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25 Jahre Tagebuch-Fälschung: 

Wie Hitler postum Mediengeschichte schrieb

23. Apr 2008 11:27
Reporter Heidemann: Größter anzunehmender Unfall
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Der «Stern» hielt die Zeit für gekommen, die Geschichte des Nazi-Reichs neu zu schreiben. Am Ende hat das Magazin vor allem Spott geerntet - weil im Verlag alle Kontrollen versagten. Mit Video

«Die Geschichte des Dritten Reiches wird in großen Teilen neu geschrieben werden müssen.» Mit diesem Satz präsentierte das Magazin «Stern» am 25. April 1983 ein paar Bücher - angeblich die Tagebücher Adolf Hitlers. Zehn Tage und ein vernichtendes Gutachten später war der sensationelle Fund als plumpe Fälschung entlarvt und das angesehene Hamburger Magazin dem Spott preisgegeben.

Hinter dem «'größten anzunehmenden Unfall' in der Zeitschriftengeschichte», wie der «Stern» den Skandal später selbst bezeichnete, steckten ein sächselnder Fälscher aus Stuttgart, Konrad Kujau, und ein tief im braunen Sumpf versunkener Reporter mit Geldsorgen, Gerd Heidemann. Ermöglicht hatte die unglaubliche Pleite aber erst, dass bei Gruner und Jahr Kontrollmechanismen versagten.

9,34 Millionen Mark vom Vorstand

Heidemann und sein Ressortleiter Thomas Walde umgingen die Chefredaktion - und damit die professionelle Nachrecherche - und wurden direkt beim Vorstand vorstellig. Dieser händigte dem Reporter insgesamt 9,34 Millionen Mark aus – und sprach von einem gefährdeten Tagebuch-Beschaffer in der DDR, dessen Identität nicht preisgegeben werden dürfe.

Tagebuch-Fälscher Kujau mit einem seiner Werke
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Das Geheimprojekt «Grünes Gewölbe» gewann binnen zwei Jahren - die erste Kladde schleppte Heidemann im Februar 1981 an - eine Eigendynamik, die die nach Ruhm und Reichtum gierenden Beteiligten systematisch alle warnenden Hinweise ausblenden ließ. Und die gab es reichlich: Die Initialen FH auf dem Einband – denn Fälscher Kujau hatte in der Texturschrift A und F verwechselt; der belanglose Inhalt und sachliche Fehler; die hanebüchene Geschichte Kujaus von seinem Bruder, der als General der DDR-Volksarmee die angeblich aus einem im April 1945 in Sachsen abgestürzten Flugzeug stammenden Tagebücher in den Westen geschmuggelt haben wollte. Zudem hatte nie ein Zeitzeuge erwähnt, dass Hitler zeitaufwendig Tagebuch führte.

«Gruppenpsychose» und «selektive Wahrnehmung»

Aber die Jäger der großen Geschichte ließen sich von solchen Einwänden nicht aufhalten. Der damalige Gruner+Jahr-Vorstand Manfred Fischer sprach im Rückblick von einer «Gruppenpsychose» Der damalige «Stern»-Redakteur Michael, damals von Stern-Chef Henri Nannen mit der internen Aufarbeitung beauftragt, berichtet von einer selektiven Wahrnehmung. «Gute Botschaften werden gern akzeptiert, schlechte beiseite geschoben.»

Reproduktion einer Seite der Kujau-Fälschung
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Noch kurz vor Veröffentlichung der vermeintlichen Tagebücher verdichteten sich die Zweifel an der Echtheit. Doch Chefredakteur Peter Koch bürstete in einer spektakulären Pressekonferenz am 25. April 1983 vor 27 Fernsehteams und hunderten Journalisten alle Zweifler ab, zu denen inzwischen auch der vom «Stern» als Kronzeuge aufgebotene britische Historiker Hugh Trevor-Roper gehörte. «Die Sache sieht eher wackelig aus», beschied dieser zur Bestürzung der «Stern»-Leute vom Podium aus.

Papier und Tinte aus der Nachkriegszeit

Nach öffentlichem Druck übergab das Magazin einige Tagebücher dem Bundeskriminalamt und dem Bundesamt für Materialprüfung. Am 5. Mai fiel ihr vernichtendes Urteil: Papier und Tinte stammten aus der Nachkriegszeit - eine «simple Fälschung». Inhaltlich habe Kujau «lustlos» aus bekannten Chroniken abgeschrieben.

Der Regisseur Helmut Dietl verarbeitete die Groteske um die mysteriösen Tagebücher zu seinem Erfolgsfilm «Schtonk». Die Satire sei «hart an der Realität gedreht - das war so», so Aufarbeiter Seufert, der zum 25. Jahrestag ein Buch zu dem Fall veröffentlichte.

Kujau vermarktete den Coup

Kujau und Heidemann wurden 1985 wegen Betrugs zu Haftstrafen verurteilt. Der Fälscher sonnte sich später in seinem Ruhm und vermarktete ihn, er starb im Jahr 2000 an Krebs.

Kujau vor zwei von ihm
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Heidemann beharrt bis heute darauf, dass er die Gruner+Jahr-Millionen bis auf die letzte Mark an Kujau ausgehändigt habe. Laut Gericht zweigte er aber mehr als vier Millionen Mark für sich selbst ab. Heute lebe der 76-Jährige «in bescheidensten Verhältnissen» als Rentner in Hamburg, berichtet Seufert: «Er kommt von der Geschichte nicht los.»

Für den «Stern» ist der Skandal dagegen längst «ein Stück Pressegeschichte», das aufgearbeitet sei. Man habe sich von dem Image-Schaden einigermaßen erholt und «an seine große Tradition eines qualitätsorientierten Magazins angeknüpft», heißt es in einer Stellungnahme. (Uwe Gepp, AP)


 
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