Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Donnerstag26. Jun 2008 10:00, ergänzt 14:48  |  Pilawas 'Bild'-Gala in der ARD verpasst? Kein Problem, einfach Freitag MDR gucken | Foto: ARD/Gabo |
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Was für ein Fernsehabend gestern! Im ZDF die «ärgerlichste anzunehmende Panne» und fast genauso überraschend in der ARD: eine Preisgala der «Bild»-Zeitung.
Die nach wie vor zahlreichen Fernsehtipps, die die Zeitungen geben, kommen an dieser Stelle nicht mehr so oft vor. Es passiert ja auch sonst genug. Daher fehlte gestern der Hinweis auf die
Hinweise
auf die
'beeindruckende Reportage
über Computersucht' «Spielen, spielen, spielen - wenn der Computer süchtig macht». Um 23.30 Uhr hätte sie im ARD-Programm laufen sollen.
Knapp neun Stunden vor der geplanten Ausstrahlung, um 14.58 Uhr, kam allerdings eine
Pressemitteilung,
wonach die ARD eine «Sondersendung ins Programm» hebt: Die «glanzvolle Bild-Osgar-Nacht» wurde im Anschluss an die «Tagesthemen» um 22.45 Uhr gezeigt und verdrängte auch die Spiele-Dokumentation.Eine «ganz spontane» Entscheidung von Programmdirektor Günter Struve, schreibt die «SZ» (S. 17).
Das sei so gekommen: Struve, «den viele für die Unterhaltungssucht der ARD verantwortlich machen, war Dienstagabend in Leipzig, als der Springer-Verlag seine Trophäe 'Bild-Osgar' verliehen hatte. ... Das kommt jetzt dreimal im TV: Der MDR zeigt Springers Fest, das Jörg Pilawa moderierte, am
Freitag;
Phoenix hatte die Gala längst für
Mittwoch
eingeplant, allerdings in direkter Konkurrenz zum EM-Spiel der Deutschen im ZDF, also mit null Quote. Das Fußball-Problem fiel aber offenbar erst so richtig auf, als Pilawa es beim Warming-Up im Festsaal ansprach, wo auch Verlagserbin Friede Springer und Vorstandschef Mathias Döpfner zuhörten».
Womöglich auf Wunsch dieser Persönlichkeiten schüttelte Struve also den dritten TV-Termin im sog. Ersten Programm aus dem Ärmel: «In der ARD wurde die 90-Minuten-Sendung nun kurz nach Ende der regulären Spielzeit im EM-Halbfinale (ZDF) platziert. Glücklich machte Struve sicher den Springer-Verlag. ... In der ARD sind manche nicht so glücklich», zumal ja im GEZ-Fernsehen kein Mangel herrscht
an
glanzvollen
Galas,
in deren Rahmen Verlage Prominente Prominenten wie Bill Clinton, Naomi Campbell, Oliver Kahn und Hartmut Mehdorn Preise überreichen lassen.
Struve selbst sagte der «SZ», «ausschließlich die bewegenden Worte von Helmut Schmidt, dem großen deutschen Kanzler», hätten ihn zur Programmänderung veranlasst. Das Blatt erinnert deshalb daran,
dass
Struve selbst «einst als junger Redenschreiber für die SPD arbeitete» (für Schmidts Vorgänger Willy Brandt).
Schon von daher weiß Struve, wo Dienstweg und Diplomatie erfordern, ranghöheren Funktionären den Vortritt zu lassen. In
der
bereits oben verlinkten Springer-Pressemitteilung ist's MDR-Intendant Udo Reiter, der mit den Worten zitiert wird: «Der Bild-Osgar 2008 war eine höchst eindrucksvolle Gala. Als Referenz vor allem an Helmut Schmidt haben wir die Sendung kurzfristig ins Erste Programm gehoben».Was die Veranstaltung selbst betrifft, so liegt es in der Natur der Textmedien, dass sie von derlei glamourösen Ereignissen nur sehr mittelbare Eindrücke vermitteln können: «... Barbara Becker, die Ex-Gattin des Ex-Tennisstars, ernennt die Schlagersängerin Andrea Berg zur 'First Lady der Musik'. Die in diesen Kreisen 'Talk-Lady' genannte Fernsehjournalistin Maybrit Illner lobt den so großartig wie unverständlich vor sich hin nuschelnden Udo Lindenberg. Und Veronica Ferres nennt Udo Jürgens 'das Non-plus-ultra der deutschen Musikgeschichte', was auch anderswo als in der Bach-Stadt Leipzig ein bemerkenswerter Satz wäre. ...» (Evelyn Roll, «SZ»-S. 3)
Und
'welt.de':
«... Weitere Preisträger sind Schauspielerin Alexandra Maria Lara (in langem dunklen Kleid), Sängerin Andrea Berg (trug eine knallenge Lederhose) sowie Sänger und Komponisten Udo Jürgens (dunkler Anzug, dunkle Krawatte), der den 'Osgar' für sein Lebenswerk erhält».
