«Die Morde unserer Gesellschaft multiplizieren»
Netzeitung: Herr Kraus, Sie haben zwei ambitionierte Kinofilme gedreht und jetzt Ihren ersten Fernsehfilm. Was ist der Hauptunterschied zwischen Kino- und Fernsehfilm?
Chris Kraus: Diese Frage hatte ich mir vorher damit beantwortet, dass da unendliche Schrecken lauern, weil es viele Leute gibt, die reinquatschen, weniger Geld, weniger Drehtage, unambitionierte Schauspieler. Ich hatte den Job eher zögernd angenommen. Damals war noch nicht klar, ob meine Kinokarriere beendet ist - und ich musste meine drei Kinder mit Brot versorgen. Dann geschah das Wunder, dass fast alles anders war als befürchtet. Die Produktion gab mir eine große Freiheit, die Schauspieler zu casten, das Team auszusuchen, den Schnitt in der Hand zu behalten. Ich konnte so aufwändig arbeiten, wie ich arbeite.
Netzeitung: Was ist das Aufwändige an Ihrer Arbeitsweise?
Kraus: Frühe Proben und die Schauspielerarbeit am Set spielen eine große Rolle. Da hatte ich viel Unterstützung, wir hatten einfach sehr lange Drehtage.
Netzeitung: Lange oder viele Drehtage?
Kraus: Die Anzahl der Tage ist festgelegt. Die einzige Möglichkeit, die Drehzeit auszudehnen, sind längere Drehtage.
Netzeitung: Was in Fernsehkrimis und gerade beim ZDF oft auffällt: die Neigung, alles in Dialogen zu erklären und zu wiederholen, damit Zapper schnell im Bilde sind, also den Bildern wenig zu vertrauen. War das ein Problem für Sie?
Kraus: Für mich nicht. Mein «Bella Block»-Film ist ja riskant erzählt, bildstark und assoziativ. Im Kino funktioniert sowas gut, wie wir bei den Hofer Filmtagen überprüfen konnten, aber er hat eine relativ sperrige Erzählweise. Das war natürlich in der Diskussion. Letztlich hat der Sender gesagt, wir lassen uns mal darauf ein, das ist ein Freischuss. Ich hoffe halt, dass es so ist wie im Kino und die Leute nicht alle zehn Minuten aufs Klo rennen oder ein Bierchen zischen.
Netzeitung: Weil Zuschauer, die dem Film nicht aufmerksam folgen, schnell etwas Wichtiges verpassen würden?
Kraus: Ja, das ist tatsächlich so. Die im Fernsehen übliche Erzählweise, jedes handlungstragende Detail für den unaufmerksamen Zuschauer gebetsmühlenartig zu wiederholen, haben wir nicht bedient. Das Muster kommt in in diesem Fall wegen der Verschachtelung der Erzählebenen nicht zum Tragen. Das gilt vor allem für den Anfang des Films. Manche Details werden nur einmal gezeigt. Das ist schon im Kino kritisch. Im Fernsehen sieht man das nicht so gern. Insofern ist es ein großes Privileg, dass ich den Film so machen durfte.
Kraus: Ich spiele gerne mit Genre-Versatzstücken. Wenn die Erwartungshaltung so determiniert ist, finde ich die Überraschung, dass noch etwas Neues passiert, viel größer. Ich versuche eben, den Film so aufregend und der Geschichte so angemessen wie möglich zu erzählen. Und zur Aufregung zählt auch das Risiko. Wir sind mit der Erzählweise bewusst ein Risiko eingegangen, wie ich schon sagte. Ob man das unter den Maßstäben, die im Fernsehen herrschen, machen kann, ob also genug Zuschauer einschalten, muss sich bei der Ausstrahlung zeigen.
Netzeitung: Ihre Krimi-Geschichte handelt von den Folgen der Globalisierung am Beispiel der chinesischen Konkurrenz für deutsche Mittelständler. Wie ist sie entstanden? Sie haben ja mit «Vier Minuten» auch auf dem Festival von Schanghai einen Preis gewonnen.
