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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Dienstag

08. Jul 2008 10:23, ergänzt 10:59
Das ZDF hatte aus Gründen der Qualität etwas übersehen, der
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Hängepartie im Autorisierungswahn: Die Kritik an den Anderen hat mit einem selbst nichts zu tun.


O tempora, o mores!

Der kundige Leser könnte annehmen, dass dieser Ausruf, der sich aus tiefstem Herzen seinen Weg bahnend unsere von Sorge wie zugeschnürte Kehle nun verlässt, auf Finanzinvestoren bezieht (siehe 'Tagesspiegel' ). Oder wenigstens auf Brigitte Nielsen (siehe Altpapierkorb).

Ist aber nicht so. Der Sittenverfall, er grassiert. Allüberall.

In der 'FAZ' hat Olaf Sundermeyer, der Mann, man könnte schon sagen, der für das Feuilleton überall dahingeht, wo es weh tut, also wahlweise zur NPD oder dem Perlentaucher , Olaf Sundermeyer beklagt den Autorisierungswahn in Interviews.

Journalisten in Deutschland müssen sich aber mit dem alltäglichen Autorisierungswahn auseinandersetzen, der in verschiedenen Symptomen auftritt, das Arbeiten erschwert und für Verstimmung sorgt. Für Jörg Staude, den Redakteur des Interviewmagazins «Galore», ist «die Entschärfung gesprochener Thesen in der späteren Verschriftlichung eine Form von Zensur».

Dabei gibt es dafür gar keine Grundlage:

Zumindest nicht mit der aktualisierten Form des Pressekodexes, der seit seiner Novellierung vom 1. Januar 2007 keine Genehmigung mehr vorschreibt. ... Und im ergänzenden Kommentar des Presserates ist die Rede von der «Klarstellung, dass ein Interview nicht zwingend autorisiert werden muss».

Was der Beitrag nicht diskutiert und im Zeitalter des Internets über die Kommentarfunktion wieder hereinkommt: dass die Medien selbst womöglich auch Schuld an der Angst des Gegenübers vor der Verdrehung seiner Worte beim Abdruck haben, die dann auch als Autorisierungswahn zurückschlägt.

Leser Tobias Ehrhardt (Angtarion):

Wenn man so die FAZ liest, ist bei gewissen Themen deutlich zu merken, dass es nicht um sachliche Argumentation geht, sondern darum, den anderen eins auszuwischen. Und wenn das selbst in der FAZ so ist, dürfte das in anderen Zeitungen noch schlimmer sein.

Apropos Auswischen. Der Artikel über den Wahn beginnt mit der einfühlsamen Einleitung:

Muss ein Reporter nachgeben, wenn der Bürgermeister einer Stadt in Brandenburg, wo bis zur Wende das Verteidigungsministerium der DDR saß, das Porträt über seine Stadt sehen will, bevor es erscheint?

Natürlich nicht. Vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, den Bürgermeistern von Städten, in den bis zur Wende das Verteidigungsministerium der DDR saß, die Menschenrechte abzuerkennen.

Antje Hildebrandt hat sich derweil die Boulevardmagazine auf den Privaten und Öffentlich-Rechtlichen angeschaut, vermutlich nicht ganz selbstlos, denn der 'KStA' hält die Erinnerung an den Sendeauftrag von ARD und ZDF seit Wochen hoch.

Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen sich auch im Sumpf des Boulevardesken noch an den eigenen Haaren auf den rettenden Ast des Qualitätsjournalismus zu ziehen:

Glaubt man der ZDF-Redaktion, verzichtet sie bewusst auf die so genannte B-Prominenz, um sich von der privaten Konkurrenz abzuheben... Die Redaktion versucht, ihm mit journalistischem Handwerk zu begegnen. «Bei uns wandert keine People-Meldung ungeprüft auf den Bildschirm», heißt es beim ZDF.

Leider ignoriert man so aber genau das, worum es auf dem Boulevard geht: etwa das Dekolleté von Angela Merkel. Die Autorin beschreibt diesen Umstand so einfühlsam, wie man es sich von der Qualitätspresse erwartet.

Immerhin sollte es das Dekolleté sogar bis auf die Titelseiten europäischer Boulevardzeitungen schaffen. Nur im ZDF schummelte man sich um die Hängepartie herum. Statt des Vorbaus der Kanzlerin widmete sich Pierre Geisensetter der Oper, «dem neuen Wahrzeichen von Oslo».

Vermutlich ist solch eine Metaphorik auch nur die Folge von zu viel Zeit vor dem Fernsehen, die man mit Boulevardsendungen verbracht hat.



Altpapierkorb

Gibt es nun aber noch Hoffnung für den Journalismus? Jawoll! In der 'SZ' hat Thomas Schuler die erste Arbeit eines amerikanischen Büros für investigative Recherchen begutachtet. ProPublica, finanziert auf drei Jahre von dem Milliardär Herbert M. Sandler, hat der Sendung CBS-Sendung «60 minutes» einen Beitrag über die Steuergeldverschwendung beim US-amerikanischen Propagandasender Al Hurra geliefert ( hier die Netzversion). +++ Und in Frankreich hört die satirische Wochenzeitung «Le Canard enchainé» nicht auf, Widerstand gegen Sarkozy zu leisten – mit Mitteln aus dem linken Analogzeitalter (keine Werbung, kein Internetauftritt, kein Ticker). Die «FAZ» (Seite 38) berichtet. +++ Das Gesundheitsministerium hat, anders als auf eine Kleine Anfrage der Linken einst gesagt, doch «sendefähige» Beiträge für Radiosender erstellen lassen zu Themen, die ihm nahe liegen. Die 'taz' : Wenn aber ein Mitarbeiter eines kleinen Senders laut der «Report Mainz»-Autorin andeutet, dass es nicht unüblich sei, solche Berichte eins zu eins auszustrahlen - dann müssen sie sich vielleicht doch auch fragen lassen, ob sie den richtigen Beruf gewählt haben. (Auch in der «SZ», Seite 17). +++ In Russland ist erstmals ein Blogger wegen des Schürens von Hass im Netz verurteilt worden - Christian Esch wirft in der 'Berliner' die Frage auf, ob das im Internet überhaupt geht. +++ Bertelsmann will sein Buchklub-Geschäft aufgeben ( 'FTD' ). +++ Und deswegen kaum «Weltbild» übernehmen – die Verlagsgruppe, die 14 katholischen Diözesen und der Berliner Soldatenseelsorge gehört, soll verkauft, aber nicht zerschlagen werden. Holtzbrinck zeigt Interesse ( 'FAZ' , 'FTD' ). +++ Microsoft will weiterhin Yahoo ( 'FTD' ). +++ Springer will in Polen die Hälfte des Verlags Presspublica kaufen, in dem die etwa die Tageszeitung «Rzeczpospolita» erscheint. Meldet die 'FR' . Die andere Hälfte gehört Mecom (wie auch Berliner Verlag und Netzeitung). +++ Bruno Ganz hat keine Probleme, im Fernsehen zu spielen. Im Theater unserer Tage dagegen schon ( 'Welt-Online' ).+++ In der 'FR' wird das Frauen-Netzwerk Nettwerk vorgestellt. +++ Der 'Tagesspiegel' frohlockt über einen Fortschritt auf dem E-Book-Sektor. +++ Und zu Brigitte Nielsen: 'taz' und 'Berliner' . +++

Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder gegen 10 Uhr.

 
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