Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Donnerstag22. Mai 2008 10:08, ergänzt 11:14  |  Immerhin, Tita von Hardenbergs Esprit bleibt gefragt | Foto: dpa |
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Zum fünften Geburtstag haut die drittkleinste ARD-Anstalt auf die Pauke. Reaktionen auf die Einstellung von Radio Multikulti und «Polylux» im RBB.
Laufend wird ARD und ZDF vorgehalten, wie sie mit Gebührenmilliarden und Online-Expansion den Wettbewerb verzerren.
Nun zieht sich
mit dem kleinen, gerade fünf Jahre alten RBB eine öffentlich-rechtliche Anstalt tatsächlich mal aus einer Fernsehshow und einer ganzen Radiowelle zurück, und wieder ist's fast allen nicht recht.
Warum, bringt die
'taz'
auf den Punkt: «Schließlich ist das öffentlich-rechtliche System gerade in Raufhändel mit der Politik und den Verlegern verstrickt. Seine Programme würden denen der privaten Anbieter immer ähnlicher, heißt es von Kritikerseite hier nicht ganz unberechtigt. Bisher war gerade Multikulti in dieser Debatte immer ein höchst willkommener Gegenbeweis für die gute, öffentlich-rechtliche Sache.» Künftig wird es das nicht mehr sein. Insofern sei das Aus für Radio Multikulti ein «Schlag ins Kontor: für den RBB, die ARD, Berlin und Deutschland an sich». Sowie für «den ganzen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ... Dort beginnt man eben erst mit jahrzehntelanger Verspätung zu begreifen, dass Deutschland längst Einwanderungsland und multikulturelle Gesellschaft ist. Man sucht händeringend ModeratorInnen und Redakteure nichtdeutscher Herkunft».
Und Radio Multikulti bringt eben solche Journalisten hervor. In einem lesenswerten Sender-Nachruf auf
'Spiegel Online'
nennt Ferda Ataman als Beispiel Sibelt Balta, die einst für Radio Multikulti «ausgefallene Nischenberichte» erstellte und inzwischen für ProSieben arbeitet.
Andererseits, der Radiokanal hat «eine Tagesreichweite von 37.000 Hörern, was einem Marktanteil von 0,8 Prozent entspricht. Dieser (schmale) Erfolg ... bestimmt den Gesamterfolg des RBB-Hörfunks am wenigsten mit», rechnet der
'Tagesspiegel'
vor. Das kommt zwar auch daher, dass bei solch Reichweitenanalysen «viele Hörer mit Migrationshintergrund», bzw. ohne deutsche Staatsbürgerschaft, « und damit das Zielpublikum gar nicht erst erfasst» werden, wie Multikulti-Chefredakteurin Ilona Marenbach einwendet. Aber solche Rechnungen hat der RBB wohl angestellt. Auch die Fernsehsendung «Polylux» «erreicht in diesem Jahr pro Ausgabe rund 600.000 Zuschauer (sechs Prozent Marktanteil), 2007 waren es noch 690.000 (6,7 Prozent Marktanteil)».
Um die ARD-Show tut's den Medienbeobachtern weniger leid. «SpOn» bringt auch hier einen
Nachruf,
allerdings hämischer: «Für die geschassten Macher von 'Polylux' sollte das kein Grund zum Lamentieren sein. Folgt man dem heiteren Modernisierungsoptimismus, der in ihren Reportagen über ausgebrannte 20-jährige und ausgenommene 30-jährige so oft zum Tragen kam, hält das Berlin-Mitte-Leben zwischen Arbeitsamt und Kellnerjob ja einige ganz wunderbare Verrücktheiten parat.»
Tatsächlich gibt Moderatorin und Produzentin Tita von Hardenberg im Interview der
'Berliner Zeitung'
eine Kostprobe eben dieses heiteren Optimismus: «Kaum haben wir die Nachricht gehört, flogen bei uns schon die Ideen nur so durch die Luft, was man bis dahin machen kann. Zum Beispiel einen Countdown. Oder wir versteigern meine Moderationskarten». Neue Sendungen «mit dem speziellen Polylux-Esprit» würden bereits nachgefragt, so der «sympathische Moderationsroboter» («taz»).
Die
'Berliner'
(deren früherer Medienressortchef Ralph Kotsch 2007
zum RBB
ging und als dessen Unternehmenssprecher heute oft zitiert wird), beschäftigt sich auf der Tagesthema-Seite 2 mit den Sparbeschlüssen der lokalen ARD-Anstalt: «Hintergrund für das Doppel-Aus ist, wie meistens in solchen Fällen, das Geld. ... Die Ursache liegt in den hohen Gebührenausfällen, die der Sender aufgrund hoher Arbeitslosigkeit in und stetiger Abwanderung aus der Region zu verzeichnen hat. Hinzu kommt ein Verteilschlüssel für die Rundfunkgebühren innerhalb der ARD, der die großen Sender ... bevorzugt». Ein Notruf der RBB-Intendantin Dagmar Reim im Kreis der Intendanten brachte vor einigen Wochen nur rund zwei Millionen Euro Einsparnis pro Jahr, obwohl 13,5 Millionen pro Jahr fehlen.Ein Argument, das die Kollegen Intendanten wohl vorbrachten, nennt der «Tagesspiegel» (oben verlinkt): «Für die übrigen ARD-Sender lebt die Zwei-Länder-Anstalt schlicht über ihre Verhältnisse. Wenn sich der viertgrößte Sender, der BR, nur fünf Hörfunkwellen leistet, wie kann dann die siebtgrößte Anstalt auf sieben Programme pochen?»
