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Unsere Medienkolumne: 

Altpapier vom Donnerstag

08. Mai 10:16, ergänzt 11:17
Weder Ministerpräsident, noch Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder, aber auch Politiker: Volker Beck (Grüne)
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Brennpunkte des Geschehens: Kurt Becks internetfähiger Dienstwagen, Hamburger Verlagskantinen, Springers «Gulag».

«Herr Beck, auf welchen Internetseiten informieren Sie sich morgens?»

«Morgens mache ich das überhaupt nicht. Da brauche ich geballte Informationen, und die hab ich vorbereitet auf dem Tisch».

«Wenn Sie unterwegs sind, nutzen Sie da das Internet?»

«Bisher nicht, aber mein neuer Dienstwagen wird internetfähig sein».

Wer sehr geballte Informationen benötigt, sollte sich das medienpolitische Interview, das die «Zeit» (S. 24, hier verknappt) mit dem obersten SPD-Medienpolitiker Kurt Beck [Achtung: nicht der auf dem Foto!] führt, eher schenken. Wer auch gern zwischen den Zeilen liest, wird jedoch durchaus etwas erbaut. Zum Beispiel sagt Beck, als es um die Mediathek des ZDF geht, die viele Folgen der Telenovela «Wege zum Glück» zum Abruf im Internet bietet:

«... Wir haben die Erfahrung gemacht, dass politische Informationssendungen mehr Zuschauer haben, wenn vorher Shows oder Krimis laufen. Das gilt auch im Netz».

«Die Zeit» spricht nun leider nicht an, dass die Mediatheken doch vor allem wegen ihres Vorzugs der so genannten Zeitsouveränität eingeführt wurden und es daher dieses Vorher im Internet eben gar nicht gibt. Sie beklagt recht allgemein: «Die Mediatheken kosten die Allgemeinheit zudem noch viel Geld».

Beck entgegnet sehr sozialdemokratisch: «Warum soll einer, der Nachtschicht hatte, nicht die Chance bekommen, morgens noch die 'Tagesthemen' vom Vorabend abzurufen. Man muss den Leuten, wenn man ihnen flexible Arbeitszeiten abverlangt, auch die Möglichkeit geben, wichtige Sendungen von ARD und ZDF zu sehen. ...»

Generell hat man den Eindruck, dass Beck und «Die Zeit» ganz gut miteinander können. Vor allem wenn sie dann gemeinsam beklagen, wie hektisch, aufgeregt und manchmal unprofessionell der Journalismus durch das Internet geworden ist. Zugegeben: Recht lustig ist es, wenn Beck erzählt, wie er einmal während eines Interviews feststellte, dass das Kamerateam eigentlich Volker Beck von den Grünen hatte sprechen wollen.

Damit zu geballteren Informationen, die womöglich auch auf Becks Schreibtisch landen:
Die 'taz' beklagt die Milchglas-Transparenz der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt, der sich natürlich eine gewisse Nähe zur rheinland-pfälzischen, also Becks Medienpolitik unterstellen lässt. Das Blatt hatte dort angerufen, um nach der Haltung der Anstalt zu den Vorwürfen in Roger Schawinskis Buch zu fragen (siehe 'taz' 2007). Es bekam zu hören: «Sie rufen den ganzen Tag hier an und nerven meine Mitarbeiter. Das ist doch keine Art.»

«Wir müssen auch Abstand gewinnen von einem Stil, der die vertrauliche Beratung durch das Lancieren von Interna oder durch die öffentliche Demontage ersetzt».
Hier, im zweiten wichtigen Interview heute, fordert Bernd Kundrun weniger Transparenz in dem Sinne, wie sie im und um den «Spiegel» in puncto Personalien gepflegt wird. Als Vorstandsvorsitzender bei Gruner+Jahr ist Kundrun auch Chef des zweitgrößten Spiegelverlag-Gesellschafters. In der 'Süddeutschen' nimmt er ausführlich Stellung zu den Kabalen um Verlags-Geschäftsführer Mario Frank. Bzw. er erläutert seine Sicht der AGB des Spiegelverlags: Vor allem dürfe er sich nicht «nur einseitig am Mitarbeiterwillen orientieren», «das war auch der Wille Rudolf Augsteins, deshalb hat er die Konstruktion so angelegt».

Auf dem «SZ»-Foto sitzt Kundrun auf einer Bank im Gang des G+J-Gebäudes, seine linke Hand wird von einem Kaffeebecher aus der G+J-Kantine verdeckt. Wenn sich G+J «ausgerechnet haben sollte, man könne die Mitarbeiter KG des 'Spiegel' im Streit um den Geschäftsführer auseinanderdividieren, so ist die Rechnung nicht aufgegangen», schreibt die «FAZ» heute zur Mitarbeiter-Vollversammlung am Dienstag in der «Spiegel»-Kantine (siehe Altpapier gestern).

Ein Verlag, der intern keinerlei Autoritätsprobleme hat und sich sicher nicht zu sehr am Mitarbeiterwillen orientiert, ist der Springer-Verlag. Klaus Raab ('taz') hat den obersten «Welt»-Chefredakteur Thomas Schmid besucht und vom vormaligen 68-er so manchen interessanten Satz («Links? Rechts? Diese Art von Gesäßgeografie interessiert mich nicht. Das ist zu einfach») mitgebracht.

