Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Donnerstag07. Aug 2008 10:08, ergänzt 11:07  |  Gab gerade seine erste Pressekonferenz nach westlichem Muster: Hu Jintao | Foto: dpa |
|
Wie Probleme mit Sonnensegeln oder milliardenschwere Satelliten-Geschäfte einem freien chinesischen Sender schaden. Wie Hu Jintao seine erste Pressekonferenz gab. Woher das öffentlich-rechtliche Transparenzproblem rührt.
Einen Ansatz, die gewaltige Größe Chinas zu ermessen, bietet die Vielzahl unterschiedlicher Medienberichte über dieses Land. «Schon das ganze Jahr über haben ARD, ZDF und ihre diversen Nebensender über China berichtet. Beinahe täglich gab es Reportagen und Dokumentationen über das Reich der Mitte, über Land und Leute, politische Hintergründe, kulturelle und materielle Schätze...», bilanziert der
'Kölner Stadtanzeiger'
im Rahmen einer sehr allgemeinen Olympiavorschau.Der heute aufregendste Bericht, der mit China zu tun hat, beginnt szenisch irgendwo im Weltall über dem asiatischen Raum. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juni könnte der dort seine Kreise ziehende Eutelsat-Satellit W5 «Probleme mit seinen Sonnensegeln» gehabt haben. Infolge dieses «technischen Vorfalls» habe man «vier sogenannte Transponder ...abschalten müssen, heißt es bei Eutelsat, um den Satelliten weiter nutzen zu können, 24 Programme habe man streichen müssen, um wenigstens noch 20 weitere zu übertragen».
Zu den Programmen, die im Gegensatz zu anderen abgeschaltet werden mussten, gehörte leider der in New York sitzende chinesische Sender
'New Tang Dynasty Television'.
Sagt zumindest Eutelsat-Sprecherin Vanessa O’Connor.
Michael Hanfeld geht in der
'FAZ'
ausführlich der Story nach, die der
'Tagesspiegel'
heute knapp-salopp auf den Nenner «Freier China-Sender abgeschaltet» bringt, die neulich bereits in der
'Rundschau'
stand und auf einen
Bericht
der Reporter ohne Grenzen zurückgeht. Das hochinteressante 61-seitige chinesisch-englische Transkript («Hello, is this Eutelsat Beijing Office?» - «Yes. Who's calling?» - «This is the Central Propaganda Department... »;
PDF-Download)
war hier im Altpapier bereits verlinkt.Neu ist, dass die «FAZ» die Position des französischen Satellitenbetreibers Eutelsat («Man habe alle Kunden ermutigt, nach Lösungen auch bei anderen Anbietern zu suchen, doch habe der chinesische Sender NTD-TV davon keinen Gebrauch gemacht...») mit Erfahrungen des abgeschalteten Senders («Das amerikanische Unternehmen Intelsat allerdings geht nicht besser... mit dem chinesischen Sender um. Im Gegenteil. Seit vielen Jahren versuche man, einen Vertrag mit Intelsat zu bekommen, das auch über große Sendekapazitäten in Asien verfügt – ohne Erfolg.») und weiteren Koinzidenzen kontrastiert: «Bei NTD-TV wird zudem notiert, dass die Firma Alcatel, der größte Gesellschafter von Eutelsat und Hersteller der W5-Satelliten, kurz vor dem Auftauchen des 'technischen Problems' einen Vertrag im Wert von einer Milliarde Dollar mit dem chinesischen Regime abgeschlossen habe». Es gibt aber auch aktuell wieder tendenzielle Fortschritte aus China zu vermelden. Von der ersten Pressekonferenz überhaupt, die Staats- und Parteichef Hu Jintao vor westlichen Journalisten abhielt, berichtet der Teilnehmer Georg Blume in der «Zeit» (S. 5, derzeit nicht frei online):
«Die kritischste Frage stellt der Korrespondent des arabischen Senders al-Dschasira...» (welche, steht in der
'taz',
in der Blume vor kurzem darüber berichtete). «Überraschenderweise bleiben die übrigen Journalisten zahm. Sie alle berichten vor den Olympischen Spielen fast ausschließlich über Menschenrechtsverletzungen und Internetzensur in China. Doch sie stellen keine kritische Frage. Ein Australier will wissen, was das Olympische Motto 'Eine Welt, ein Traum' bedeutet. Ein Franzose fragt nach dem Lieblingssport Hus. Aber ein Reporter ruft unaufgefordert eine unangemeldete Frage ins Mikrofon: 'Herr Präsident, noch eine Frage zu den Menschenrechten!' Da erhebt sich Hu gerade und bittet zum gemeinsamen Fototermin.»Schön, dass unser auf andere Weise komplexes deutsches Mediensystem viel mehr Transparenz gewährleistet. Auch wenn sich im Einzelfall immer Mangel daran beklagen lässt.
