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Hitler-Tagebücher: 

Ein GAU für die Ewigkeit

25. Apr 2008 10:12
25. April 1983: Eine verhängnisvolle Präsentation in Hamburg
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Was im «Stern» vor 25 Jahren passierte, wird für immer der «Größte anzunehmende Unfall» der deutschen Pressegeschichte bleiben, meint Christian Bartels. Denn die Hitler-Tagebücher sind ein Phänomen aus der Zeit, als es noch kein Internet gab.

Am 25. April vor 25 Jahren präsentierte der «Stern» stolz die rund 60 Tagebücher, die einst «Eigentum des Führers» Adolf Hitler gewesen sein sollen. Elf Tage später kam heraus, dass das nicht stimmte. Das wird dieser Tage überall wieder aufbereitet, lustvoller als zuletzt 2003, schließlich ist ein Vierteljahrhundert ein stattliches Jubiläum. «GAU der deutschen Pressegeschichte» nennt der «Stern» selbst die Sache, vom «größten Presseskandal» Deutschlands sprechen andere. Es ist zumindest der größte Superlativ, mit dem der «Stern» assoziiert wird.

Hätte es die Affäre nicht gegeben, würde der «Stern» in der heutigen Medienlandschaft möglicherweise eine kleinere Rolle spielen. Die Illustrierte, die sich selbst lieber als Magazin bezeichnet wissen will, aber eben regelmäßig mit Titeln à la «China: 2500 Jahre Kaiser, Krieger, Konkubinen», «Haare - Was sie über uns verraten», «Ehefrau oder Geliebte - Wer gewinnt?» aufmacht, wäre vielen jüngeren Lesern vermutlich weniger bekannt. Wer nichts mehr von der «Wundertüte» weiß, als die der Gründer Henri Nannen den «Stern» einst positioniert hatte, Nannens Prinzip des «Küchenzurufs» für interessante Artikel («Stell Dir vor, was passiert ist...») und seine Zielgruppe namens Lieschen Müller nicht mehr kennt, hat wahrscheinlich im Hinterkopf, dass der «Stern» was mit der unterhaltsamen Affäre um Göring-Yacht und Hitler-Blähungen zu tun hat. Der, die Helmut Dietl dann mit Götz George, Uwe Ochsenknecht und der jungen Veronica Ferres verfilmt hatte. «Schtonk» ist einer der im Fernsehen meist wiederholten 80er-Jahre-Spielfilme.

«Dem 'Stern' ist eine Wunde geschlagen worden, die noch lange schmerzen wird», schrieb Nannen zwar im Mai 1983, nachdem die Fälschung aufgeflogen war. Doch diese Wunde hat der «Stern» erstaunlich gut überstanden. Nannen hatte den Ressortleiter Michael Seufert mit der Aufarbeitung beauftragt, die dann auch immer wieder ausführlich im Heft vorkam. Jetzt zum 25-jährigen Jubiläum hat Seufert ein Buch («Der Skandal um die Hitler-Tagebücher», Scherz Verlag, 14,90 Euro) daraus gemacht; im März wurde er im «Stern» interviewt.

Keine Millionenauflage mehr

Im Hause «Stern» sind dem Skandal freilich mehr als ein Jahrzehnt der Aufregung gefolgt. Die Auflage erlitt einen Einbruch, das Selbstbewusstsein als politisches Magazin einen Knacks. Das Triumvirat aus Rolf Gillhausen, Peter Koch und Felix Schmidt, die sich seit Nannens Rückzug 1980 die Chefredaktion teilten, zerbrach an der Hitler-Affäre, Koch und Schmidt mussten gehen. Bis 1999 waren dann in wechselnden Konstellationen insgesamt zehn Chefredakteure tätig. Einige waren immer noch sehr bekannte Journalisten wie Peter Scholl-Latour, Heiner Bremer, Michael Jürgs und Herbert Riehl-Heyse. Einige waren sehr kurz dabei.

