Neue TV-Serie:
Krasser Candy in Murdochs Netzwerk
19. Mai 2008 07:38
 |  Das Candygirl vorn heißt Lola. Der Name der Darstellerin wird noch nicht genannt | Foto: Ben Wolf |
|
Heute startet im Internet eine neue deutsche Fernsehserie. «They call us Candygirls» sei digital und sozial, aber auch härter als TV-Ware, heißt es bei Myspace. Es ist zumindest ein interessantes Experiment, meint
Christian Bartels.
«Ich muss hier rein!» sagt die hübsche Blonde mit dem offenen Lächeln, die aus dem Dunkel unter der Hochbahn vor dem Berliner Club auftaucht. Kurz darauf ist sie drin, nippt an einem süßen Drink und versucht, das dazu drapierte Stück Melone sexy zu verzehren. Das gelingt ihr auch, zumindest in den übernächtigten Augen des coolen DJs... So beginnt die ab heute im Netz abrufbare Fernsehserie «They call us Candygirls».Wie die junge Protagonistin in der schmutzigen Großstadt ankommt, erinnert einerseits an Vorbilder. Ein wenig ähnelt sie Lisa Plenske aus «Verliebt in Berlin», bloß ohne Zahnspange und den Silikon-Fatsuit, den Alexandra Neldel über weite Strecken der Sat.1-Soap trug. Clementine, die ihren Namen englisch ausspricht, ist sofort hübsch. Ohnehin ist «They call us Candygirls» schnell. Folge 1 dauert ein paar Minuten, schnelle Schnitte zu meist pulsierender Musik. Die 20 Folgen der ersten Staffel werden insgesamt 80 bis 90 Minuten umfassen. So genau weiß man das noch nicht, denn noch wird gedreht. Zwei Folgen pro Woche stellt das Netzwerk Myspace online. Jeden Montag und jeden Donnerstag mittag sollen die Fans gespannt darauf warten.
«Den ganzen Tag Müll»
Der deutsche Myspace-Ableger hat sich viel vorgenommen. Geschäftsführer Joel Berger zur Netzeitung: «Wir wollen das TV-Rad ein Stück weiterdrehen. 'They call us Candygirls' ist nicht nur digital, also auf allen Plattformen abspielbar, auf denen man sich das ansehen will, sondern auch sozial. Man kann die Clips auf sein eigenes Profil laden, Kommentare posten und 'Freund' der Hauptdarstellerinnen werden. Das wird ein anderes TV-Erlebnis sein als einfach eine lineare Geschichte anzuschauen». Daher zählt nicht nur das Schauspielern zum Job der Hauptdarstellerinnen, sondern auch die Interaktion mit Myspace-Nutzern. Berger: «Nicht nur, was passiert, wenn wir neue Episoden online stellen, sondern auch was dazwischen passiert, ist ein wesentlicher Teil des Projekts». Damit nichts die Illusion behindert, werden in der dem Publikum gegenüber zunächst nur die Rollennamen und nicht die der Schauspielerinnen genannt. Mit Soffy, Lola, Kira und Clementine befreundet es sich leichter.
Vor der Kamera küssen können
Die Regisseurin hat ebenfalls Ambitionen. Miriam Dehne sagt zur Netzeitung, sie lege «total Wert darauf, dass überhöhte Bilder der Alltäglichkeit eine neue Ebene geben, nicht ganz so wie in David Lynchs 'Twin Peaks', aber vielleicht so wie bei Richard Linklater. Man sieht im Fernsehen den ganzen Tag Müll». Davon will sie sich absetzen. Die Charaktere der vier allesamt weiblichen Hauptfiguren seien härter und «etwas krasser angelegt als in deutschen TV-Serien, so wie die Figuren in 'Desperate Housewives' und 'Sex and the City'. Damit trauen wir uns schon was».
 |  3.v.l.: Clementine, die ihren Namen englisch ausspricht | Foto: Ben Wolf |
|
Zumindest hebt sich «They call us Candygirls» von der preiswerten Optik der Dailys des Fernsehens ab. Und mit dem, was dort als «Reality» läuft, habe es auch wenig zu tun. Dehne: «Wir haben wahnsinnig lange gecastet, weil wir weder Jungschauspielerinnen wollten, denen man einfach nicht glaubt, dass sie in einem Club arbeiten, noch Leute, die in einem Club arbeiten, aber keine Schauspielerfahrung haben. Denn das kippt leicht in Richtung 'Big Brother'-Qualität. Unsere Darstellerinnen müssen morgens richtig fertig aussehen, vor der Kamera schreien und jemanden küssen können.»Tatsächlich hat die nur im Netz erhältliche Fernsehserie Chancen, das Mediennutzungsverhalten zu verändern. Schließlich nennt sich Myspace «größtes Social Network der Welt» und gehört seit 2005 zu Rupert Murdochs News Corp.-Konzern. Der australisch-amerikanische Medienmogul ist derzeit so oft in den Schlagzeilen wie selten. Seit Dezember 2007 gehört ihm das «Wall Street Journal», der Kauf von Yahoo wurde ihm locker zugetraut. Aktuell untersucht die EU-Kommission, ob Murdoch beim deutschen Pay-TV-Sender Premiere schon mehr Einfluss ausübt, als der 22,7 Prozent-Anteil suggeriert, der ihm offiziell gehört.