Zum Beispiel sprach das ZDF
2006
von einem Transparenzbericht in eigener Sache. Der ist auch 2008 weiterhin «nicht zugänglich», erfuhr Daniel Bouhs
('Rundschau')
und will den öffentlich-rechtlichen Sendern dennoch nicht grundsätzlich «vorwerfen, nicht ausreichend Transparenz zu schaffen. Denn das eigentliche Problem sind mal wieder die Vorgaben der Politik: Die Satzungen der Sender unterscheiden sich hier zm Teil massiv. Während der SWR verpflichtet ist, zu Sitzungen seiner Rundfunkräte die Öffentlichkeit einzuladen, sieht es beim MDR genau andersherum aus.»
MEHR IM INTERNET: die artikel des tages |
|
Altpapierkorb Im «FR»-Artikel kommt auch der freie Journalist
Marvin Oppong
vor, der im Namen der Transparenz den WDR verklagte. Oppong ist heute in der
'taz'
zu lesen als Coautor des Artikels «Viele Deutsche lesen Quatsch». Es geht um die
'Gesellschaft für Rationelle Psychologie',
die gern zitierte Studien wie «Fast jeder zweite Mann will eine blonde Frau» generiert bzw. «seit Jahrzehnten mit unseriösen Studien Schlagzeilen» macht
('Zeit Wissen').
Das geschieht im Auftrag vieler Medien, aber womöglich nicht soo vieler Medien, wie die Gesellschaft behauptete. +++ Er «benimmt sich so, als sei seine Leserschaft eine riesige Therapiegruppe, die er distanzlos mit schlichten Gedanken und Altherrenfantasien traktieren darf. Er lässt alles raus, er müllt sich aus, unsortiert, ungefiltert und wohl meist unredigiert. Man will ja eigentlich gar nicht wissen, wie es in seinem Kopf aussieht, aber es muss wohl so eine Art Stammtischhirn sein, in dem lauter zerknüllte 'Bild'-Zeitungen herumliegen»: Da gratuliert Hans-Hermann Kotte dem 'Bild'-Zeitungs-Kanalarbeiter Franz Josef Wagner zum 65. Geburtstag
('KStA').
+++ Der «umschwärmteste Mann der internationalen Medienszene»: nicht Hu Jintao, sondern Geyer Kosinski. Schließlich ist er u.a. Berater von Angelina Jolie und Brad Pitt. Wie die deutschen Blätter «Bunte» und «Gala» zu deren Zwillingsfotos kamen, schildert der
'Tagesspiegel'.
+++ Was gestern in der
'taz'
stand, führt die
'Berliner'
fort: Der homophobe Text im «Anzeigenblättchen» «Al-Salam» sei «kein Einzelfall». +++ «Die großen englischsprachigen Fernsehanbieter bekommen die Turbulenzen auf dem Werbemarkt mit voller Wucht zu spüren». Die
'FTD'
trägt Geschäftszahlen zusammen. +++ ProSiebenSat1 befindet sich zu diesem Trend bereits auf Augenhöhe. Die
'taz'
findet passend, dass auf der
Investoren-Webseite
der Sendergruppe oben Stefan Raab mit blauem Auge grüßt. +++ «Macht eine europäische Sendergruppe mit einem schwachen deutschen Kerngeschäft und Minisendern von Norwegen bis Rumänien überhaupt strategisch Sinn? Vielleicht ist auch eine Zerschlagung die bessere Option», kommentiert das
'Handelsblatt'.
+++
Ebd.
beschreibt Hans-Peter Siebenhaar, wie ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz einen Spar-Kraftakt zu vollbringen versucht, den ARD und ZDF «noch vor sich» haben. +++ Nicolas Sarkozy «versucht..., die Medien seines Landes gleich- und missliebige Nörgler auszuschalten», empört sich die
'Berliner Zeitung'.
+++ Nach dem ZDF
('taz' neulich)
muss auch die ARD eine vom IOC nach IOC-Angaben «in primetimefähiger Qualität» produzierte Olympia-Doku ausstrahlen
('taz' heute):
'Peking - eine Stadt im Wandel durch Olympia'.
Zum Glück hat auch die ARD genügend wenig beachtete Nebenkanäle wie «EinsFestival», auf denen so etwas kaum stört. +++ «Die Bereiche Fusionskontrolle bei Medien und die kartellrechtliche Prüfung der Vergabe der Fußballrechte sind zwei unterschiedliche Spielfelder. Die beiden Fälle Springer/ Pro Sieben Sat 1 und DFL haben nichts miteinander zu tun», sagte Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer der «SZ» (S. 13), die ausführlich berichtet, dass sich auf dem Spielfeld der Fußballrechte-Vergabe nichts Neues zugetragen hat. +++ Außerdem geht's auf der «SZ»-Medienseite um «Todesdrohungen gegen kritische Journalisten in Kroatien» und um die Flucht der
'ingushetiya.ru'
-Chefredakteurin Rosa Malsagowa mit ihren drei Söhnen nach Europa (siehe auch
'taz').
+++ Eine Zeitschrift, die sich als «Gebetssammlung» versteht und «zum Dialog zwischen dem tibetischen und dem chinesischen Volk» beitragen möchte, entdeckte Christoph Twickel
am Kiosk.
+++Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels |