Unsere Medienkolumne: Altpapier vom Mittwoch07. Mai 2008 10:03, ergänzt 11:05  |  Szene aus einem echten gallischen Dorf (Albert Uderzo und Obelix) | Foto: dpa |
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Kampusch-Vermarktung, Partner-Vermittlung, Filmchen u.v.a.: Das Internet wird immer voller. Außerdem: warum sich der «Spiegel» jetzt als «gallisches Dorf» versteht.
Haben Sie rasch sieben Sekunden Zeit? Die könnten Sie nutzen, um dieses
aufschlussreiche Bewegtbild-Angebot
der ARD zu nutzen.
Aufschluss liegt weniger in dem, was Mathias Müller von Blumencron dort sagt (kein Vorwurf, er hat noch weniger als sieben Sekunden), sondern darin, dass die ARD das Netz tatsächlich auch benutzt, um dort grotesk Überflüssiges abzustellen. Dieses Filmchen ist in der Randspalte des
Internetauftritts
abrufbar, der interessierten Nutzern den neulich gesendeten Thomas Leif-Film «Quoten, Klicks und Kohle»
(siehe Altpapier vom Freitag)
zugänglich macht.
Andererseits ist es die Mission des Internets, täglich auch von Überflüssigem noch voller zu werden. Die Internetaufritte der nicht GEZ-finanzierten Privatsender sind nicht besser, eher im Gegenteil. Das entdeckte die «FAZ», eigentlich eine große Kämpferin gegen öffentlich-rechtliche Online-Expansion, beim crossmedialen
Verfolgen
des jüngsten Natascha Kampusch-Interviews auf RTL:«Man fragt sich ja schon, was das soll: ein Interview mit Natascha Kampusch anlässlich der furchtbaren Nachrichten aus Amstetten ... Doch dann entdeckt man die Internet-Seite der zugehörigen Sendung, beginnt man die Abgründe dieses Geschäftes zu erahnen. Denn ebendort bot RTL schon vor Ausstrahlung des Gespräches bei 'Extra' die 'Interview-Highlights' aus dem Gespräch feil, das Birgit Schrowange in einem Wiener Hotel mit Kampusch geführt hatte - garniert mit Beiträgen zum 'unheimlichen Inzest-Vater' von Amstetten, zu einem Beitrag aus München namens 'Das Callgirl und ihr Manager', zur 'Kinderprostitution in Indien', zum 'kleinsten Menschen der Welt', einem Verweis mit dem Slogan 'Triff die Superstars!' und der Annonce für eine Partner-Vermittlung, die zeitweilig 'Gehört Anfassen zum Date dazu?' fragte und in diesem Zusammenhang an Geschmacklosigkeit wohl kaum mehr zu überbieten war».
Diese RTL-Webseite
muss es sein, die Matthias Hannemann meint. Bei der
eingebetteten Partner-Vermittlung,
die nach dem Anfassen bei ersten Treffen fragt, handelt es sich um 'parship.de, die größte Online-Partneragentur im deutschsprachigen Raum', die ein
Unternehmen der Holtzbrinck-Gruppe
und ob der Geschmacklosigkeit womöglich ein wenig unglücklich ist. Wahrscheinlich muss da noch ein Werbeplatzierungs-Algorithmus optimiert werden.
Die Holtzbrinck-Gruppe aber engagiert sich nicht nur auf dem im Prinzip schönen Feld der Zusammenführung «ernsthaft partnersuchender» Liebender, sondern auch, noch selbstloser, auf dem ähnlich wichtigen Feld des Kampfes gegen Nazis. Heuer stellt die
'taz'
das aktuell häufig vorgestellte «Staatsbürgerpflichtportal»
'netz-gegen-nazis.de'
vor.
Auch geschäftlich engagiert sich Holtzbrinck auf vielen Feldern. Caspar Busse besuchte für die
'Süddeutsche'
die Gesamtschul-artige Unternehmenszentrale in der Stuttgarter Gänsheidestraße. Er bekam von Vizechef Jochen Gutbrod außer vielen Erfolgsmeldungen auch zu hören, dass der Konzern ein «wichtiger Spieler im werbefinanzierten Internet» werden soll, an Regionalzeitungen festhält und auch ins Postgeschäft zurückkehren will.
Damit verfolgt Holtzbrinck «eine andere Strategie als etwa Bertelsmann» und dessen Tochter Gruner+Jahr, die bekanntlich unter dem Motto «Expand your brand» vor allem an ihren starken Marken festhält. Die relativ stärkste unter den wenigen neugegründeten G+J-Marken, die Zeitschrift «Neon», wird in der
'taz'
ausführlich als «Stifterin der Generation Umhängetasche» gewürdigt. Aktuelle Sorgen dürfte G+J das bereiten, was gestern in der einige hundert Meter entfernten «Spiegel»-Kantine stattfand.
Dort tagte die «Spiegel»-Mitarbeiter KG, die bekanntlich jenen Verlagsgeschäftsführer Mario Frank wieder loswerden will, an dem G+J, Minderheitsgesellschafter beim «Spiegel», festhalten möchte. Auf der Versammlung, bei der es «überraschend gelassen und gesittet» zuging, standen die Mitarbeiter «nahezu geschlossen» zum Misstrauensvotum gegen Frank, berichtet der
'Tagesspiegel'.
