Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Mittwoch23. Jul 2008 10:03, ergänzt 11:00  |  Happy Birthday, Götz George (hier in der allerdings nicht irre lustigen Komödie "Schokolade für den Chef") | Foto: ARD Degeto/ Martin Menke |
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Sex mit seinen Rollen: Götz George, der als erster «Scheiße» im Fernsehen sagte und manchmal irre komisch war, wird 70, und alle gratulieren. Derweil bringt Barack Obama das deutsche Fernsehprogramm durcheinander.
Dieser Mittwoch gehört auf den Medienseiten Barack Obama und Götz George.
Obama, der ja erst am morgigen Donnerstag in der deutschen Hauptstadt und im deutschen Fernsehen auftritt und dessen Programme «gehörig durcheinander bringt»
('Tagesspiegel'),
kann in der Hinsicht vorerst nur beglossiert werden. Die
'taz'
richtet ihre Hoffnungen auf Tanja Szewczenko bzw. darauf, dass RTL wie vorgesehen Folge 474 seiner Soap «Alles was zählt» zeigt und es somit «noch einen Sender gibt, der nicht Obamas Rede überträgt». Das wird die Medienbeobachter noch beschäftigen.
George hingegen hat sicherlich auch noch den einen oder anderen Karriereschritt vor sich, vor allem aber sehr viele hinter sich. Heute wird er 70 Jahre alt und, wie in der
Netzeitung,
überall gewürdigt.
Die historischste Würdigung leistet Harald Keller unter dem hübschen Titel «Der große Widerborst»
('FAZ').
«Vielleicht liegt es an der ungebrochenen Vitalität des Jubilars, wenn das Fernsehen zum siebzigsten Geburtstag des Schauspielers Götz George vorrangig dessen jüngeres Schaffen aufgreift». Keller jedenfalls hat auch ältere Perlen wie
'Diamantendetektiv Dick Donald'
vor Augen.
Kurz nachdem George in Südafrika diese Serie gedreht hatte und noch relativ lange, bevor im deutschen Fernsehen selbst «Scheiße» gesagt werden durfte, fand am Kudamm in West-Berlin, genauer: vor dem Flipperautomat im «Eden Saloon» diese Szene statt:Rainer Werner Fassbinder «reagiert natürlich nicht, George wiederholt sein Ansinnen, mehrmals, keine Reaktion. Bis George mit einem kräftigen 'Wenn Sie mir nicht antworten, drehen Sie Ihren Scheiß alleine' sich abwendet».
Wie es kam, dass George ausgerechnet mit Fassbinder nicht drehte, schildert Fritz Göttler im
'SZ'-Feuilleton
nicht ohne einzustreuen, dass aber auch die 60er-Jahre-Schwarzweißkomödie
'Liebe will gelernt sein'
«irre komisch» war.
«Man kann kaum übertreiben, wenn man die Bedeutung dieser Figur beschreiben will», postuliert in der
'Berliner Zeitung'
der George-Biograf, von dem George
werbewirksam sagt:
«Torsten Körner weiß viel mehr über mich als ich selbst». Wenn dem so ist, lassen sich natürlich auch Zeilen dichten wie: «Während andere Schauspieler Männer spielten, die mit Frauen schliefen, war George ein Schauspieler, der mit seiner Rolle Sex hatte».
«In Wirklichkeit hat sich die Bundesrepublik, wie bewusst auch immer, an Götz George mit ihrer eigenen Männlichkeit, Mannbarkeit auseinandergesetzt. Lange zum Schaden des Schauspielers», nimmt Peter Zander
('Welt')
den Ball weiterdenkend auf.
Damit zu dem, was die ARD, weitgehend Georges Heimatsender, ihm heute zum Geburtstag kredenzt. «Alles wird hier in einem geradezu erschütternden Ausmaß richtig gemacht», überschlägt sich die
'Rundschau'
anlässlich des Fernsehfilms
'Die Katze' (Trailer)
geradezu. Ansonsten tun sich die Rezensenten mit speziellem Lob etwas schwer.
George «schlurft, murrt, schreibt Zettel - und brilliert mit seinem präzisen Spiel», preist die
'taz'
und präzisiert: «Aus einer scheinbar banalen Szene destilliert Götz George nur durch die Präzision seines Spiels die Essenz des Alterns».
«Wer hätte denn gedacht, dass eine Katze zwei reife erwachsene Menschen in zwei Krieger verwandeln könnte?» destilliert der
'Tagesspiegel'
die Essenz des Films heraus, dessen
Vorlage
nicht etwa von Patricia Highsmith, sondern 1966 von Georges Simenon verfasst wurde. «Die Frage, wer die Schuld am Tod der Katze trägt, bleibt jedoch bis zum Ende offen»
('Hamburger Abendblatt').
