Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Mittwoch13. Aug 2008 10:02, ergänzt 10:45  |  Es hätte wirklich mal jemand fragen müssen: Jürgen Emig | Foto: dpa |
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Bringt Jürgen Emig Körperteilrhetorik die ganze ARD ins Wanken? Außerdem: überall empörte Journalisten, 20 Jahre Gladbeck.
«Gruselig, das alles.»
So lautet der letzte Satz im ausführlichen
'taz'-Bericht
vom zweiten Tag des Prozesses gegen den ehemaligen HR-Sportchef Jürgen Emig.
Es mag schon allein gruselig wirken, wenn ein seinerzeit fernsehbekannter Moderator auf die nachdrücklich gestellte Richters-Frage, wie er denn «einerseits zigtausende Euro verdient hat und ihm andererseits nicht auffiel, dass es für diese Geldzahlungen keine Verträge gab», mit «Körperteilrhetorik» («Emig schüttelt den Kopf, während er spricht»,
'Süddeutsche')
reagiert. In Worten reagierte Emig freilich auch: «Da hätte ja mal jemand kommen und fragen können, was das für Erträge sind - aber da kam keiner», zitiert ihn wiederum die «taz».
Was das Blatt allerdings gruselt, ist die Vorstellung einer Ausweitung (vgl. auch die
kreative
Agenturen-Anwendung
des Börsenjargons-Unwortes) der Vorwürfe auf die gesamte ARD: «Das wiederum hätte eine neue Qualität: Nicht nur beim HR, sondern auch andernorts in der ARD hätten Programmverantwortliche selbst für Einnahmen sorgen müssen. Damit würde aus dem System Emig nicht nur möglicherweise ein System HR, sondern gleich ein System ARD werden» («taz»). In diese Richtung könnte sich der Prozess bewegen. Zumindest hat ein potenzieller Zeuge dem Frankfurter Landgerichts «von sich aus» seine Aussage angeboten: Martin Buchhorn, der ehemalige Chef der nicht mehr bestehenden Fernsehspiel-Abteilung des Saarländischen Rundfunks, will «Auskunft darüber geben, wie von ihm gefordert worden sei, Schleichwerbung in Produktionen vom 'Tatort' bis zum ARD-Vorabendprogramm einzubinden».
Ältere Mitbürger mögen sich erinnern: Diese Buchhorn-Geschichte ging im Jahre 2005 bereits in nahezu identischem Wortlaut («nicht zu dicke zu treiben») durch die interessierte Presse.
Hier
(dasganzewerk.de) ist das dokumentiert.
Zu sagen, der Prozess gegen Emig «würde fortgesetzt, wäre verniedlichend: Bis Ende Oktober sind vorerst weitere 15 Verhandlungstage angesetzt»
('FR')
.
Was ist dieses «dasganzewerk»? «Wir wollen verhindern, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk mit dem aktuellen Häppchen-Mix der heranwachsenden Generation einen falschen Eindruck des musikalischen Erbes vermittelt...», heißt es auf der proppenvollen
Homepage.
Solche Initiativen, die Ansprüche an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben und doch Kritik an ihm üben, müssen offenbar aufpassen. Zumindest läuft ein obskurer Streit zwischen dem Hamburger Professor und Standard-Lehrbuch-Autor («Investigativer Journalismus»)
Johannes Ludwig
sowie dem NDR-Politmagazin «Panorama».
Ludwig betreibt die Webseite
'anstageslicht.de',
die eigentlich auch mit «Panorama» kooperiert. Doch versandte nun «Panorama»-Redaktionsleiter Volker Steinhoff eine Rundmail an Ludwigs E-Mail-Verteiler, in der er diesen einer «unseriösen Kampagne gegen die Gebühren für ARD und ZDF» bezichtigte. Was wiederum mit Thomas Thiels «FAZ»-Artikelserie
'Die Methoden der GEZ'
zusammenhängt ... - eine komplizierte Sache. Falls Sie eintauchen wollen -
hier berichtet
die «Berliner Zeitung».
Journalisten erregen sich ohnehin immer öfter, ganz besonders in eigenen Sachen. Die
gestrige 'SZ'-Erregung
anlässlich einer Journalisten-Vorführung des Kinofilms «Der Baader Meinhof Komplex» nach Stefan Aust schlägt heute Wellen in die
'Rundschau'
und den
'Tagesspiegel'.
