Neuer Kommissar beim Tatort: Die Straßen von San Stuttgart09. Mrz 2008 10:10  |  Richy Müller ermittelt | Foto: SWR |
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Der allerneueste «Tatort»-Kommissar: Richy Müller. Sein erster Fall ist von einem guten Film weit entfernt, aber hinreichend clever konstruiert, um das Prinzip «Tatort» am Laufen zu halten, findet Christian Bartels.
Wer Argumente dafür braucht, dass die Grünen nicht mehr die Partei sind, die sie mal waren, kann im Internetauftritt des baden-württembergischen Landtags eine Kleine Anfrage nachlesen, die der Abgeordnete Thomas Oelmayer im Mai 2007 an die Landesregierung richtete. Anlass war die Nachfolge des «Tatort»-Kommissars Bienzle, der im Februar 2007 mit seinem 25. Sonntagabendkrimi in Ruhestand gegangen war. Der Grünen-Politiker fragte offiziell, ob die Regierung bereit sei, «dafür zu werben, dass auch der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Kommissar Bienzle den schwäbischen Dialekt in den Tatortfolgen beibehalten wird». Und falls der Dialekt nicht beibehalten würde, wie das dann mit dem Bundeslands-Werbeslogan «Wir können alles. Außer Hochdeutsch» vereinbar wäre.Es ehrt die vom CDU-Medienexperten Günter Oettinger geführte Regierung, dass sie auf diesen Unfug nicht groß eingegangen ist, sondern antwortete: Der «offensichtlich unterstellte Zusammenhang zwischen dem Dialekt eines 'Tatort'-Kommissars und der Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg erschließt sich der Landesregierung nicht». Diese Anekdote, von der «tatort-fundus.de» berichtet, zeigt, was für ein großes Ding der «Tatort» auch im 39. Jahr seines Bestehens ist.
 |  Werner Steck als Bienzle | Foto: SWR |
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Selbst im Falle Bienzle - einer stark schwäbelnden Kommissarsfigur, die vor allem dadurch auffiel, dass sie lang schon wirkte, als müsste sie das Beamten-Rentenalter längst erreicht haben. Größeres Aufsehen hatte sie nur einmal erregt: In der ansonsten auch nicht aufregenden Folge «Bienzle und der Sizilianer», war im Sommer 2005 im Zuge der Bavaria-Affäre kurz vor der Ausstrahlung Schleichwerbung für Rapsöl und Erdgas entdeckt worden.
An diesem Sonntagabend nun treten Bienzles Nachfolger am «Tatort»-Schauplatz Stuttgart an: Richy Müller, Schauspieler in einigen der besten deutschen Kinofilme («Die innere Sicherheit», «Vier Minuten») und als Fernsehkommissar noch unverbraucht, ist Kommissar Lannert, Felix Klare ist Kommissar Bootz. Beide sprechen glasklares Hochdeutsch. Und trotzdem fand der Film (Regie: Elmar Fischer, Buch: Holger Karsten Schmidt) einen cleveren Weg, lokalen Standortpolitikern im Geist des «Wir können alles...»-Slogans zu gefallen. Nicht nur enthält der Krimi eine immerhin dreiminütige Autoverfolgungsjagd durch Stuttgarts City. Regisseur Fischer hat dabei an «Die Straßen von San Francisco» und «Kojak» gedacht. Peter Boudgoust, Intendant des zuständigen SWR, spricht von «Urbanität einer Kapitale, hinter deren Geschäftigkeit und scheinbar perfekter Ordnung sich Abgründe auftun».
Haltung für Mercedes-Besitzer Und absolviert wird der Parcours mit einer feuerroten Sport-Limousine aus dem Württembergischen. Die wird im Verlauf der Verfolgung zwar ramponiert, funktioniert als Auto im Stresstest jedoch tadellos. Anschließend zeigt der neue «Tatort» gar noch eine coole Haltung für junge Mercedes-Besitzer von heute: Staatsanwältin Emilia Álvarez (Carolina Vera), die den Polizisten aus einem Grund, der genauso belanglos ist wie die Verfolgung selbst, ihren Wagen geliehen hatte, ist leicht indigniert, bleibt aber sexy. Naheliegend, dass sie bald des Kommissars love interest erregt.Das wäre nur eines der bewährten Rezepte von anderswo, die der neue Stuttgart-«Tatort» befolgt: eine sich über mehrere Episoden anbahnende Liebesgeschichte, so wie das Axel Milberg und Maren Eggert als Ermittlerteam am «Tatort» Kiel schon länger erfolgreich betreiben. Gespannter sein soll man aber erstmal über das Geheimnis, das Lannert mit sich herumträgt. Der Grund, aus dem er sich aus Hamburg ins ferne Stuttgart versetzen ließ, wird zunächst verrätselt. Verraten werden wird er wohl 2009, beim dritten Auftritt von Lannert/ Bootz.