Schnuffels «Kuscheln» und «Lost»
Zwar sind in den 90er Jahren mehrere Geschäfte Murdochs in Deutschland gescheitert, mit Vox, dem längst eingestellten Frauensender tm3 und schon einmal bei Premiere. Doch gerade Myspace zeigt, dass Murdochs Firmenimperium in den neuen Medien und bei Inhalten, die junge User interessieren, gut aufgestellt ist. Bei Myspace findet man den Videoblog «Neues aus Waldheim» des Comedyduos Stermann & Grissemann, eine der wenigen Eigenproduktionen von Premiere, und sehr oft den Videoclip «Kuscheln» des animierten Popstars Schnuffel - eine Produktion der Klingeltonfirma Jamba, die zu 51 Prozent Murdoch gehört.
Und am heutigen Montag geht der deutsche «Fox Channel» auf Sendung. Mit US-Serien wie der neuesten «Lost»-Staffel und «Curb Your Enthusiasm!» (hierzulande am ehesten bekannt als Inspiration für die Sat.1-Serie «Pastewka») hat er attraktive Angebote. Der Serien-Sender kommt just dann ins Pay-TV, wenn das deutsche Myspace seine erste Eigenproduktion ins Netz stellt. Zufall, sagt Myspace-Chef Berger: «Kooperationen gibt es nur auf der Ebene eigenständiger Partner», schon weil es in Deutschland es relativ wenige Fox-Unternehmen gibt.Nun treffen bei Fernsehserien im Internet alle Player des Mediengeschäfts zusammen. Deutsche Sender probieren sich mehr denn je darin aus, die privaten («RTL Now», «Maxdome») wie die öffentlich-rechtlichen mit ihren Mediatheken. Myspace, das sich selbst als «Kommunikations- und Entertainment-Plattform» bezeichnet, will sich so von anderen Netzwerken unterscheiden, die Myspace-Chef Berger «bebilderte Telefonbücher» nennt. Geld verdienen will das Netzwerk - wie alle im Internet - durch Werbung am Seitenrand und einen Sponsor. Product Placment wäre rechtlich möglich, sei zunächst aber nicht geplant.
 |  Kein Candygirl, sondern Regisseurin Miriam Dehne | Foto: Daniel Zander |
|
Tanz um den Pool
Zumindest besitzt Murdochs Portal Erfahrungen im Umgang mit Bewegtbildserien. Die US-Websoap «Roommates» ist bereits in zwei abgeschlossenen Staffeln abrufbar. Ein Vorbild für die deutschen «Candygirls» war sie eher nicht. Regisseurin Dehne: «Das sind vier bis acht hysterische Girls, die sich alle völlig ähnlich sehen und um einen Pool tanzen». Ähnlich sind zumindest die kurzen Längen von rund vier Minuten. Diese «Taktung» sei ein «Erfahrungswert» für die Aufmerksamkeitsspanne des Internetpublikums, sagt Joel Berger, vor allem aber aus der Nutzung der deutschen Plattform. Attraktiver für deutsche Nutzer ist die Vampirserie «Beyond the Rave», die unter dem Label der seit den 50er-Jahre-«Dracula»-Filmen im Horrorgeschäft erfolgreichen Hammer-Studios produziert wird. In Deutschland sind die blutigen Folgen erst ab 23.00 Uhr abzurufen. Kein Marketinggag, so Myspace-Chef Berger: «Die Engländer zeigen es ganztags. Wir haben beschlossen, es ab 23.00 Uhr zu zeigen, weil wir es für erst ab 18 geeignet halten». Man habe die Serie gar bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen eingereicht, die für Altersfreigaben im klassischen Fernsehen zuständig ist, aber noch keine Einschätzung bekommen und daher die Seite bis 23.00 Uhr IP-geblockt.
«Melde den Vorfall umgehend der Polizei»
Nötig wäre das wohl nicht unbedingt. Es ist eine nette Geste gegenüber deutschen Medienwächtern und -politikern, die gerade alles, was mit Bewegtbildern im Internet passiert, mit viel Regulierungswillen beobachten. Klare Regeln für die Grauzone zwischen Fernsehen und Web gibt es nicht, da sind solche Gesten nicht verkehrt. Auch wenn im Myspace-Jargon das Adjektiv «sozial» oft vorkommt, geht es in den Weiten der Webseite heftig zu. Zwischen Schnuffels tauchten primitive Hass-Clips auf, in denen etwa zu Hardcore-Techno und Bildern einer animierten Dita van Teese-Figur Zeilen à la «In den Müllpresswagen rein du scheiss Transvestitenschwein» vorgetragen werden. «Wenn dich jemand bedroht, melde den Vorfall umgehend der Polizei», lautet ein Myspace-Ratschlag an die Nutzer.Vielleicht wird die erste deutsche Myspace-Serie solche Nutzer-Erfahrungen spiegelt und insofern tatsächlich «krasser», also auch realistischer als herkömmliche deutsche Serien. Ob das reicht, die Zielgruppe zu fesseln, muss sich zeigen.
Bei der Premiere in Berlin vergangene Woche (bei der sich auch der bislang bekannteste deutsche Myspace-Star Lady Bitch Ray gern von vorn und hinten fotografieren ließ) gab es noch Folge 2 zu sehen: Da legen sich die Candygirls nach der anstrengenden Nacht im Club am Morgen zum Schlafen hin. Allmählich kristallisieren sich die Beziehungen der auch als «Bitter Candy, Randy Candy, Pretty Candy und Coco Candy» charakterisierten Mädchen heraus. Die Kamera setzt oft zwei oder drei von ihnen zugleich ins Bild und sie so in Beziehung zueinander - was für den Kunstwillen der Regisseurin spricht. Ob der Funke überspringt, zählt zumindest zu den spannenderen Experimenten im Medienbetrieb.