Altpapier vom Montag07. Jul 2008 09:58  |  Das Altpapier der Netzeitung bekommt einen rhetorischen Blumenstrauß. Und fürchtet sich trotzdem. | Foto: IG Bau |
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Das musste ja so kommen: Das Altpapier der Netzeitung trifft endlich auf sich selbst. Und sieht sich im Spiegel zwar mit einem Blumenstrauß in der Hand, aber recht verschrecktem Blick im Gesicht.
Wollte man
diesen Artikel
über die Netzeitung vor uns geheim halten? Oder warum sonst hat man ihn in der Kategorie «Bücher» abgelegt – oder sollten wir sagen: versteckt? Nennt man so etwas guten Online-Journalismus? Oder will «stern.de» schon mal vorführen, wie es aussähe, wenn man ein paar Ressortleiter einsparte (blüht der «Berliner Zeitung» laut «Spiegel», S.71)? Fragen über Fragen … Nebensächliche Fragen! Denn heute gibt es – soweit wir das beurteilen können … – eine wichtigere: Was wird aus der Netzeitung?
Seit Juni 2007 ist die «Netzeitung» nun Teil von Montgomerys Zeitungsholding, zu der neben der «Berliner Zeitung» und der Hamburger «Mopo» auch der «Berliner Kurier» und das Stadtmagazin «tip» gehören. Bisher galt der Erwerb des Online-Objekts, das zurzeit etwa neun Millionen Klicks im Monat erreicht und vor allem für seine tägliche Medienkolumne «Altpapier» Anerkennung genießt, als Beleg für die von Montgomery verkündete «Online first»-Strategie.
Danke für die Blumen, Peter Luley! Wenn es nur so schön weiter ginge. Tut´s aber nicht. Denn David Montgomery und der «Deutschland-Statthalter» seiner BV Deutsche Zeitungsholding, Josef Depenbrock, wollen sich – zumindest sieht es arg danach aus – auch die Netzeitung sparen.
Tatsächlich dürfte das Bemühen um eigene Blickwinkel und unkonventionelle Herangehensweisen, das die kürzlich relaunchte «Netzeitung» trotz knapper Mittel bisher auszeichnete, keine weiteren Kürzungen verkraften. Matthias Breitinger, der Betriebsratsvorsitzende der «Netzeitung», wird noch deutlicher: «Herr Depenbrock spricht zwar von einer 'starken Marke', aber sie ist auch nur so stark, wie die Redaktion, die sie macht. Bei weiteren Stellenstreichungen wird die 'Netzeitung' mit dem Produkt, das Montgomery vor einem Jahr gekauft hat, nichts mehr zu tun haben. Das gilt erst recht, wenn es im schlimmsten Fall darauf hinauslaufen sollte, dass hier alle rausgeworfen werden und dann nur noch zwei Studenten einen dpa-Feed überwachen, der da einfließt.»
Laut
'Welt'
soll am kommenden Donnerstag bekannt gegeben werden, «ob alle oder nur die Hälfte der acht freien und acht festen Mitarbeiter gehen müssen». «Knapp acht Jahre nach ihrer Gründung könnte aus der Netzeitung ein Automat zur Content-Verbreitung werden», droht die
'FR'
, «Netzeitung in Lebensgefahr», titelt entsprechend das Blog
'Medienlese'
.
Dass sich mit Online-Journalismus keine allzu beeindruckenden Renditen erwirtschaften lassen, weiß man nun nicht erst, seit die Netzeitung mit dem «Medienexperten» Robin Meyer-Lucht
sprach
und «Los Angeles Times»-Herausgeber Russ Stanton seiner Redaktion in einer
E-Mail
das Paradox des Publizierens im Internet erklärte.
