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Suche nach Erfolg: 

Die deutsche Serienmisere

02. Mai 2008 07:21
Auch dabei in
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Heute startet wieder «KDD» - eine Krimiserie, die Multitasker mal nicht unterfordert. Aber warum floppen deutsche Serien serienweise, fragt Christian Bartels.


Gestern gab es wieder Hiobsnachrichten für deutsche Fernsehmacher: Die zweite «UnSchuldig»-Folge auf ProSieben hat am Mittwoch in der Werbefernseh-Zielgruppe nur 9,5 Prozent Marktanteil erreicht. In der Vorwoche waren es noch 14,8 Prozent gewesen; es schien, als könnte Alexandra Neldel als Rechtsanwältin die Serie der deutschen Serienflopps wie «Die Anwälte», «Deadline», «Herzog» und «Verrückt nach Clara» beenden. Doch der Start ist für Fernsehserien nicht mal die halbe Miete. Sie müssen so regelmäßig Erfolg haben, wie sie zu sehen sind. Am Anfang waren Zuschauer gespannt, das zweite Mal ist entscheidender.

Fernsehmacher reden von «gelernten Sendeplätzen»: Erfolg ist, wenn sich genügend Zuschauer eingeprägt haben, welchen Wochentag sie sich für «Lost» freihalten sollten. Dieses «Lehren» von Sendeplätzen ist ein schwieriges Geschäft. Einerseits grundsätzlich, weil viele Zuschauer Serien längst lieber wann sie wollen ohne Werbeunterbrechungen auf DVDs konsumieren. Andererseits brauchen Sender, die Zuschauer an ihre Serien gewöhnen wollen, Geduld und genügend Material. Nur wer über dutzende Folgen akzeptabler Serien verfügt, kann einen «Mystery-Montag» einrichten, oder einen Abend mit Erfolgsserien unterschiedlicher Genres, wie RTL das dienstags mit «CSI», «Dr. House» und «Monk» tut.

Blutbad auf dem Gendarmenmarkt

Kabel 1 hat einen «Mystery and Crime»-Freitag mit US-Serien. Das ZDF bietet seit Oberinspektor Derricks frühen Jahren einen deutschen Krimifreitag. Heute abend startet dort die zweite Staffel der aktuell einzig wirklich guten deutschen Serie. «KDD – Kriminaldauerdienst» bekam diverse Preise, darunter einen Grimme-Preis. «Endlich einmal kein Kommissar, der die Welt rettet, sein Bundesland repräsentieren muss, das Chaos bannt und die Menschen in Gut und Böse teilt; einmal keine Ohrensessel-Betulichkeit, sondern, stattdessen, Tempo, Rasanz, fordernde Dramaturgien, gebrochene Charaktere», lobte die Jury.

Es sieht anders aus, aber Hanoska (Manfred Zapatka, 2.v.l.) ist auch Polizist
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In der 90-minütigen Startfolge geht es nicht nur um das Blutbad auf dem Berliner Gendarmenmarkt, mit dem Staffel 1 endete. Außerdem geht es um das Alkoholproblem des Polizisten Haroska (Manfred Zapatka), um einen Todesfall in einem Altenpflegeheim, einen Fall von Selbstmord, der vielleicht keiner war, einen Mann, der als Stalker verdächtigt wird. Und es wird ein Polizist ermordet - das alles und noch mehr geschieht ziemlich gleichzeitig. Es wird nicht alles rundum aufgeklärt. Die unterschiedlichen Milieus, die zu sehen sind, werfen weitere Fragen auf, die nicht beantwortet werden, aber dazu gehören.

Martialisch auf Leichen oder Monitore schauen

Das ist ungefähr auf der Höhe der Erzählkunst, mit der US-Produktionen wie «Desperate Housewives», «Die Sopranos», «Grey's Anatomy» die wöchentliche Serie zum Aufregendsten gemacht haben, das das Erzählfernsehen bietet und das sich in jedem Elektromarkt schuberweise verkaufen lässt. Viele Geschichten vibrieren auf engem Raum. Das fesselt Multitasker, die nicht bloß beim Bügeln ferngucken, sondern sich im Internet und am Handy daran gewöhnt haben, so vieles zugleich zu machen, dass sie sich unterfordert fühlen, wenn Fernsehkommissare ein oder zwei Mordfälle pro Folge so sorgfältig erklären, dass man alles auch ohne Bilder versteht.

Natürlich sind solche Serien, bei denen man keine Folge und kaum eine Minute verpassen darf, für die Sender zwiespältig: Wer nicht mehr reinfindet, schaltet weg. Insofern hat die Erzählkunst, an der Hollywood-Autorenteams in «writing rooms» arbeiten, zwar entscheidend zum Prestige des Erzählformats Serie beigetragen. Es geht aber auch ohne sie. «CSI» und «Navy CIS» sind nicht gerade raffiniert erzählt, allenfalls schnell. Da schauen Mitglieder vielköpfiger Ermittlerteams martialisch auf Leichen oder Monitore, befragen Verdächtige, und verlieben sich in wechselnden Konstellationen in einander. Erfolgreich sind sie trotzdem.

Insofern trifft ein Argument, mit dem deutsche Sender ihre Hinwendung zu US-Produktionen und ihre Ungeduld bei deutschen Serien begründen, teilweise zu: Hollywood verdient kann mehr investieren. «CSI» ist in großer Stückzahl vorhanden, und jeder Episode sieht man an, wieviele Millionen Dollars drinstecken. Deutschen Variationen wie «Post Mortem» (RTL) und «RIS» (Sat.1) sah man an, dass weniger Geld drinsteckt. Die gibt es nun nicht mehr.

