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Tatort aus Ludwigshafen: 

Ein typisch deutscher Krimi mit Türken-Thema

06. Apr 2008 09:34
Die dienstälteste 'Tatort'-Kommissarin: Ulrike Folkerts als Lena Odenthal
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Der neue «Tatort» aus Ludwigshafen ist ein klassischer deutscher Redekrimi, in dem es um Zwangsheirat und «Ehrenmord» unter Deutschtürken geht. Anschließend wird online diskutiert. Gut gemeint, trotzdem nicht schlecht gemacht, findet Christian Bartels.

Am vergangenen Sonntag erzielte die ARD einen großen Quotenerfolg. Beim Publikum der 14- bis 49-Jährigen bescherte ihr der «Tatort» recht sensationelle 20,6 Prozent Marktanteil. Die Folge hieß «Erntedank e.V.», ermittelt wurde undercover im Schrebergarten - der erste Auftritt von Maria Furtwängler als Kriminalhauptkommissarin Charlotte Lindholm (nicht zu verwechseln mit der ebenfalls sonntagsaktiven pseudoschwedischen ZDF-Frau Inga Lindström) seit dem «Tatort: Wem Ehre gebührt» - also dem, der um Weihnachten 2007 herum breit und heftig diskutiert wurde, nachdem die Religionsgemeinschaft der Aleviten Protest erhoben hatte.

Damals hatte es das Thema «Tatort» sogar bis auf die «FAZ»-Titelseite geschafft - gleich neben den Mord an der pakistanischen Politikerin Benazir Bhutto. Es wurde auch innerhalb eines ähnliches Diskurses wahrgenommen: «Ein deutscher Karikaturenstreit?», fragte die «FAZ», obwohl die Aleviten mit dem Grundgesetz in der Hand dagegen demonstriert hatten, dass ohne Not Inzest-Klischees über sie verbreitet wurden. Entstanden war das Problem dadurch, dass die Regisseurin und Autorin Angelina Maccarone «nicht erneut einen Fall von 'Ehrenmord' erzählen (wollte), der Vorurteile zementiert hätte». Daher hatte sie den Kriminalfall mit dem Thema Inzest verknüpft, unter Aleviten angesiedelt und, wie sie dem «Kölner Stadtanzeiger» sagte, bei ihren Recherchen nichts mitbekommen von jahrhundertealten Klischees, die Aleviten des Inzests bezichtigen.

Die Tragweite des «Tatort»

Inzwischen sind seit der Aufregung neun «Tatort»-Sonntage vergangen, und der nächste «Tatort» mit deutsch-türkischem Thema wird schon zum zweiten Mal diskutiert. Dieses Mal zur Ausstrahlung. Die Folge trägt den Allerweltstitel «Schatten der Angst». In der Handlung spielen die Motive Zwangsehe und «Ehrenmord» (das manche Medien auch ohne Anführungszeichen verwenden, so als ginge es um Ehre statt um «Ehre») eine Rolle. Es ermittelt Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, mit 44 Folgen seit 1988 die dienstälteste Kommissarin der ARD-Reihe. Folkerts' «Tatort» liegt in Ludwigshafen, und daher hatte der Film bereits im Februar für Aufsehen gesorgt. In der Woche vor der geplanten Ausstrahlung gab es im realen Ludwigshafen die Brandkatastrophe, die neun Deutschtürken das Leben kostete.

Während in der türkischsprachigen Presse über Nazis als Brandstifter spekuliert wurde, beschlossen Entscheidungsträger in ARD und BRD, die bei aller gelegentlich zelebrierten Staatsferne einander doch nah stehen, den Film um zwei Monate zu verschieben. Peter Boudgoust, Intendant des zuständigen SWR, äußerte die sehr respektable «Auffassung, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist, diesen Film jetzt auszustrahlen, während überall im Land Menschen noch schockiert sind.» Auch sagte er: «Eine Entscheidung von dieser Tragweite muss sorgfältig erwogen werden», sagte er ferner - und traf damit den Nagel auf den Kopf. Die Tragweite der «Tatorte» ist seit den Demonstrationen im Dezember, die vielleicht den Aleviten, aber bestimmt nicht dem «Tatort» geschadet haben, nicht mehr zu unterschätzen.

Die Witwe des Ermordeten: Sesede Terziyan als Derya Celik
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Wie üblich diverse Verdächtige

Als Kriminalfilm ist die von Martin Eigler (der mit der Diplompädagogin Annette Bassfeld-Schepers das auch Drehbuch schrieb) inszenierte Folge hingegen nicht zu überschätzen. Intendant Boudgoust lobte ihn als «stimmig inszenierte, spannende Liebesgeschichte». Zumindest ist die Liebesgeschichte spannender als der Krimi: Der Unternehmer Ercan Celik wird überfahren und stirbt. Kommissarin Odenthal und ihr Partner Kopper (Andreas Hoppe) nehmen wie gewohnt die Ermittlungen auf und stoßen wie üblich auf diverse Verdächtige aus unterschiedlichen Richtungen, die schon deshalb sein müssen, damit die Aufdeckung der Wahrheit am Ende wie gewohnt ein bisschen überraschen kann.