Letzterer weiß nicht nur zu berichten, dass sogar Ex-Minister Gerhart Baum beinahe keinen Zutritt bekommen hätte, sondern zitiert auch den empörten «SZ»-Feuilletonchef Andrian Kreye («herber Eingriff in die Grundregeln der Pressefreiheit»).
Bei der «Süddeutschen» selbst indes scheint die Empörung bereits der Erkenntnis gewichen, dass solche Sperrfristen eigentlich völlig üblich sind. Zumindest kommt im
Online-Auftritt
nun auch die Gegenseite
mit plausiblen Argumenten zu Wort. Als Gegenseite dieser Gegenseite taucht nur noch der Journalistenverband DJV auf (Bundesvorsitzender Michael Konken: «völlig inakzeptabel»). Es bleibt Leser «lomexx» überlassen, darauf hinzuweisen, dass der Artikel «seltsamerweise zu erwähnen [vergisst], dass es neben dem DJV die sueddeutsche selbst war, die in einem Akt von Hysterie ... trotzig angekündigt hatte, wegen des 'Knebelvertrages' und der daraus resultierenden Gefahr für die Pressefreiheit (darunter läuft wohl nichts mehr) nun gar nicht mehr über den Film zu berichten...»
Anlässe zur Empörung, die unstrittig gruselig wie auch völlig inakzeptabel sind, gibt es leider auch: den Tod des niederländischen Reporters Stan Storimans
(blogs.taz.de),
neben wohl tausenden anderen Kriegstoten im Kaukasus .Das sogenannte Gladbecker Geiseldrama vor 20 Jahren. Dem widmet Holger Gertz eine Seite 3-Story in der «SZ». Sie erinnert daran, wie Radio Bremen damals die Geiselnehmer anmoderierte («Das aufsehenerregende Geiseldrama von Gladbeck ist keineswegs zu Ende, besonders nicht für uns, im Gegenteil: Denn heute kamen die Gangster nach Bremen.»). Außerdem redet Udo Röbel viel, und Rechtsanwalt Sascha Prosotowitz sagt: «Die Rolle der Medien war fatal. Einige waren ganz nah an der Beihilfe dran.» Der Bericht steht derzeit nicht frei online.
MEHR IM INTERNET: die artikel des tages |
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Altpapierkorb Auch wieder vor Gericht, nämlich in genau einer Woche vorm Oberlandesgericht Düsseldorf: der Springer-Verlag. Diesmal klagt er, und zwar gegen das Bundeskartellamt, das ihm den Einstieg bei ProSiebenSat1 untersagte. Es geht vielleicht ums Prinzip, vielleicht um Schadenersatzansprüche, vielleicht auch darum, doch noch einmal die ganze Sendergruppe (die derzeit an der Börse 700 Mio. Euro wert ist, während Springer damals vier Milliarden zahlen wollte) oder Teile davon zu übernehmen
('SZ').
+++ «Und wie die Hamas in Gaza drei Zeitungen - 'Al Ayyam', 'Al Quds' und 'Al Hayat Al-Dschadida' - verbieten ließ, die der Fatah nahe stehen, verbannte die Autonomie-Regierung in Ramallah zwei Publikationen aus Gaza: 'Al Risala' und 'Al Falastin'»: Die
'Rundschau'
über die Lage der Medien in Gaza. +++ Wie der Pay-TV-Sender Premiere seine Tochter «Giga TV» zum «CNN der Spieleszene» jazzen will, beschreibt das
'Handelsblatt'.
+++ Die
'taz'
hat sich das neue Bildungsportal des WDR angeschaut. +++ Schauspieler Hannes Jaenicke engagiert sich für Orang Utans, heute abend im ZDF
('Tsp.').
+++
Ebd.:
ein Erfahrungsbericht vom Olympiagucken. +++ «Es geht um Sie, liebe Leserinnen zwischen 14 und 49: die große, krakenhafte Zielgruppe der Hässlichen und Schüchternen»: Die «FAZ» stimmt mit Hilfe des Produzenten Christian Popp auf die Ende August anlaufende neue Sat.1-Telenovela «Anna und die Liebe» ein. Das findet sich derzeit ebensowenig im freien Internet wie andere Artikel der Medienseite, etwa ein Nachruf auf «Presse-Richter» Manfred Engelschall. +++ Erboste deutsche Journalisten in China - nun auch wegen schlechter Athletenleistungen
('taz').
+++ Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Donnerstag gegen 10.00 Uhr.
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