Die Wende brachte, indirekt, Michael Maier, den der Verlag Gruner+Jahr (G+J) 1999 zum Chefredakteur berief. Maier kam von der «Berliner Zeitung», die damals ebenfalls zu G+J gehörte. Wie an allen Wirkungsstätten Maiers gab es eine hohe Fluktuation der Mitarbeiter. Bei G+J erzählt man sich immer noch die Geschichte, wie Maier dem Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen (der die Hitler-Tagebuch-Affäre schadlos überstanden hatte) mitteilte, man müsse sich auch vom geschäftsführenden Redakteur Thomas Osterkorn trennen. «Das geht an die Substanz, das machen wir nicht», soll Schulte-Hillen entschieden haben, und trennte sich von Maier, der im folgenden Jahr die Netzeitung gründete.

Thomas Osterkorn (r.) nebst Chefredakteurs-Kollegen
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Osterkorn wiederum ist seitdem «Stern»-Chefredakteur, gemeinsam mit dem vorherigen «Hörzu»-Chefredakteur Andreas Petzold. Diese Doppelspitze managt den schleichenden Auflagenverlust, der die gesamte Zeitschriftenbranche seit Jahren von ihrem hohen Niveau aus betrifft. Seit dem ersten Quartal 2008 hat der «Stern» keine Millionenauflage mehr. Im Durchschnitt des Vierteljahres wurden 981.016 Exemplare pro Woche verkauft. Vor einem Vierteljahrhundert, als die Hitler-Tagebücher das Cover zierten, ging das Doppelte über die Theken: 1,8 Millionen Hefte - davon allerdings 400.000 mehr als seinerzeit üblich, eben wegen der vermeintlichen Sensation.

Unter Osterkorn und Petzold hält sich der «Stern» gut. An der G+J-Strategie «Expand your Brand» ist das Heft mit Ablegern wie «stern Gesund Leben» und «View» beteiligt. In München erscheint die erfolgreichste Neugründung des Verlags, «Neon», als «das junge Magazin des Stern» - auch wenn niemand genau weiß, ob die jungen Leser je fürs alte Heft gewonnen werden können. In Berlin zofft sich der streitbare stellvertretende Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges gern auf Veranstaltungen mit Bloggern und hält so in den neuen Medien die Erinnerung daran wach, dass der «Stern» etwas ist, woran man sich reiben kann. Auch wenn sich das dem aktuellen Cover oft nicht ansehen lässt.

'Stern'-Redakteur Heidemann präsentiert die vermeintliche Sensation
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Der ungeheure Ernst

Und das Alleinstellungsmerkmal des «größten anzunehmenden Unfalls» der Pressegeschichte dürfte dem «Stern» für immer bleiben - wahrscheinlich, weil Journalisten daraus gelernt haben, wie man auf keinen Fall mit vermeintlichen Scoops umgehen darf. Bestimmt, weil an den elf Tagen 1983, an denen die Öffentlichkeit mehr oder weniger an die Echtheit der Tagebücher glaubte, eine völlig andere Medienlandschaft existierte als heute. Die Hitler-Tagebücher sind ein Phänomen aus der Zeit vor dem Internet.

Was in den rückblickenden Berichten von heute kaum vermittelt werden kann und in der Wahrnehmung von «Schtonk» überlagert ist: Der Ernst, mit dem der «Stern» seine Entdeckung zelebriert haben muss, ist einfach nicht mehr vorstellbar, weil sich die Medienwelt von 1983 kaum mehr vorstellen lässt. Damals konkurrierten weder Internet, noch Privatfernsehen um Aufmerksamkeit. Die Presse war das ziemlich unangefochtene Leitmedium. Der Durchsatz an News war gering, Skandale konnten schon deshalb länger nachhallen, weil es keine stündlichen Updates gab.

