Film über Anna Politowskaja:
Ein Mord und eine Ermordete
20. Feb 2008 08:22
 |  2006 ermordet, doch unvergessen: Anna Politkowskaja | Foto: dpa |
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Der bewegende Dokumentarfilm «Ein Artikel zuviel» über Anna Politkowskaja lief während, aber nicht auf der Berlinale. Heute kommt er gleich zweimal ins Fernsehen.
Christian Bartels hat ihn gesehen.
Wenn Garri Kasparow im Westen öffentlich auftritt, wird es manchmal heikel. Das ist bekannt seit der «Christiansen»-Show im Dezember 2006, aus der der russische Oppositionspolitiker und frühere Schachweltmeister kurzfristig ausgeladen wurde. Vor einer Woche berichtete dann die «Welt», dass Kasparow auf dem Podium bei der Pressekonferenz der Organisation «Cinema for Peace», in der Prominente besonders ostentativ Glamour-Charity betreiben, nicht erwünscht war. Vertreter eines Münchner Automobilkonzerns wollten «offenbar nicht mit Kasparow öffentlich auftreten», da sie um geschäftliche Interessen in Russland gefürchtet hätten.
Dabei war Kasparow für die «Cinema for Peace»-Gala als Laudator für den dort prämierten Film angeheuert worden. Bei der Premiere des Dokumentarfilms «Letter to Anna - The story of journalist Politkovskaya's death» kam es am selben Tag doch noch zu einer schönen, versöhnliche Geste mit ihm. Die schweizerisch-deutschen Koproduktion läuft heute abend unter dem Titel «Ein Artikel zu viel - Anna Politkowskaja und das System Putin» bei 3sat und (gekürzt) in der ARD. Zur Diskussion wollte der Sohn der ermordeten Journalistin eigentlich nicht neben Kasparow auf dem Podium sitzen. Schließlich arbeitet er in Moskau als Bankier. Als Kasparow kam, blieb Ilja Politkowsky doch spontan sitzen.
«Wir wünschen Ihnen alles Gute»
Ein Zeichen für die Wirkung des Films, der in Berlin auch nicht richtig gewünscht war. Er wurde zwar während der Berlinale gezeigt, aber keineswegs in deren Rahmen. Dazu Regisseur Eric Bergkraut zur Netzeitung: Er habe ihn regulär fürs «Internationale Forum des Jungen Film» angemeldet, die Sektion mit riskofreudigen Filmen, und wurde abgelehnt - nicht per Standardabsage, sondern mit dem Satz «Wir wünschen Ihnen alles Gute mit diesem bestimmt erfolgreichen Film». Ort der alternativen Premiere war das Berliner Ensemble des Intendanten Claus Peymann, nachdem die Akademie der Künste und die Schweizer Botschaft sich nicht zur Verfügung stellen wollten
Die Umstände, unter denen Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 mit 48 Jahren ermordet wurde, sind bis heute nicht wirklich aufgeklärt. Bergkraut beschloss kurz danach, einen Film über sie zu drehen. Material hatte der Schweizer genug, da er 2003 und 2004 für einen Dokumentarfilm Interviews mit Politkowskaja geführt hatte. Die hatte er teilweise nicht verwendet, da es im «Coca: Die Taube von Tschetschenien» (2005 auf der Berlinale) um die mit Politkowskaja befreundetete tschetschenische Menschenrechtsaktivistin Sainap Gaschaiewa geht.
 |  Garri Kasparow | Foto: dpa |
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Aufregung eher über Abu Ghraid
So kann «Ein Artikel zuviel» nun mit dem einfachen, wirksamen Kunstgriff arbeiten, einerseits die Vorgeschichte des Mordes zu rekonstruieren, und andererseits die lebende Politkowskaja mit ihren klaren, sachlichen Aussagen danebenzustellen. Der Mord und die Ermordete sind sozusagen Protagonisten des Films. Wenn die jung ergraute Journalistin sanft und bestimmt die Frage aufwirft, ob in Tschetschenien ein Genozid stattfindet, oder schildert, wie sie in einer Erdgrube gefangengehalten wurde und das als wertvolle Erfahrung enpfindet, die ihr zeigte, wie es im Krieg dort zugeht, ist es schwer, sich dem zu entziehen.Sein Film arbeite auf «zwei Schienen», sagt Bergkraut. Er sei «intimes Porträt» Politkowskjas und zugleich «eine Art Sittenbild des heutigen Russland» hinsichtlich der Meinungs- und Pressefreiheit. Auch dafür gibt es eindrucksvolle Bilder. Etwa wenn alte Frauen Plakate an eine Hauswand kleben, um an Politkowskaja zu erinnern, und sich von Polizisten, die sie zum Entfernen der Plakate auffordern, nicht beirren lassen. Ein wenig macht sich «Ein Artikel zuviel» auf dieser Schiene anfechtbar. Einer sagt, in Russland gäbe es keine Teilung der Macht, was auf Putin als Auftraggeber des Auftragsmordes deute. Dafür gibt es natürlich keine Beweise, und man ist schnell bei der Lesart, die in westlichen Kreisen dann beliebt ist, wenn Geschäfte mit Russland locken: Da werden Verschwörungstheorien aufgegossen.