Kraus: Es gab zunächst seitens der Redaktion die Idee einer Geschichte über Tierschützer. Das hatte mich nicht so interessiert. Dann hab ich gefragt, ob ich das nicht mit einer Erfahrung verbinden kann, die ich in China gemacht habe. Einer eher atmosphärischen Erfahrung während der zehn Tage, die ich 2006 in Schanghai war. Man merkt, dass das dort ein sehr autoritär-repressives System ist. Es gibt sowohl starke Relikte aus der Mao-Zeit als auch das furchtbare turbokapitalistische System, das dort abgefeiert wird, bis in den ungefähr 160. Stock eines Hochhauses hinein, wo man Daiquiri trinkt und das Gefühl hat, man sitzt gar nicht in einem Haus, sondern vor einer Leinwand, weil alles so klein ist, dass man den Maßstab verliert.
Dazu kam, dass ich zu dem Zeitpunkt eine Reportage über Organhandel zwischen Schanghai und westlichen Ländern gesehen habe. Die BBC hatte ein Team in ein Krankenhaus geschickt und konnte Leber, Lunge und alles was so in uns drin ist, kaufen, obwohl die sogenannten Spender gar nicht gefragt wurden. Das waren zum Tode verurteilte Häftlinge. Die hat man erschossen, um ihre Organe zu verscherbeln. Diese Mischung sollte Thema des Films sein.
Netzeitung: Der Film ist raffiniert erzählt. China ist ein starkes Motiv, obwohl alle Szenen in Hamburg spielen und keine Chinesen mitspielen.
Kraus: Wir haben uns überlegt, eine Szene mit Rudolf Kowalski...
Netzeitung: ... der Bella Blocks Lebensgefährten spielt...
Kraus: ...in China zu drehen. Das war eigentlich schon genehmigt. Das haben wir dann aus inhaltlichen Gründen gelassen, weil es ja das Problem an der Globalisierung ist, dass es so wahnsinnig schwer ist, sie zu konkretisieren.
Kraus: Ja, ich mag Devid als Schauspieler sehr gern. Und Hannelore Hoger hat mich sehr gereizt. Natürlich habe ich die Tatsache thematisiert, dass sie eine alte Ermittlerin spielt. Das passt einfach, nicht biologisch. Sie hat altmodische Ansichten. Allein schon das moralisch Rigide, das sie verkörpert, passt als Kontrast sehr gut zu der Modernität der Globalisierung.
Netzeitung: Hannelore Hoger hat Sie gereizt im Sinne von: angespornt? Oder geärgert?
Kraus: Angespornt. Aber «reizen» ist ja ein schönes Wort, voll schillernder Assoziationen. Es war eine sehr intensive Arbeit, Gott sei Dank mochten wir uns. Es steht in ihrem Vertrag, dass für sie ein Drehtag elf Stunden «von Haustür zu Haustür» dauert, inclusive Käffchen, Maske, Umziehen. Das sind maximal acht Stunden Arbeit. Das kannte ich vom Kino gar nicht. Bei der Art Filme, die ich drehe, dreht man 16 Stunden pro Drehtag. Und alle wollen das auch, denn es soll ja ins Kino. Beim Fernsehen ist das anders. Hannelore Hoger hat aber freiweillig täglich 13 oder 14 Stunden reingehauen. Das war ein großes Geschenk, sonst hätten wir den Film so nicht hingekriegt.
Kraus: Um Klischees kommt man in einem standardisierten Genre nie herum. Ich mag zwar den literarischen Krimi, bin aber kein großer Fan von Fernsehkrimis. Ich kannte auch «Bella Block» gar nicht, bevor das Angebot kam. Ich kannte Hannelore Hoger, aber aus Filmen wie «Rossini».
Es ist merkwürdig, dass in Deutschland im Fernsehen außer Komödien und kriminalisiertem Stoff gar nichts anderes mehr geht. Das ist komisch in einer relativ sicheren Gesellschaft wie unserer. Es gibt einen interessanten Aufsatz von Pierre Boileau über die Wechselwirkung von Bürgerlichkeit und der Sehnsucht nach Verbrechen, vor allem der Sehnsucht nach ihrer Aufklärung.
