Mediendschungel: Schokolade für Schimanski23. Jul 2008 07:18  |  Etwas auf alt gemacht: George in "Die Katze" | Foto: NDR/ Susanne Dittmann |
|
Die ARD feiert ihren größten Filmstar zum 70. Geburtstag. Das führt zwar auch zu retrokapitalistischem Bauerntheater, beweist aber, dass Götz George den nachhaltigsten Trend der deutschen TV-Geschichte begründet hat. Und für echte Altersrollen eigentlich zu jung ist.
Der ARD-Krimi am vergangenen Sonntag war etwas elegisch und selbstreferenziell. Es ging um Morde vor dem Hintergrund des Niedergangs von Duisburg-Rheinhausen, den der Krimiheld in den 1980er Jahren selbst miterlebt hat. Erfolgreich war der Krimi trotzdem. Der jüngste «Schimanski» ließ mit 21 Prozent Marktanteil bei den Zuschauern unter 50 die Hollywood-Produktionen der Privatsender «alt aussehen»
('dwdl.de').
Der Hauptdarsteller Götz George wird an diesem Mittwoch 70 Jahre alt, und «das Prinzip George» (Christopher Keil,
'SZ')
funktioniert immer noch: «Es besteht darin, dass Götz George für sich und seine Arbeit eine herausgestellte Aufmerksamkeit erwartet ... und meistens auch bekommt. Er bekommt sie, weil er seit einem halben Jahrhundert mit seinen Dramen und seinen Erfolgen wahrscheinlich der deutsche Schauspieler ist».
Dieses Prinzip und diesen Geburtstag feiert die ARD, für die George meistens unterwegs ist, sehr groß: mit noch zwei neuen George-Fernsehfilmen, «Die Katze» und «Schokolade für den Chef», einem kurzen Porträt des Schauspielers sowie
über 40 Filmen
aus dem Repertoire, die auf den diversen Beibootsendern
wiederholt werden. Das große Geburtstags-Hallo demonstriert , das der Schauspieler George seit Jahrzehnten völlig unterschiedliche Dinge macht, anders als der gerade 60 gewordene Otto Waalkes, und schon deswegen erheblich aktueller wirkt.
Pferde können zuhören  |  George spielt einen Millionär, der einen Chauffeur spielt: "Schokolade für den Chef" | Foto: ARD Degeto/ Martin Menke |
|
Die halbstündige Dokumentation
'Nicht reden, machen'
(heute, 21.45 ARD; am Freitag 15 Minuten
länger
im WDR) zeigt den Jubilar an seinem Hauptwohnsitz auf Sardinien inmitten viel schöner Natur. George sagt Sätze wie «Eigentlich wäre ich gern ein Unterwassermensch» und «Pferde sind unendlich schöne und liebe Tiere. Sie können zuhören, und das ist bei mir sehr wichtig». Das hat vermutlich damit zu tun, dass die Filmautorin Marika Ullrich seine Lebensgefährtin ist und er ungezwungen spricht, ohne allzu viel nachgedacht zu haben.
Dennoch kommt die prägnante Doku auf viele wichtige Punkte in Georges Karriere zu sprechen. Zum Beispiel auf seinen Vater
Heinrich George
- den großen Schauspieler, der in den 20er Jahren den Kommunisten nahestand, während der Nazizeit dem NS-Regime, in «Jud Süß» mitspielte und 1946, von den sowjetischen Siegern interniert, im ehemaligen KZ Sachsenhausen starb. Götz George sagt, dass er früher so wie sein Vater hatte werden wollen, aber doch «ganz anders» geworden sei, «viel sportiver», aber auch «eher kleinkariert, eher spießig». Sein Vater sei damals viel populärer gewesen. Marika Ullrich weiß womöglich, was viele wissen, die George interviewt haben: dass es wenig nützt, ihm zu widersprechen. Sie widerlegt ihn nur durch eine Montage alter Filmausschnitte. Götz George und sein Vater sind einander doch ziemlich ähnlich. Sie sind seit Jahrzehnten, seit der Stummfilmzeit, beim Filmschauspiel immer vorne dabei, und eben deshalb in ganz unterschiedlichen Stilformen, Genres, Rollen zu sehen.
Der Regisseur hat nicht gebremst Auch wegen der Vergangenheit seines Vaters hat Götz George schon als junger Mann seine Filmrollen oft mutig ausgewählt. Er war in den 60ern nicht nur Actionheld in Karl-May-Filmen wie «Der Schatz im Silbersee», sondern spielte auch in Filmen von
Wolfgang Staudte
wie «Kirmes» und «Herrenpartie», die um in der BRD ungern angesprochene Themen wie Kriegsverbrechen und desertierte Soldaten der Wehrmacht kreisten. In den 70er Jahren, als die Kunstform Fernsehfilm ganz ohne Anpassungsdruck der Privatsender blühte,
verkörperte
Götz George den KZ-Kommandanten Rudolf Höß.