So rollt der übliche deutsche Redekrimi ab, in dem alle, auch die die Deutschtürken, ihre Dialoge in tadellosem Hochdeutsch und grammatikalisch vollendeten Sätzen absolvieren. Das recht redundante Gerede hat mit gesprochener Sprache (auch so, wie sie Deutsche ganz ohne Migrationshintergrund sprechen) wenig zu tun. Böse formuliert: «Schatten der Angst» wirkt mitunter so, als wäre das genau der Film, der - wäre er vor «Wem Ehre gebührt» gelaufen wäre - Verständnis dafür geweckt hätte, dass die nächsten Krimis «nicht erneut einen Fall von 'Ehrenmord' erzählen» wollen, sondern sich lieber um eine originellere Variation des genre-obligaten Verbrechens bemühen.

Am Rande dabei: Ermittler Yilmaz (Tim Seyfi) vom LKA
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Der Boden des Grundgesetzes

Andererseits, wer miträtseln möchte, kann sich gut merken, wer was wann erzählt hat und was die Verdächtigen als Alibi anführen. Insofern lässt sich der Film als stimmiger Sonntagabendkrimi begreifen, der nicht mehr sein möchte als er ist und mit den üblichen Mitteln ins deutschtürkische Mileu dringt. Die Kommissare bekommen heraus, dass «Respekt», «Ehre» und «Schande» zu den Schlüsselworten zählen. Sie haben weder zu wenig, noch zu viel Respekt vor den kulturellen Gebräuchen der Türken, sondern stehen auf genau dem Boden des Grundgesetzes, um den es auch in Innenminister Schäubles Islam-Konferenz geht.

Es gibt keine krampfige Klischeevermeidung, dafür kommt in der Nebenfigur des LKA-Ermittlers Yilmaz (Tim Seyfi) am Rande die seit einiger Zeit in der ARD verfolgte Integrationsstrategie zum Tragen. Kommissar Kopper , laut Figuren-Vita Halbitaliener, ist ja ohnehin einer der profilitiertesten Migrationshintergrund-Besitzer im deutschen Fernsehkrimi.

Und dass Baris Sahin, eines der sukzessive verdächtigen Familienmitglieder, vom Schauspieler Ludwig Trepte gespielt wird, der aus ambitionierten Kino- und Fernsehfilmen («1. Mai», «Guten Morgen, Herr Grothe», «Kombat 16») bekannt ist, aber nicht als Migrant, sollte kein Problem sein. Wer fordert, dass Schauspieler mit Migrationshintergrund für alltägliche Rollen besetzt werden, muss auch solche Besetzungen zulassen. Außerdem Trepte wirkte neulich auch in einem «Commissario Laurenti»-Krimi mit - natürlich als Italiener, denn da treten ja lauter Deutsche als Italiener auf.

Darüber lässt sich reden

So ist der neue «Tatort» ein Redekrimi, über den sich reden lässt. Regisseur Eigler sagt freimütig, dass er auf das Thema Zwangsheirat gekommen war, weil Hauptdarstellerin Ulrike Folkerts in einer Talkshow gesagt hatte, dass es sich dabei um ein wichtiges «Tatort»-Thema handele. Der fertige Film könnte locker in die Talkshow zurückkehren. Eigentlich verschenkt, dass im Anschluss Anne Will wohl nicht nochmal über Integration sprechen wird.

Statt der Diskussion im Fernsehen wird es ein «moderiertes Forum» im Internet geben, wo sich vor dem Hintergrund, dass der «Tatort» überdurchschnittlich viele junge Zuschauer erreicht, womöglich tatsächlich spannende Diskussionen abspielen werden.

Typisch deutscher Krimi

Übrigens hatten sich in den Debatte im Februar, als «Schatten der Angst» verschoben wurde, wieder der Alevitenverband zu Wort gemeldet. Er hatte die Verschiebung abgelehnt, und das war schon deswegen nicht deplaziert, weil die Opfer des Ludwigshafener Brandes auch Aleviten waren. Zugleich hatte der Verband Teilen der türkischsprachigen Presse, die deutsche Medienbeobachter natürlich selten auf dem Schirm haben, «hetzerische und tendenziöse Berichterstattung» über den Ludwigshafener Fall vorgeworfen.
Die Realität im Einwanderungsland Deutschland, auch die Medienrealität ist kompliziert.

Daher ist es gut, wenn formal und inhaltlich nicht gerade aufregende, aber gut gemeinte und trotzdem nicht schlecht gemachte, typisch deutsche Fernsehkrimis beginnen, sich damit zu beschäftigen.


«Tatort: Schatten der Angst»: Sonntag, 6.4. 20.15 Uhr ARD


 
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