich (
'Tsp'). +++ Mal was Neues (III): In Italien klagt ein Mann, der gern Moderator wäre, auf
Gleichstellung («FAZ», Seite 38). +++ Nichts Neues (I): Der Erfolg der «RTL2-News» («SZ», Seite 15). +++ Nichts Neues (II):
Die Geschichte des mobilen Fernsehens in Deutschland ist eine Geschichte des Scheiterns. (
'FR'). +++ Die
'Berliner' hat zum Auftakt der Bundesliga das Internetradio 90elf.de gehört und sieht noch
Potential. +++
Tina Brown, gewesene Chefredakteurin des «New Yorker», will mit TheDailyBeast.com auf
HuffingtonPost.com machen. («SZ», Seite 15) +++ Nachbesserungen (I): EU-Kommission hat andere Vorstellungen Drei-Stufen-Test, als der
12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vorsieht. (
'FR'). +++ Nachbesserungen (II): Die DFL ruft nach dem Streit mit dem Kartellamt in Sachen Bundesliga-Rechte nach der Politik (
'Focus'). +++ Nachbesserungen (III): Ebenfalls im «Focus» hat der Direktor der Landesmedienanstalt NRW,
Norbert Schneider, gefordert, ARD und ZDF wie die Privatsender durch die
Landesmedienanstalten kontrollieren zu lassen (
'taz',
'KStA'). +++
Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.