In den 80ern initiierte er dann den nachhaltigsten Trend in der Geschichte des deutschen Fernsehfilms mit: Am 28. Juni 1981 ging
'Duisburg-Ruhrort'
als erster Schimanski-«Tatort» auf den Sender. Dass jeder halbwegs arrivierte Fernsehschauspieler inzwischen eine immer «unkonventionell» gemeinte Kommissars- oder Krimihelden-Rolle auf den Leib geschrieben bekommt, hat mit diesem übermächtigen, längst unerreichbaren Rollenvorbild zu tun. In der Doku seiner Lebensgefährtin lobt George den Ur-Schimanski-Regisseur Hajo Gies. Der habe die Schauspieler damals nicht gebremst. Dass die Fernsehregisseure von heute das tun, schwingt dabei mit. Georges große Bedeutung als Fernsehschauspieler liegt auch darin, dass er immer gern mit wirklich wagemutigen Regisseuren arbeitet, während Kollegen sich mit Krimiheldenröllchen und Degetofilmen begnügen.
«Die Katze» ist nicht «Die Katze» Oft übernimmt George Rollen, die Mut erfordern. In «Familienkreise» spielte er für Regisseur Stefan Krohmer einen unsympathischen Vater, in Andreas Kleinerts Film «Mein Vater» einen an Alzheimer erkrankten. Gerade abgedreht ist eine Verfilmung des Tabori-Stücks
'Mein Kampf'
fürs Kino und den ZDF-Theaterkanal. Für Romuald Karmakar war George «Der Totmacher». Von diesen Aspekten gibt die ARD-Doku nur einen arg verknappten Eindruck. Im Zuge des obligaten Prominentenlobs weist Filmproduzent Nico Hofmann zu Recht darauf hin, dass George «immer wieder eine Erneuerung in seinem Leben gesucht hat». Dazu werden Ausschnitte aus dem «Totmacher» eingespielt. Dass dieser Film aber vom umstrittenen Regisseur Karmakar stammt, während Hofmann mit George «Der Sandmann» gedreht hat, muss man sich denken. Der Grimme-prämierte medienkritische Thriller
'Der Sandmann'
ist 1995 für RTL 2 entstanden und bildet einen Höhepunkt der Privatfernsehen-Bemühungen um ambitionierte Fernsehfilme. Erst später wandelte sich RTL 2 zum «Big Brother»-Kanal.
 |  Doch am überzeugendsten: George als Schimanski | Foto: WDR/ Uwe Stratmann |
|
Die Filme, die die ARD mit George zu dessen Ehrentag gedreht hat, werden weniger Furore machen. «Die Katze» (heute, 20.15 Uhr;
Trailer)
ist nicht identisch mit dem
Dominik-Graf-Film von 1987,
einem von Georges großen Kinoerfolgen. Hier hat Drehbuchautor Daniel Nocke einen Roman von Georges Simenon adaptiert. Der Film erzählt von Liebe und Hass des Ehepaars Siegmar (George) und Margret (Hannelore Hoger). Realistisch schildert er Probleme, die entstehen, wenn zwei alte Menschen zusammenziehen; er überzeugt als spröde, dialogarme Schauspielstudie (weil Siegmar sich einbildet, Margret sei Schuld am Tod seiner Katze, spricht er nicht mehr mit ihr), macht aber nicht wirklich deutlich, weshalb der einst mit Jean Gabin verfilmte Stoff neu aufgelegt wurde. Vielleicht sind es aber auch einfach die grauen Haare, die George auf einer der zwei Zeitebenen des Films trägt, die nicht überzeugen: Für solche Altersrollen ist der Mann, der am Sonntag den Schimanski gab, noch nicht alt genug.
«Zurück zur Qualität» Völlig entgegengesetzt dann das Stück, das die ARD am Samstag kredenzt: «Schokolade für den Chef»
(Trailer)
trägt die eskapistische Handschrift der ARD-Filmfirma Degeto. George mimt Ernst Schmitt, Chef eines Schokoladenkonzerns mit Weltgeltung, der zur Kur ins Sauerland geschickt wird. Er landet jedoch in der Schokoladenfabrik, in der er einst seine Lehre absolvierte. Diese Fabrik gehört zu seinem Konzern, soll aber mangels Profitablität geschlossen werden. Schmitt heuert als Chauffeur des Managers an und kommt undercover dem wahren Stand der Geschäfte auf die Spur, während sein eigener Chauffeur im Kurhotel logiert. «Das ist hier eine Firmenzentrale und kein Bauerntheater!» schimpft der schnöselige Manager kurz bevor er erkennt, dass sein vermeintlicher Chauffeur in Wahrheit sein Konzernchef ist. «Schokolade für den Chef» allerdings ist retrokapitalistisches Bauerntheater, in dem Schmitt am Ende die Managerassistentin
(Jule Böwe)
mit ihrer Parole «Zurück zur Qualität» zur neuen Fabrikleiterin bestimmt. Solche Verwechslungs-Märchen mit vereinzelten Anknüpfungspunkten zur Realität wären dann charmant, wenn ARD und ZDF nicht jede Woche sowieso zwei Stück davon produzieren würden.
«Ich war unendlich fleißig in meinem Leben», sagt George in der ARD-Doku. Kein Problem also, dass zu seinen weit über 100 Filmen neben überdurchschnittlich vielen guten auch schlechtere gehören. Wie schreibt
'Uschi aus Deutschland'
im Gästebuch der absolut nicht offiziellen Homepage
'goetz-george.de':
«Ecken und Kanten, seine Meinung offen vertreten, sich nicht verbiegen lassen, gegen den Strom schwimmen und im Herzen dennoch weich wie Butter – schade, dass es so wenige Menschen vom Schlag eines Götz George gibt! Einem großen Schauspieler und Menschen meinen herzlichsten Glückwunsch!» Da hat sie völlig Recht.
Für das Web ediert von Christian Bartels |