Mit der Verkündung seiner Beschlüsse gerade jetzt setzt der RBB «bewusst ein Signal - hausintern, in die Stadt, aber auch an die Politik und die übrigen ARD-Anstalten. Proteste gegen die Entscheidung sind dabei einkalkuliert», meint im
'Kölner Stadtanzeiger'
der Berliner Rainer Braun.
Das sorgt nicht allein für «Zündstoff auf der heutigen Sitzung des RBB-Rundfunkrats», dessen Mitglieder zumindest teilweise nicht vorab informiert wurden und auch gegen die Einstellungen sind. «Vorprogrammiert sind auch Konflikte in der ARD, die wiederum die Politik nicht kalt lassen dürften», schreibt Braun.
Da trifft es sich gut, dass die Chefs der Staatskanzleien der Länder ebenfalls heute ebenfalls in Berlin tagen. Eigentlich haben sie mehr als genug Baustellen, an denen gearbeitet werden muss (siehe ebenfalls
'Kölner Stadtanzeiger').
Aber nun dürften sie nicht umhin kommen, auch ein paar Worte über die überraschende Krisenlage beim RBB zu wechseln. Worin vermutlich das zentrale Kalkül des kleinen Hauptstadtsenders bestehen dürfte.
Immerhin, das (eigentlich weiter oben auf der Agenda der Staatskanzlei-Chefs stehende) Konzept der Mediathek funktioniert auch beim RBB, und zwar so krude wie überall in der ARD. Der Fernsehbeitrag über das Radio Multikulti-Aus ist in gleich
drei Versionen online abrufbar.
Der Gerechtigkeit halber: Nur die Anmoderationen unterscheiden sich, der Filmbeitrag ist jeweils identisch.
Nun noch ein Hinweis für Berliner und Brandenburger: Am Samstag lädt der RBB anlässlich seines fünften Geburtstags zum Tag der offenen Tür.
Besuchen Sie Radio Multikulti,
solange es noch steht.
MEHR IM INTERNET: die artikel des tages |
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Altpapierkorb Warum sich die größten Qualitätszeitungen nicht zur RBB-Misere äußern? Weil in Frankfurt und München heute der zeitungsfreie Feiertag Fronleichnam ist. +++ Einen Michael Hanfeld-Beitrag gibt's bei
'faz.net'
trotzdem. +++ Noch mehr zum Thema in der
'taz'
unter der hübschen Zeile «Arm und nicht mal sexy». +++ +++ Reaktionen der Radio Multikulti-Zielgruppe im
'Tsp.'.
+++ «Enger kann eine Männerfreundschaft kaum sein» als die zwischen Rupert Murdoch und Robert Thomson: Beide «verbindet die australische Heimat, beide haben am 11. März Geburtstag und eine Chinesin zur Frau» und «jeweils zwei junge Kinder». Und seit der am Mittwoch zum offiziellen Chefredakteur ernannte Thomson Murdochs «Wall Street Journal» ummodelt, sei das «kaum wiederzuerkennen»
('FTD').
+++ Wie der Pay-TV-Sender Premiere von seinem neuen Gesellschafter Murdoch profitiert
('Handelsblatt',
selbstverständlich aus ausschließlich betriebswirtschaftlicher Perspektive).+++ «Faz.net» hat Peer Schaders
'FAS'-Artikel
über Myspace (auch Murdoch) und Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Nutzern ins freie Netz gestellt. +++ Aus der
'FTD'
von gestern nun frei online: ein Bericht über Lokalfernsehen in Deutschland, das schon seit Jahren und auch derzeit kurz vor dem wirtschaftlichen Durchbruch steht. +++ Die
'taz'
hat wegen der bevorstehenden Bundesligarechte-Versteigerung bei Free-TV-Sendern
(siehe Altpapier gestern)
nachgefragt und scherzt: «Fußballrechte sind ein Spiel, und am Ende gewinnt immer die ARD». +++ «Gab es unter Kollegen und in Ihrem Bekanntenkreis niemanden, der Sie vor einem Engagement als 'Tatort'-Kommissar gewarnt hätte?» - Martin Wuttke: «Nein.» - Simone Thomalla: «Bei mir auch nicht. Ein 'Tatort' ist schon noch was Besonderes in der heutigen Fernsehlandschaft»
('Berliner'-Interview
mit den neuesten Kommissarsdarstellern). Mehr zu Wuttke steht in der
'Zeit'.
+++ In Berlin wurde diskutiert, ob die Olympischen Spiele den Chinesen «tatsächlich eine Zukunft mit einer freieren Medienberichterstattung und den Zugang zu Informationen» bieten. Der
'Tsp.'
war dabei. +++ «Eines Tages wird ein Sender daherkommen und in einer zehnteiligen Fernsehshow den Sack Reis auswählen lassen, der gleich anschließend in China beiläufig umfallen wird».
(Marcus Bäcker
über «Bully sucht die starken Männer»). Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.
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