Marktwirtschaftlicher Anschein
Kasparow argumentiert, dass es im Westen Mode sei, sich über Guantanamo und Abu Ghraid aufzuregen, Russland hingegen wenig zu beachten. Das deckt sich mit Klagen der Menschenrechtsorganisation «Reporter ohne Grenzen», die schon lange «doppelte Standards» bei der Verteidigung der Meinungsfreiheit beklagt: An Staaten mit wenig Einfluss wie etwa Zimbabwe würden höhere Maßstäbe angelegt als an solche, in denen es um wirtschaftliche Interessen geht wie in China oder Russland. Und es korreliert mit der Steuerung der Medien in Russland, die weniger über Zensur und Verbote wirkt, als darüber, dass auflagenstarken Zeitungen und reichweitenstarken Fernsehsender sukzessive in die Hände des staatlichen Gasprom-Konzern oder ähnlich regimenaher oder unpolitischer Eigentümer übergehen. Das führt dazu, dass kritischen Journalismus gibt, aber in Nischen. Und es hat oft marktwirtschaftlichen Anschein. Dabei hätten etwa die Gründer des Fernsehsenders «Ren TV» den 30-prozentigen Anteil, den seit 2005 die Bertelsmann'sche RTL Group besitzt, nicht wirklich freiwillig verkauft, wie die russische Journalistin Natalia Morar vergangene Woche bei einer «Reporter ohne Grenzen»-Veranstaltung in Berlin sagte. Morar ist Reporterin beim russischen Wochenmagazin «The New Times» und international auch dadurch bekannt, dass ihr seit Januar die Wiedereinreise nach Russland verboten wird. Die Chefredakteurin der oppositionellen «The New Times», Irena Lesnevskaja, war Gründerin von «Ren-TV».
Solche Zusammenhänge zeigt «Ein Artikel zuviel» nicht, und das wäre auch zuviel verlangt. Boris Beresowski, umstrittener russischer Oligarch im Londoner Exil, kommt zu Wort. Deutlich wird, dass Russlands Opposition zerstritten ist, und auch, dass Politkowskaja als Person womöglich anstrengend war. Es ist jedenfalls gut, dass ein solcher Blick auf Russland Platz im deutschen Fernsehen findet und nicht allein die ausgedehnten Reisereportagen à la «Von Petersburg bis zum Polarmeer» und «Berlin - Saigon», mit denen verdiente Reporter wie Gerd Ruge und Dirk Sager besonders zur Weihnachtszeit erfreuen, das Bild bestimmen.
Im deutschen Programm dürfte «Ein Artikel zu viel» sogar ungewöhnlich viel Reichweite erlangen. Was fürs kompliziert strukturierte deutsche Mediensystem eine Rarität, für den Rest der Welt natürlich belanglos ist: An der Finanzierung haben sich gleich beide öffentlich-rechtlichen Systeme beteiligt: das ZDF, das auf dem aus Mainz gelenkten Anspruchs-Kanal 3sat zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr die Langfassung zeigt, und die Anstalten RBB und MDR aus dem ARD-Verbund. Daher folgt am späten Abend dort, immerhin noch vor Mitternacht eine 45-minütige Kurzversion desselben Films.
In Russland wäre das so nicht denkbar. «Zwei Wochen unzensiertes Fernsehen, und das Regime würde in sich zusammenfallen», sagte Garri Kasparow nach der Podiumsdiskussion im Berliner Ensemble noch. Die wachsamen Bodyguards, die ihn immer und überall begleiten, ließen ihn dabei natürlich nicht aus den Augen.
«Ein Artikel zu viel - Anna Politkowskaja und das System Putin»:
Mi., 20.2. um 20.15 Uhr auf 3sat und um 23.45 Uhr in der ARD