Auf der ganzen Welt gibt es kein Land, das in Relation zum Produktionsvolumen so viele Krimis herstellt wie Deutschland. Ich bin viel auf Reisen, in Italien, in Frankreich. Man sieht überall «Derrick», «Tatort», lauter deutsche Krimis. Dabei geschehen, glaube ich, nur etwa acht Morde pro Tag bei uns, oder noch weniger. Im Grunde genommen multiplizieren wir die Morde unserer Gesellschaft durch die Fernsehkrimis, die wir drehen, ins Unendliche. In Italien, wo allein schon durch die Mafia ein Vielfaches an Morden geschieht, müssen die unsere Krims einkaufen.
Netzeitung: Und «Derrick» läuft dort immer noch?
Kraus: Sie wiederholen es ab und zu. Aber neulich sah ich dort einen acht oder neun Jahre alten Krimi mit Til Schweiger. Ich wusste gar nicht, dass der mal in einer Serie spielte.
Netzeitung: «Die Kommissarin» mit Hannelore Elsner?
Kraus: Richtig. Da war ich baff, das kannte ich natürlich auch nicht. Bei der Polizei in Hamburg gibt es übrigens einen Beamten, der nichts anderes macht als deutsche Krimiserien zu beraten. Das finde ich irre.
Netzeitung: Sie waren auch beim ihm? Was hat der zu Ihrem «Bella Block»-Film gesagt?
Kraus: Der Regieassistent hat ihn aufgesucht. Wir haben unsere Recherchen über die Ermittlerarbeit überprüfen lassen. Schon bevor ich zu recherchieren begann, hatte ich Kompetenzrangeleien zwischen Bella Blocks Team und einem BKA-Ermittler ins Buch geschrieben, ohne davon die geringste Ahnung zu haben. Wir mussten ja falsche Fährten legen. Darüber hat sich der Hamburger Beamte gefreut, denn das Bundeskriminalamt ist bei den Landespolizeidienststellen tatsächlich unbeliebt. Das mit dem blöden BKA ist ja blendend recherchiert, sagte er uns.
Netzeitung: Falsche Fährten müssen in Fernsehkrimis immer sein, oder?
Kraus: Ja, aber es ist sehr schwer. Dadurch, dass Deutschland mit falschen Fährten überschwemmt ist, kennt man ja alle. Weil es so schwer ist, haben wir uns diese Konstruktion mit dem Konkurrenz-Ermittler überlegt. Das ist nicht neu, wirkt aber dennoch überraschend, weil wir es mit einer anderen Finte kombinieren. Wir haben sozusagen ein retardierendes Moment angelegt und starten den Krimi einen Tick später. Das hat den Nachteil, dass man als Zuschauer erstmal in den Film reinkommen muss, und es hat den Vorteil, dass man am Ende wirklich überrascht sein kann.
Netzeitung: Werden Sie jetzt weitere Fernsehkrimis drehen, oder lieber wieder fürs Kino?
Kraus: Ich bevorzuge das Kino. Viele meiner Erfahrungen waren bei dieser Fernsehproduktion sehr gut. Natürlich gab es aber dem Film und meiner Arbeitsweise gegenüber Vorbehalte. Jetzt wird der Krimi gezeigt, und dann hängt es an der Quote, wie man ihn beurteilt. Ich mache meine Filme aber nicht, um einen kommerziellen Druck zu erfüllen. Sondern alle, die mitarbeiten und mitgestalten, machen es für das, was hinter dem Projekt steht. Das war in diesem Fall schon eine sehr drastische, ungewöhnliche Geschichte.
Wenn kommerzieller Erfolg dann zufällig auch eintritt wie bei «Vier Minuten», ist das sehr schön. Bei «Bella Block» konnte ich so arbeiten. Es ist aber, glaube ich, sehr schwer, das im Fernsehalltag öfter zu wiederholen. Allen, gerade auch dem ZDF, war bewusst, dass das ein besonders Stück Fernsehen ist. Und ich glaube, man kann im Fernsehen nicht viele besondere Stücke hintereinander machen. Das Prinzip Fernsehen läuft dem zuwider.
«Bella Block: Reise nach China» zeigt das ZDF am Samstag, 9. Februar um 20.15 Uhr.