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Heute produzieren viel mehr Medien, die auch insgesamt länger genutzt werden, schnellere Schlagzeilen und mehr Skandale, die dafür weniger nachhallen. Das ist die eine Seite der Entwicklung, die man mit Recht etwas bedauern kann. Natürlich können Medien weiterhin irren und in die Irre geführt werden, aus Fahrlässigkeit oder anderen Gründen. Beispiele gibt es viele: der Filmemacher Michael Born, der «Stern TV» in den 90ern gefälschte Filme als echte Investigationen andrehte; der «Fall Sebnitz» von 1997/ 2000 über einen angeblich von zahlreichen Freibadbesuchern gedeckten Mord, was der Deutsche Presserat später «Tiefpunkt der Medienberichterstattung» nannte; der Reporter Jayson Blair, der bis 2003 erfundene Reportagen in der «New York Times» publizierte («NYT» damals: «ein Tiefpunkt in der 152-jährigen Geschichte der Zeitung»); die angeblich kuwaitische Krankenschwester, die von Babymorden durch irakische Soldaten berichtete, was jedoch eine PR-Agentur zur Förderung des ersten Irakkriegs inszeniert hatte.

Pose brutalstmöglicher Aufklärung

Noch so ein Beispiel: Die «Süddeutsche Zeitung» hatte im Jahr 2000 ihren «Kummer mit Kummer»: Da wurde publik, dass der Autor Tom Kummer Interviews im «SZ-Magazin» etwa mit Sharon Stone und Pamela Anderson großenteils erfunden hatte. Im Umgang damit hatte die «SZ» offenbar vom «Stern» gelernt und machte aus der eigenen Skandalsache in der Berichterstattung darüber ebenfalls das Beste. Bei brutalstmöglicher Aufklärung in eigener Sache handelt es sich, im Nachhinein, um keine unangenehme Pose. Aus heutiger Sicht hat die «SZ» hat nach der Aufklärung an Renommee eher noch gewonnen (obwohl sie inzwischen zum Handelshaus für Bücher, DVDs und Weine wurde, die teilweise im Blatt selbst empfohlen werden). Ulf Poschardt, der als ein Chefredakteur des «SZ»-Magazins gehen musste, wurde Gründungs-Chefredakteur der deutschen «Vanity Fair» und gerade stellvertretender Chefredakteur der «Welt am Sonntag». Vielleicht hat die Sache Tom Kummer geschadet, der sich in der Pose des «Borderline-Journalisten» allerdings auch gefällt.

All das heißt wie gesagt nicht, dass heute besser recherchiert wird als früher. Es heißt erst recht nicht, dass es für Menschen weniger unangenehm ist, zum Beispiel in die Mühlen der sensationsgeilen «Bild»-Zeitung zu geraten. Die Hitler-Tagebücher-Affäre beweist nur, dass es früher, als es das Internet noch nicht gab, auch nicht grundsätzlich besser recherchiert wurde. Inzwischen, im Internetzeitalter, gibt es ein Korrektiv der pluralistischen Medienöffentlichkeit, das oft funktioniert. Nur ein Beispiel: Als am 1. Januar 2006 der «Bund Deutscher Juristen», den es eigentlich nie gab, via Agentur die Forderung nach der Einführung «leichter Folter» im deutschen Rechtssystem lancierte, verbreiteten zunächst einige Medien die spektakulär klingende Meldung. Bald darauf verbreiteten mehr Medien die spektakulärere Geschichte von dieser Falschmeldung, nicht ohne darauf hinzuweisen, wer sie veröffentlicht hat.

Natürlich wird das Wirken von einfallsreichen Betrügern, schlecht recherchierenden Journalisten und proftitgierigen Medienmanagern zu weiteren kleinen oder größeren «GAUs» führen. Aber das werden multimediale, wahrscheinlich Online-GAUs sein. Den Titel des deutschen Presse-GAUs wird dem «Stern» keiner mehr nehmen.


 
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