Polizeipsychologin, Kommissarin, Hobby-Detektivin

Andererseits ist es ja nicht so, dass die Erzählkunst im deutschen Fernsehen unterentwickelt ist. Sie staut sich bloß in anderen Formaten. Die meisten Energien fließen in 90-minütige Filme, die oft spannend und erfolgreich unterhalten und immer öfter zu «Reihen» gebündelt werden, weil Wiedererkennung im Quotenwettbewerb hilft. Das heißt, neue Abenteuer bekannter Hauptfiguren werden in unregelmäßiger Folge erzählt. Jeder «Tatort»-Kommissare löst drei- oder viermal im Jahr neue Fälle. Insgesamt sind im Krimi-Genre 26 Sonntagskrimi-Teams der ARD unterwegs, rund zehn Samstagskrimi-Ermittler im ZDF, daneben (pseudo)-skandinavische Sonntags-Ermittler. Donnerstags ermitteln die Commissarios Laurenti und Brunetti, mittwochs der Psychologe «Bloch», montags Barbara Rudnik, Natalia Wörner und Katja Flint als Polizeipsychologin, Kommissarin bzw. Hobby-Detektivin.
Manche Reihenkrimis wie die «Nachtschicht» (auch montags im ZDF), die schon vor «KDD» von einem Kriminaldauerdienst-Team erzählte, hätten Potenzial für eine gute Serie. Anderen merkt man an, dass es den Autoren Mühe bereitet, ihre Geschichten auf die vorgesehene 90 Minuten-Dauer zu strecken. Das Erzähltempo ist oft alles andere als schnell, ganz anders als in modernen Serien.

Serien wurden in Deutschland lange nicht ernst genommen. Die im Januar gestartete Serie «Die Anwälte» wird legendär bleiben durch die Höchststrafe, die RTL verhängte, als es sie nach der ersten Folge absetzte. Der Sender beklagte, dass Zuschauer, die anfangs dran waren, im Verlauf weggeschaltet hätten. Zuvor hatte es gehießen, der Filmstar Kai Wiesinger übernehme erstmals eine Serienhauptrolle - so als täte Wiesinger Serienfans einen Gefallen, als seien Filme, wie er sie dreht («Liebe nach Rezept», «Durch Himmel und Hölle», «Die Gustloff»), mehr wert als Serien. Diese Verhältnisse haben sich gründlich umgedreht.

Neue deutsche Serie auf ProSieben:
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Robben, Schimpansen, Hunde

Bloß eben nicht bei den deutschen Serien, die es noch gibt. Das sind entweder Dailys wie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten», denen man ansieht, wie billig sie gefilmt werden. Oder es sind Serien von ARD und ZDF, die die Erzähltraditionen vergangener Jahrzehnte fortführen. Da geht es dann um Robben, Schimpansen und Hunde («Elvis und der Kommissar», «Da kommt Kalle»), um Tierärztinnen («Tierärztin Dr. Mertens»), andere Ärzte («Der Bergdoktor», «Familie Dr. Kleist») oder, besonders erfolgreich, um Nonnen: «Um Himmels Willen» hatte in der ARD laut Quotenstatistik auch mehr junge Zuschauer als die Sat.1-Actionserie «GSG 9», der nach vielversprechendem Start derart die Luft ausging, dass sie nicht mehr fortgesetzt wird. «Um Himmels Willen» geht bald in die 100. Folge.

ARD und ZDF produzieren so etwas und daneben hunderte von 90-minütigen Fernsehfilmen im Jahr. Um innovative Serien kümmern sie sich kaum. Und wenn sie welche haben, können sie in ihren starren Sendeschemata nichts damit anfangen. «Türkisch für Anfänger» etwa litt unter dem Sendeplatz. Wer gelegentlich am Vorabend herumzappt, weiß, dass bei der ARD dann Jörg Pilawa quizzt, Daily Soaps und preiswert produzierte Unterhaltung à la «Bruce» und «Ich weiß, wer gut für dich ist» sich an die vermeintliche Jugend anbiedert. Bis man sich daran gewöhnen könnte, dort die gute Serie «Türkisch für Anfänger» zu erwarten, waren die 24 Folgen in gut anderthalb Monaten weggesendet.

Der neue
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Der Sendeplatz bildet auch für «KDD» das Problem: Zwar weiß jeder, der seit den 70er Jahren aufgewachsen ist, dass das ZDF freitags immer Krimis bringt. Aber eben auch, dass es sich um betuliche Redekrimis handelt. Diese Tradition wird sanft modernisiert. Vor «KDD» läuft heute eine neue Folge der Krimiserie «Der Alte», für die seit kurzem ein neuer Hauptdarsteller tätig ist, weil der alte für die Rolle zu alt geworden ist. Walter Kreye, einer der Meistbeschäftigten im deutschen TV-Geschäft (die «Internet Movie Database» nennt für ihn 109 Auftritte seit 1988, wobei jede Serie und jede Reihe nur einmal mitgezählt ist!), führt die Rolle im alten Geist weiter. Um zu lernen, dass freitagabends im ZDF phasenweise auch heutige Krimiserien laufen, haben Zuschauer nun neun Wochen Zeit. Dann ist die aktuelle «KDD»-Staffel vorbei.

Mit einem einzelnen Lichtblick lässt sich das deutsche Serien-Problem nicht lösen. Immerhin, das ZDF zwingt interessierte Zuschauer auch nicht, freitagabends fernzusehen, sondern stellt die ganze erste Staffel und ab heute abend auch die aktuelle «KDD»-Folge online zum Abruf zur Verfügung. Neben viel Überflüssigem, das der Gebühren-finanzierte Sender im Internet anstellt, ist das mal ein sehr sinnvolles Angebot.


«KDD»: ab 2.5. freitags um 21.15 Uhr im ZDF





 
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