 |  Das neue Team | Foto: SWR |
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Andere bewährte Rezepte: Es müssen sich zwei Partner erstmal zusammenraufen, die von einander nicht spontan begeistert sind. Als Verbrechen dient ein Thema, das bereits aus Fernsehreportagen als aktuell bekannt ist; es geht um dubiose Adoption weißrussischer Kinder. Außerdem geht es gesellschaftspolitisch modern zu. Um verdeckt in einer Adoptions-Agentur zu ermitteln, mimen Lannert und Bootz zwischenzeitlich ein schwules Pärchen. Und an Menschen mit Migrationshintergrund herrscht erfreulicherweise kein Mangel. Staatsanwältin Álvarez ist der Figuren-Vita zufolge das Kind von Argentiniern, die Eltern von Kriminaltechnikerin Banovic (Miranda Leonhardt) sind serbisch-kroatisch. Damit macht der SWR ein bisschen wett, dass der allererste türkischstämmige «Tatort»-Hauptkommissar mit Mehmet Kurtulus demnächst vom NDR auf Sendung geschickt wird.
Beleidigung für jeden Obdachlosen So schön das Ensemble ausgedacht ist, so beliebig die Handlung des ersten Films «Hart an der Grenze». Sie lässt außer für die Verfolgungsjagd auch noch für einen noch groteskeren Anklang an «Das Schweigen der Lämmer» Raum. Nach etwas Ermitteln induzieren die Kommissare, dass das anfangs tot aufgefundene Mädchen eine in Lebensgefahr schwebende Zwillingsschwester haben muss. Das schafft Zeitdruck. Authentizität wird durch die aufwändige Arbeit in der Maske simuliert. Der Dreck, der den als Clochards verkleideten Kleindarstellern im Gesicht aufgetragen wurde, ist für jeden echten Obdachlosen eine Beleidigung.
Damit ist der erste neue Stuttgarter «Tatort» so oberflächlich geplottet und gefilmt wie viele andere «Tatorte» der jüngeren Vergangenheit. Etwa der mit Maria Furtwängler, in dem die Filmemacher Klischees über Türken vermeiden wollten und dabei versehentlich andere, unbekanntere Klischees über die Aleviten bedient haben. Oder der mit Ulrike Folkerts, der mit den Mitteln des psychologischen Redekrimis einen Fall von «Ehrenmord» unter Deutschtürken darstellen wollte - und verschoben wurde, als am Schauplatz Ludwigshafen ein Haus niedergebrannt war. Der erstgenannte Film lief trotz Protesten im ARD-Programm, über beides wurde viel berichtet. Was immer im Einzelnen geschieht, ob die Filme spannend oder öde sind, ob Kritik berechtigt oder übertrieben ist - alles stärkt das Prinzip «Tatort» und führt zu Aufmerksamkeit am nächsten Sonntag.Im letzten Hamburger Krimi etwa ging es um Elektroschrott-Schmuggel. Nach etwas Herumermitteln hatte der Kommissar (Robert Atzorn) erfahren, dass seit 2006 ein Gesetz Hersteller von Elektrogeräten verpflichtet, alte Geräte zurückzunehmen und zu entsorgen. Das dürfte den meisten Erwachsenen seither schon mal begegnet sein. Der Kommissar war richtig aufgeregt ob der Entdeckung, die ihn dann tatsächlich auf die richtige Fährte führte, und fuhr mit seinem Kollegen in einen Elektromarkt. Da zeigte er auf die vielen Fernsehgeräte und Computer und sagte: «All das muss eines Tages entsorgt werden». Dann war die Szene im Elektromarkt schon vorbei.
«Die Sendung mit der Maus» für Erwachsene Es kommt gar nicht an auf die Qualität der einzelnen Filme und Geschichten. Wichtig ist, dass so ziemlich alles, was in den nachrichtlichen Medien vorkommt, zeitnah auch im «Tatort» auftaucht. Als so etwas wie «Die Sendung mit der Maus» für Erwachsene bietet die Reihe nahezu wöchentlich einen neuen Film und nahezu täglich die Wiederholung eines alten. So ist sie zur im Mediennutzungsverhalten etabliertesten Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geworden. Ende Mai wird der «Tatort» 700 Folgen alt. Und solange das Konzept regelmäßig behutsam modernisiert wird wie nun in Stuttgart, kann das so bleiben. Da schadet es auch überhaupt nicht, dass der erste Stuttgarter Film aus dem Rahmen der zahllosen Fernsehkrimis so wenig nach oben herausragt wie er nach unten rausfällt. Hier halten sich Langeweile und Entspanntheit sich die Waage; fürs Nebenbeimedium Fernsehen ist das in Ordnung. «Tatort: Hart an der Grenze», Sonntag, 9. März 2008, 20.15 Uhr ARD
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