«3 Gegenstimmen bei fast 800 Anwesenden», zählte die
'taz'
und weiß, dass sich die «Spiegel»-Redakteure von heute nicht mehr als Sturmgeschütz der Demokratie, sondern als «das gallische Dorf» begreifen. Und «Gruner+Jahr ist also Rom».Eine Einschätzung, wie es weitergehen könnte, liefert «Bild»-Zeitungs-Kolumnist Peter Heinlein: «Mit derartig entschlossener Geschlossenheit dürfte G+J-Boss Bernd Kundrun nicht gerechnet haben, als er sich in der vergangenen Woche demonstrativ vor Frank gestellt und seine Entschlossenheit bekundet hatte, an dem Geschäftsführer festzuhalten... ... Also wird alles Weitere nun davon abhängen, wann Mario Frank von sich aus zurücktritt - natürlich nicht ohne sich mit einem Golden Handshake den Rest seines Fünfjahrsvertrages auszahlen zu lassen. Franks oft beschriebene Schmerzfreiheit dürfte diesen Prozess allerdings noch um Etliches hinauszögern».
«Bild»-Zeitungs-Kolumnist Heinlein ist jemand, der Medien primär als Werberahmen versteht. Daher beginnt seine
Kolumne
mit Themen aus der Werbung; man muss nach ganz unten scrollen, um auf die «Spiegel»-Passage zu stoßen.
MEHR IM INTERNET: die artikel des tages |
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Altpapierkorb Zurück zum Kampf der «FAZ» gegen die Expansion von ARD und ZDF. Inzwischen hat 'faz.net' das hübsche «FAS»-«ABC für Medienpolitiker und Senderchefs, damit die bei ihren Konferenzen nicht die Zuschauer vergessen»
zum Durchklicken
ins freie Internet gestellt. Unter dem Punkt 7 (Gebühren) etwa heißt es: «In einer wahrhaft freien Gesellschaft könnte man aber bei Nichtgefallen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen so einfach austreten wie aus der Kirche». +++ Zurück zu Bertelsmann. Meistens schreiben Wirtschaftsredakteure halt auf, was ihnen Manager sagen, und kritisieren allenfalls schlechte Zahlen oder zu geringes Beflügeln der Anlegerfantasie. Heute aber im Wirtschaftsressort der «SZ» (S. 18), das über Bertelsmanns Buchsparte berichtet, bricht sich geradezu Schadenfreude Bahn: «Random-House-Chef
Peter Olson
war gut im Feuern, jetzt ist er selbst dran - wegen schlechter Zahlen... Nun ist er, der nichts befriedigender fand als das Feuern von Feinden, Bremsern und Minderleistern, selbst Opfer des profitversessenen Denkens geworden». +++ Am 10. Mai ist
'Pangea-Tag'.
Was das bedeutet, übersetzt Eva Schweitzer in der
'Rundschau':
«Global glotzen - für die Toleranz». +++ Noch entschlossener als die «Spiegel»-Mitarbeiter: die Duma. Das russische Parlament stimmte mit «399 zu 1 in erster Lesung einer Verschärfung des Mediengesetzes zu», das die ohnehin knappe Freiheit weiter einschränkt, berichtet nun auch die «SZ» (S. 15). +++ Die «liberalste Zeitung der arabischen Welt»: «al Nahar» aus Beirut. Seitdem Chefredakteur Gibran Tueni ermordet wurde, leitet dessen Tochter Nayla Tueni die Redaktion. Nun ist sie selbst bedroht: langer Bericht in der «FAZ», derzeit nicht frei online. +++ «Ungewohnte Leere an den Zeitungskiosken in Frankreich» beobachtete die «SZ» am Dienstag: Wegen Streiks sind «Le Monde» und «La Tribune» nicht erschienen. +++ Heute abend in der ARD: «Vertraute Angst» mit Matthias Brandt. «Ob es eine gute Entscheidung war, eine Krankheit wie die schizoide Psychose zum Spannungsmotor zu machen?», fragt die «SZ» ohne Antwort zu geben. Tilmann P. Gangloff
('FR')
fühlt sich an Alfred E. Hitchcock erinnert. «Überaus sehenswerter Fernsehfilm» («FAZ»). «Das Potenzial des Thrillers ... ist groß, doch die Umsetzung fällt ab»
('Tsp.').
+++ «Insgesamt ein guter Film», meint Klaudia Wick in der
'Berliner',
in der es auch um Natascha Kampusch auf RTL
geht.
+++ Den heutigen Arte-Themenabend zu Israels 60. Gründungstag besprechen Ulrich Gutmair
('taz')
und Thomas Gehringer
('Tsp.').
+++ Die deutsche Wikipedia jetzt neu mit Qualitätskontrolle
(ebd.)
+++ Der MDR-«Tatort» demnächst neu mit Martin Wuttke
(ebd.)
+++ Weltweit, sagt Ernst Volland, «gibt es keinen einzigen Fotograf, der sich auf komische Fotos spezialisiert hat». Doch ausgerechnet in Deutschland gibt es seit nunmehr 20 Jahren eine Fotoagentur, die sich darauf spezialisiert. Die
'FR'
gratuliert Vollands
'Vollem Ernst'.
+++Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Donnerstag gegen 10.00 Uhr.
Für das Web ediert von Christian Bartels |