Interessanter aber sind die Sätze von ungenannten Mitarbeitern, etwa aus der Springer-intern «Gulag» genannten Entwicklungsredaktion, in der ausgelagerte «Welt»-Redakteure sitzen und z.B. den ehemaligen obersten «Welt»-Chefredakteur Christoph Keese den «Markus Söder Springers» nennen. «Wer hat die größte Fensterfront? Wer sitzt ganz oben? Das sind Dinge, die hier zählen», sagt ein ungenannter Insider. In der Hinsicht soll es um Keese nicht schlecht stehen: «Keese sitzt jetzt auf demselben Flur wie Döpfner. Ganz oben. Mit Vorzimmer.»

Dieser «taz»-Artikel umfasst gedruckt 278 Zeilen. Ungewiss ist, ob er für Abonennten, die das Blatt zum PolitischenPreis beziehen, womöglich auch handschriftlich zu bekommen ist... (weiter im Altpapierkorb)



Altpapierkorb

Jedenfalls bekommen derzeit die rund 47.000 Abonnenten Gruß-Postkarten, die rund 200 «taz»-Mitarbeiter am Dienstagnachmittag per Hand schrieben (siehe Netzeitung). Die «SZ» war dabei und nennt ein paar der Grüße, die sich alle Schreiber selbst ausdenken mussten. «Am Ende kamen Sätze heraus wie: 'Schöne Grüße aus Berlin' (bieder), 'Die taz mag Dich' (liebenswert) oder 'Weil Sie da sind, bin ich hier' (genial)». +++ Noch was Lesenswertes in der «taz»: ein 'Lehrstück, wie man seine Sender ruiniert', und zwar am Beispiel der durch ihre Eigentümer erbarmungslos gemolkenen ProSiebenSat1-Gruppe. +++ Wird der Journalismus-Trend zum immer Hektischeren, Aufgeregteren und manchmal Unprofessionelleren durch die im Internet grassierende Gratiskultur noch befördert? Nein bzw. ja, meint der «Freitag», der immer schon donnerstags gratis online steht, in einem Pro und Contra. +++ Ebd. befasst sich Katrin Schuster mit der Krise deutscher Serien, die demonstriere, «dass Dasselbe zur Zeit gefragter ist als das Gleiche oder das Ähnliche». +++ Heute freilich bringt das (gerade wegen «KDD» sehr gelobte) ZDF mit «Ihr Auftrag, Pater Castell» eine Serie, die in ihrer Gestrigkeit schon sehr singulär ist. «Pater Castell (nicht zu verwechseln mit dem fast gleichnamigen Bleistift - wenn auch ebenso hölzern)» ist ein Detektiv aus dem Vatikan, die Serie sei «'Da Vinci Code' für Arme», meint Daland Segler ('Rundschau'). «Nicht nur als Krimi ein bisschen fad» ('Tagesspiegel'). Doch «die Geschichten zeigen nicht nur die Suche nach Tätern, sondern bauen auf einen interessanten kulturgeschichtlichen Hintergrund» ('Berliner'). +++ Der 'Tsp.' zeigt sich gespannt aufs heute erwartete Grundsatzurteil des Landgerichts Stuttgart im Streit zwischen Württembergischem Fußballverband WFV und 'hartplatzhelden.de'. Ausgang: «Schlechte Nachrichten, liebe Hartplatzhelden! Wir haben verloren - und Ihr mit uns.» +++ Die «SZ» befasst sich mit einem «siebenminütigen, aufwendig produziertem Spielfilm des 'Shakespeare in Love'-Regisseurs John Madden» über «die Erforschung einer neuen Treibstoff-Technologie», den der Ölkonzern Shell dem «Stern» auf einer Gratis-DVD beilegte. «Bei einer Auflage von einer Million Exemplaren machte das eine Million DVDs - keine billige Kampagne. Laut Anzeigenliste können die Kaufleute des Stern-Verlages Gruner + Jahr gut 150.000 Euro verlangen». Heute im «Stern» Nr. 20? Nein in Nr. 17/ 2008. +++ «Wie die ProSieben-Show 'TV total' von den Topmodels profitiert», analysiert die 'Berliner'. Woher kommt die Begeisterung für Gina-Lisa, fragt Peer Schader ('faz.net'). +++ Inzwischen online: der lesenswerte «FAZ»-Artikel über die «liberalste Zeitung der arabischen Welt»: «al Nahar» aus Beirut. +++ Heute in der Druck-«FAZ»: ein Mario Vargas Llosa-Text über das «Newseum» in Washington («Die Pressefreiheit ist ein unfehlbares Spiegelbild der in der Gesellschaft insgesamt herrschenden Freiheit und umgekehrt. Diese Regel kennt keine Ausnahme»). +++ Das bestätigt die «FAZ» durch die Meldung, dass Chang Ping, stellvertretender Chefredakteur der chinesischen Wochenzeitung «Nanfang Dushibao», entlassen wurde. «Chang hatte zuletzt viel Aufsehen erregt, als er anlässlich der Tibet-Affäre in seinem Blog die staatliche Zensur kritisierte und die universellen Werte als Verständigungsgrundlage gegen den Nationalismus in China verteidigte».

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.

 
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