Das «Abendblatt»
sprach
dann auch noch mit Marika Ullrich, die sowohl Autorin des im Anschluss an «Die Katze» gezeigten halbstündigen George-Porträts, als auch Georges Lebensgefährtin ist. Frage: «Kann eine große Nähe zu dem Porträtierten nicht auch hinderlich sein?»Ullrich: «Natürlich - aber mir hat die Nähe bei meinem Film eher geholfen. Wir haben eine positive Gesprächsbasis gehabt - das ist bei Götz in Interviews ja nicht immer der Fall» (lacht). «Ich kenne ihn so gut, dass ich weiß, wo seine wunden Punkte liegen, und dass ich ihm keine Standardfragen stellen muss. Mir vertraut er und antwortet ehrlicher und emotionaler, als er es fremden Journalisten gegenüber tun würde.»
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Altpapierkorb Wer zu viele negative Kritiken schreibt, kriegt irgendwann keine Rezensionsexemplare mehr? So etwas widerfährt derzeit zumindest Musik- und Computerspiele-Kritikern, berichtet
'sueddeutsche.de'.
+++ Heutzutage, da die alte Nachkriegs-BRD in ihrer Männlichkeit und Mannbarkeit ja an Götz George gewachsen ist, stelle der überraschend erfolgreiche Männersender Dmax «Ein deutsches Biotop» dar, meint Simon Feldmer in der
'SZ'.
«Klassiker der gedruckten Männerpresse wie Fußball und Erotik finden bei Dmax nicht statt, nicht mal zu später Stunde, wenn die Konkurrenz mit Ruf-mich-an-Clips Geld verdient. Der Sendertrend heißt: echte, gerne etwas abseitige und keinesfalls auf Hochglanz polierte Typen». Und bei Eigenproduktionen ist Männersender-Geschäftsführerin Katja Hofem-Best stolz auf ihre «Null-Prozent-Floprate». +++ Schon jetzt darf man gespannt sein darauf, wie dereinst Christoph Bachs 70. Geburtstag begangen wird. Der Schauspieler, Jahrgang 1975, ist demnächst zumindest in der «Rolle seines Lebens», als Rudi Dutschke nämlich, zu sehen
('Tagesspiegel').
+++ «Edit-War» in der deutschen Wikipedia zwischen dem BUND und der Atom-Lobby? Siehe
'Kölner Stadtanzeiger'.
+++ «Die Deutsche Fußball Liga (DFL) gibt sich nach den Einwänden des Bundeskartellamts zur Ausschreibung der Bundesligarechte noch nicht geschlagen»
('Handelsblatt'),
man bleibt im Dialog («SZ»): «Mit einer endgültigen Entscheidung ist wohl in den nächsten Tagen zu rechnen». +++ «Das Autorisieren von Interviews ist kein leerer Wahn»: Ulrich Wickert nimmt auf der «FAZ»-Medienseite (derzeit nicht frei online) Stellung eher gegen die «FAZ»-Initiative gegen das Interview-Autorisieren
(siehe Altpapier).
+++ Die «sehr gut gemachte» («SZ») ARD-Reportage «Olympia im Reich der Mittel» über Doping im chinesischen Sport soll nach relativ großem Quotenerfolg («Marktanteil von beinahe zehn Prozent») jetzt «auf dem internationalen Fernsehmarkt angeboten werden» und in einer kürzeren Fassung von der Deutschen Welle «in englischer, französischer und spanischer Übersetzung» gezeigt werden. +++ Der beliebte ZDF-Sportmoderator Prof. Michael Steinbrecher muss den Professorentitel doch vorerst weglassen. Das Dortmunder Institut für Journalistik hat das Anforderungsprofil für eine ausgeschrieben Stelle verändert,
klamüsert
die «taz» zusammen. +++ Tilmann P. Gangloff stutzte («'Spiegel TV'-Autor Michael Kloft lobt Lutz Hachmeisters Film 'Das Goebbels Experiment', erwähnt jedoch mit keinem Wort seine eigene Beteiligung als Autor») beim Durchlesen des Buches
'Alles authentisch?
Popularisierung der Geschichte im Fernsehen' zwar mal, findet es aber doch «weitgehend gelungen»
('FR').
+++ Noch ein TV-Tipp für Hamburger vom
'Abendblatt'
(100 Prozent Springer): Auf dem Lokalsender «Hamburg 1» (27 Prozent Springer) spricht Peter Tamm, der Museumsgründer, «Journalist und langjährige Vorstandsvorsitzende des Verlags Axel Springer mit Hamburg-1-Chefredakteur Michael Schmidt über Sammlerleidenschaften, den Verleger Axel Springer ('ihm verdanke ich alles'), Chef sein in schwierigen Zeiten und die stetige Unterstützung durch seine Frau».Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Donnerstag gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels |