Altpapier vom Freitag04. Jul 2008 09:58, ergänzt 10:36  |  Jan Ullrich: Guckt die Tour höchstens im Videotext. Und findet in Kinderkrippen mehr Medikamente als bei der Tour. | Foto: dpa |
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Womit wir schon wieder beim Sport wären: Wer will die Tour de France sehen? Jan Ullrich schon mal nicht. Weil: In Kinderkrippen wird ja wohl noch mehr gedopt!
Gerade mal ein paar Tage ist es her, dass die Fußball-EM – entschuldigung: die «Uefa Euro 2008 ™» meinen wir natürlich – mehr (Deutschland wurde Zweiter) oder weniger (das ZDF fordert Schadensersatz von der Uefa für den Bildausfall beim Halbfinalspiel gegen die Türkei, siehe «SZ», S.17) glücklich zu Ende ging – und schon beginnt das nächste sportliche Event, das die erhitzten Straßen wieder ein wenig leeren und einige Gesichter bereits nachmittags ins Bildschirmgeflimmer der Öffentlich-Rechtlichen tauchen wird. Ein prominenter Zuschauer hat ARD und ZDF allerdings bereits eine Absage erteilt, wie Hans Leyendecker («SZ», S.17) erfahren hat.
Am Samstag beginnt in Brest die Tour de France und Jan Ullrich (Spitzname «Ulle») sprengt daheim die Blumen. «Wenn welche fahren, die ich mag, gucke ich. Sonst nicht. Abends schaue ich höchstens mal im Videotext, wie es gelaufen ist», erzählt der im schweizerischen Scherzingen lebende frühere Toursieger in «Sport Bild».
Stimmt, da war doch was! Doping und Einstellung der Berichterstattung und Abgabe der Rechte an Sat1 und so. Ist aber jetzt alles nicht mehr so. Meinen zumindest jene, die «rund fünf Millionen Euro» (
'Berliner Zeitung'
) für die Übertragung des Rennens hingelegt haben. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zum Beispiel (im
'Tagesspiegel'-Interview
).
Von beruhigt möchte ich nicht sprechen. Aber die Haltung der Tour-Organisatoren lässt es gerechtfertigter erscheinen, dass wir in diesem Jahr ein einigermaßen sauberes Rennen übertragen können.
Und was passiert, wenn´s doch – Überraschung! – anders kommt? (Dieser Meinung sind sogar die «Sportbild»-Leser, siehe
Umfrage
rechts oben). Brender:
Nicht jeder Fall eines gedopten Fahrers würde automatisch zum Ende der Tourberichterstattung führen. Denn wenn ein Fahrer erwischt wird, kann dies auch ein Indiz für funktionierende Kontrollen sein.
Leyendecker übersetzt: Abgebrochen wird auf jeden Fall, wenn etwa die ersten zehn Fahrer nachgewiesenermaßen gedopt waren und wenn der Organisator der Tour den Stoff verteilt hat. Dann wäre die Geschäftsgrundlage zwischen TV und Veranstalter entfallen. Ganz sicher. Senderehrenwort.
Verlassen kann sich Brender wohl wie eh und je auf das bestens wirksame Nationalgefühl, das bislang auch recht gut dafür gesorgt hat, dass man die Moral im Fall des Falles tunlichst beiseite schiebt. Leyendecker nennt das in der «SZ» (S.17, leider nicht online, online gibt es nur
'Der Streckenplan'
sowie
'Alle Fahrer, alle Teams'
– soviel zur Integrität) gar «Schizophrenie». Doch meint er natürlich weniger Otto Normal als vielmehr die «professionellen Beobachter», die nicht willens sind, genau hinzugucken, ja, vielmehr absichtsvoll wegsehen. (Soll man´s nun rosarote Brille nennen oder einfach nur Tomaten auf den Augen?) Wie etwa der ehemalige Tour-Moderator Jürgen Emig, der 1998 so hübsch erklärte:
Soll ich etwas Jan Ullrich fragen, ob er gedopt ist? Das ist nicht mein Stil.
(Über Emigs «Stil» wird man im August hoffentlich mehr erfahren, denn dann beginnt der Prozess gegen ihn. Die Vorwürfe laut
'kress'
: Bestechlichkeit als Amtsträger, Anstiftung zur Bestechung, Untreue und Betrug.)
Jörg Jaschke, Tour-Fahrer, der im vergangenen Jahr seine Doping-Systematik auf den Tisch legte und seither von allen aus der Branche gemieden wird, ist im
Interview
mit dem «SZ-Magazin» (das ihn als heiligen Sebastian ablichtet) derselben Meinung wie Leyendecker.
Die meisten Journalisten glauben, sie säßen im selben Boot wie die Athleten. Wenn da einer eine Latte reißt, ist das für beide der Untergang.
Kann Jan Ullrich da kontern? Er kann: Die «Grenzen im Radsport sind wie in der Kinderkrippe. Jedes Baby nimmt wahrscheinlich mehr Medikamente als wir dürfen.» Na dann.
MEHR IM INTERNET: Artikel des Tages |
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Altpapierkorb Seit einigen Monaten prüft das Bundeskartellamt nun schon, ob es etwas einzuwenden hat gegen die zentrale Vermarktung der Bundesligarechte durch die Agentur «Sirius», «die Leo Kirch nahesteht», nun gab es «ein erstes Signal» («SZ», S.17): Offenbar hat es nichts dagegen, die Verbraucher müssten jedoch «angemessen an den Vorteilen beteiligt» sein, zitiert die «SZ» eine Sprecherin des Kartellamts. Die DFL ist den Befürchtungen, die Liga könne im Pay-TV verschwinden, auch selbst entgegengetreten, wie der
'Tagesspiegel'
berichtet. +++ Muss ja gar nicht am Kartell liegen, Berichterstattung lässt sich auch viel leichter unterbinden:
'SZ'
über die Medienpolitik des FC Bayern. Auch im
'Standard'
zu finden – und man beachte bitte die themenverwandten Artikel wie «Vier Jahre Haft für chinesischen Journalisten», «Journalist in Simbabwe festgenommen» und «Gaza-Korrespondent bei Einreise gehindert». +++ Man kann´s auch umstandsloser machen und noch sinnvoller mit den eigenen Interessen verquicken: Wie man zugleich beim WDR und für die Barmer Krankenversicherung arbeiten kann, hat die
'FR'
erfahren. +++ Einer, der die Medienkrise als große Chance erlebt: Mathias Döpfner gibt der «FAZ» ein
Interview
. +++ Einer, der die Medien schon immer als große Chance sah: Österreich rüstet sich gegen Hans Dichand und seine «Kronen-Zeitung». Auch werden viele Briefe geschrieben (
'NZZ'
,
'Falter'
,
'taz'
). +++ Juhu, nicht nur der «Berliner Zeitung» geht´s schlecht (die
'SZ'
legt noch einmal nach): Die ProSiebenSat1-Betriebsräte schreiben ebenfalls einen
Brief
, und zwar einen
offenen
, an «Herrn Mäuser» und «Herrn de Posch». Darin beklagen sie den Abstieg des Unternehmens nach der Übernahme durch KKR/Permira. +++ Auch die «NZZ»
sorgt sich
um das Gebaren der Finanzinvestoren. +++ Sowie um den neuen Trend der
'Experimental-Publizistik'
.
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