Immerhin das ist also bekannt. Denn ansonsten herrscht ja allerhand Unklarheit über das Warum und das Wie des Online-Journalismus. Deswegen hat sich vor ein paar Wochen der
'Unterausschuss Neue Medien'
mit dem Thema beschäftigt und ein paar wichtige Leute dazu
befragt
. Deswegen
versucht
«Spiegel Online» gerade die Spreu vom Weizen zu trennen und wirft der Launch des neuen Medienportals «Meedia» von Dirk Manthey (für den 14. Juli versprochen) so
weite
und
tiefe
Schatten voraus. Dass die Netzeitung diese Debatte per
Thementag
ebenfalls ein wenig mit anstoßen wollte ist natürlich kein Zufall (s.o.).
'Kooptech'
hat sich das angesehen, ein paar Löffel Weisheit dazu gegessen und attestiert mittels rhetorischer Frage sogleich einen Glaubwürdigkeitsmangel, da Online-Medien «die Grundlagen des Netzwerkjournalismus, nämlich das Verlinken, nicht beherrschen». Vom falschen Plural mal abgesehen: Einen Inhalt braucht´s da eben auch immer noch, und der ist nicht nur die anstrengendere Angelegenheit, sondern – in my humble opinion – auch weiterhin wichtiger als alle Links zusammen. (Die Vorwürfe sind natürlich trotzdem angekommen: Der «Unterausschuss Neue Medien» wurde hiermit ordnungsgemäß verlinkt, s.o.)
MEHR IM INTERNET: Artikel des Tages |
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Altpapierkorb
Was online gut geht: Fernsehsendungen zum Download (
'FR'
), «Anwaltschaftlicher Kunstjournalismus» (
'NZZ'
) und das Hörbuchportal «Audible» (
'Tagesspiegel'
). +++ Und vielleicht auch die zehnteilige Animationsdoku
'Was tust du eigentlich?'
von Katrin Rothe, denn deren Sendezeit 2.30 Uhr ist tatsächlich eher unmenschlicher Natur. Meint auch Torsten Wahl von der
'Berliner Zeitung'
, dem es wohl ganz gut gefallen hat. +++ Nicht nur Sat1 entdeckt die soziale Realität (
'kress'
), auch der NDR wildert zunehmend in den Gefilden der Wirklichkeit. Er macht nämlich jetzt Coaching-TV, «natürlich liegt der Grund für den Ideenklau bei den Privaten in der Hoffnung aufs junge Publikum und gute Quoten», ahnt die «Süddeutsche Zeitung» (S. 15) und berichtet auch sonst nichts Gutes darüber. +++ Ebenfalls böse Worte gibt es von Michael Hanfeld («FAZ», S. 36) für die kurzen Reportagen von Marietta Slomka aus China: «Sie fängt bei null an und erklärt uns fröhlich, wie es im Reich der Mitte zugeht. Und macht uns staunen. Staunen macht uns, wen und was sie alles bestaunt.» Die «SZ» (S. 15) fand es nicht ganz sooo schlimm, der
'taz'
hat´s gut gefallen. +++ «Ich bin nicht Jack Welch, sondern Hartmut Ostrowski»: Der Bertelsmann-Chef äußert sich in einem Interview mit dem «Spiegel» (S. 74ff) über die Zukunft des Konzerns. Man wolle sicher nie Gebäude reinigen oder Gefängnisse verwalten, erklärt er, auch «Gruner + Jahr» sei nicht in Gefahr, beim Nachdenken darüber, wie es mit dem Buchchlub weitergehe, gebe es allerdings «keine Tabus». +++ Gleich anschließend im «Spiegel» (S. 76f) erklären Nils Klawitter und Stefan Simons, wie der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Medien in den Griff bekommen hat und weiterhin in Schach halten will: «'Es ist wie bei Hofe', sagt der Journalist Daniel Schneidermann». +++ Die Diskussion über optische Zensur geht weiter: Die Stiftung Preußische Schlösser will an Bildern von Sanssouci ihr Eigentumsrecht geltend machen. Die Agentur Ostkreuz wehrt sich dagegen (
'taz'
).
Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Dienstag gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Katrin Schuster |