Die Preisträger zum Durchklicken gibt's auch in der
Netzeitung.
MEHR IM INTERNET: die artikel des tages |
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Altpapierkorb Bundeskanzlerin Angela Merkel, noch keine Osgarpreisträgerin, bloß Laudatorin, war gestern öfters auch live am Rande des Fußballspiels im ZDF zu sehen. Alles über die denkwürdige AAP(«ärgerlichste anzunehmende Panne», so ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz):
Netzeitung,
'faz.net'
(«Jetzt raubt uns die Technik auch noch die Ekstase»). «Alles keine Schuld des ZDF!»
('bild.de').
Was wird im Finale?
('Tsp.')
. +++ «Die Fußball-Europameisterschaft ist ein Film, der live geschnitten wird»
('Freitag'
über die UMET/ «UEFA Media Technologies SA»). +++ Nicolas Sarkozy folgt mit seinen Plänen für ein werbefreies öffentliches Fernsehen dem Vorbild Deutschland, um es anschließend sogar zu überholen. Lutz Meier berichtet in der
'FTD',
dass «Mobiltelefonierer und Internetkunden, deren Anbieter mit höheren Steuern belastet werden», dafür bezahlen müssen. +++ Endlich jemand, der das von Leo Kirch ersonnene, vom Kartellamt noch nicht genehmigte Modell der Bundesliga-Fernsehvermarktung gut findet: Adrian von Hammerstein, Chef des Kabelnetzbetreibers «Kabel Deutschland»
('Handelsblatt').
+++ Es mehrt sich Kritik an der ZDF/ «Die Zeit»-Kooperation im Internet
('FR').
Sie sei «für einen öffentlich-rechtlichen Sender kein normales Lizenzgeschäft. Stattdessen eröffne das ZDF einen neuen Distributionsweg in einem Medium, bei dem noch ungeklärt sei, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk dort unter welchen Voraussetzungen dürfe», ärgert sich RTL-Medienpolitiker Tobias Schmid in der «FAZ» (S. 44). ++ Wie RTL «sein Personal für Nachrichten und Magazine in einer eigenen Firma» namens «Infonetwork» bündelt, beschreibt der
'Tagesspiegel'.
+++ «FAZ»-Medienseite 44: ein langer Artikel über den arabischen Journalismus. +++ Das Vorhaben, den Journalismus in Usbekistan zu fördern, hat die Konrad-Adenauer-Stiftung nach anderthalb Jahren aufgegeben
('taz').
+++
Ebd.:
eine Berliner Ausstellung über Paparazzi. +++ Die «SZ» schildert, wie Amy Goodman in New York mit «Idealismus und wenig Geld»
'Democracy Now!'
am Leben erhält. +++ Während die ZDF-Shows aus Bregenz die
'Berliner'
«an »Hitparaden«-Zeiten» erinnern, erinnert, wie «Gülcan und noch eine nach Bayern zum Bauern» ziehen, so sehr ans in Arkansas angesiedelte US-Vorbild, dass zumindest Lob fürs Casting
fällig
ist. +++ Christoph Twickel, der selbst Chefredakteur der Stadtzeitschrift «Szene Hamburg»
war,
weiß daher, dass «die goldene Ära der Stadtmagazine vorbei» ist.
Am Kiosk
ging er der Frage nach, wieso also «ausgerechnet in der mitteldeutschen Diaspora ein regionales Kulturmagazin blüht». +++ Nicht als Osgar, nein, gar als «Oscar des Kinderfernsehens» wird das Festival gerühmt, das Tilmann P. Gangloff für die
'FR'
besuchte. Die «Stimmung war prächtig. Doch der Schein trog». +++ Oliver Kalkofes Problem: «Das Fernsehen, über das er sich parodistisch lustig macht, wird immer unparodierbarer. Es wird schneller dümmer, als Kalkofe reagieren kann. Genau deshalb erweist sich auch seine Art, das Medium zu spiegeln, als völlig überholt» (Hans Hoff, «SZ», über Kalkofes neuen «Mattscheiben»-Anlauf auf Pro Sieben).Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.
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