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Österreich bekommt «Kampusch-TV»

18. Jan 2008 12:37
Wirkt sehr ruhig: Startseite von Natascha-Kampusch.at
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Das Entführungsopfer Natascha Kampusch erhält demnächst eine eigene Talkshow beim neuen österreichischen Infotainment-Sender Puls TV. Heike Karen Runge fragt sich, wie wohl beides zusammenpassen wird.

Es gleicht fast einem Ritual: Leute, die spektakuläre Naturkatastrophen, Geiseldramen oder Terroranschläge überlebt haben, sitzen anschließend in den Talkrunden und berichten über die Schrecknisse des Erlebten. Als Gast wohlgemerkt. Dass das Opfer einer Katastrophe gleich die eigene Talkshow kriegt, ist die große Ausnahme, und diese Ausnahme heißt Natascha Kampusch.

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  • «Ich trage bereits seit längerem den Gedanken, aus der Rolle eines passiven 'Medienobjekts' herauszutreten und pro-aktiv mediale Inhalte zu gestalten», teilt sie in einer Presseerklärung leicht umständlich mit. Allerdings geht das berühmteste Geiselopfer der Alpenrepublik nicht zum öffentlich-rechtlichen Platzhirschen ORF, dem Kampusch drei aufsehenerregende Interviews gab, sondern zu dem am 28. Januar startenden Privatsender Puls 4. Als Gastgeberin einer eigenen Talkshow. Die Fragen stellt jetzt sie.

    Kampuschs Ambitionen aufs Journalistenfach waren unübersehbar. Seit ihrer Flucht aus einer achtjährigen Gefangenschaft im fensterlosen Kellerraum hat die junge Frau nicht nur das Interesse der Medienöffentlichkeit magisch angezogen, sie ist den Medien umgekehrt auch auf eine beispiellos selbstbewusste und fordernde Art entgegen getreten. In die Opferrolle wollte sie sich nicht fügen, lieber beanspruchte sie für sich den Status der Celebrity und inszenierte sich auch so.

    Kampusch und das Fernsehen

    Als sie zwei Wochen nach dem Ende ihrer Gefangenschaft mit lila Kopftuch und Bluse in einem abgedunkeltem Fernsehstudio ihre Geschichte schilderte, schrieb sie Fernsehgeschichte. Schutzbedürftig wirkte sie und gleichzeitig kapriziös. Dem Heer von Psychologen, die bereit standen, ihren Fall zu analysieren, nahm die kluge Wienerin gleich, eine Menge Arbeit ab.

    Kampusch sagte so denkwürdige Sätze wie «Ich habe mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien würde», oder, über den Entführer Wolfgang Priklopil, «Ich finde, ich war stärker als er». Offenbar kannte sie ihren Wert sehr genau. Das war nicht nur außergewöhnlich, sondern auch außergewöhnlich sympathisch.

    Dass die damals 18jährige ihr Schicksal einschließlich seiner Vermarktung selbst in die Hand genommen hatte, gefiel allerdings nicht jedem. Der Generalvorwurf lautete auf Mediengeilheit. In den Blogs rauf- und runterdiskutiert, hielten Verschwörungstheoretiker wie User «erchsal» den Fall gar für die «bizarrste, widerlichste und dennoch handwerklich grandioseste Fälschung der internationalen Mediengeschichte seit der Veröffentlichung der mutmaßlichen Hitler-Tagebücher».

    Puls 4

    Allen Neidern zum Trotz, startet Kampusch nun ihre «zweite» Medienkarriere. Für ihr journalistisches Debüt muss ein Sender herhalten, der mit dem Slogan wirbt: «Für Frauen, die wissen, was sie wollen und Männer, die das gut finden». Klingt zwar erst mal passend. Einen Hort weiblichen Individualimus' sollte man sich von Puls 4 allerdings nicht versprechen.

    Der zum ProSiebenSat.1-Konzern gehörende Sender geht aus dem eher amateurhaften Wiener Stadtsender Puls TV hervor, der mit Boulervardfomaten sein Programm bestritten hat. Puls TV-Moderatorinnen wie Mel Merio oder Isabella Richter beeindruckten ihr Publikum weniger durch Sprachkompetenz denn durch tiefe Ausschnitte und knappe Rocksäume. Die neuesten Versprecher und Outfits der Moderatorinnen fanden sich regelmäßig auf MyVideo.

    Am 28. Januar um 18 Uhr will der relaunchte Puls 4 als drittes Privatfernsehprogramm nach ATV und Austria 9 in Österreich auf Sendung gehen. Die Experimentierphase soll bis April dauern. Fest steht aber schon jetzt: Die Mischung aus Infotainment, Talk, Society und Lifestyle, mit der der Stadtsender um die junge Zielgruppe buhlte, wird man tunlichst beibehalten.

    Kampusch online

    Aus- und anbauen will man den Online-Bereich, wie Geschäftsführer Markus Breitenecker auf Nachfrage von «Netzeitung.de» mitteilt: «Die neue Homepage puls4.com verknüpft Free-TV mit Web 2.0 und schafft so eine integrierte Medienmarke für die Mediengeneration des 21. Jahrhunderts. Das Online-Pendant von Puls 4 vereint künftig Community-Features für die junge Mediengeneration.» Im Klartext: Das Online-Angebot des Senders bietet zwar nichts, was andere nicht auch bieten würden, man vermarktet sein Standardprogramm aber offensiv.

    Wie nun passt die um Ernsthaftigkeit bemühte Kampusch ins betont lässige 2.0-Konzept, galt die 19jährige doch bislang als Kaspar Hauser des 21. Jahrhunderts - aufgewachsen ohne Internet, Computerspiele, Handy und dafür intensiv durch «klassische» Medien wie Jugendbücher, Hörfunk und Qualitätszeitungen sozialisiert? Kampuschs pünktlich zum Talkshow-Start relaunchter Web-Auftritt in Gold-Braun wirkt jedenfalls so betulich, als wollte sie Cognac-Pralinen an ältere Damen verkaufen.

    Einen Kommentar möchte Breitenecker zu Kampuschs Rolle im Senderprofil nicht geben und verweist lediglich auf die Presseerklärung. Darin versichert Mit-Geschäftsführer Martin Blank ganz allgemein, dass man sich als Sender der «Verantwortung» für die neue Moderatorin durchaus bewusst sei. Eventuellen Befürchtungen, die Talksendung der 19jährigen, die zur Zeit ihren Hauptschulabschluss nachholt, gerate zur Freakshow, tritt er prophylakisch mit den Worten «Wir garantieren eine professionelle Abwicklung, die nötige Seriosität und Sensibilität» entgegen.

    Offene Gespräche

    Doch Informationen darüber, wann die Sendung startet und welche Gäste erwartet werden, rückt der Sender nicht heraus. Kampusch selbst kündigte in einer Presseerklärung lediglich an, sie werde mit ihren «Gästen kein traditionelles Interview mit den üblichen, oft gehörten Fragen führen, sondern viel mehr ein sehr offenes Gespräch, in dem auch bislang unbekannte Seiten meiner Gesprächspartner Platz finden werden». Klingt mächtig innovativ, aber auch wie eine Warnung, bitte schön keine professionell gemachte Sendung zu erwarten.

    So oder so ist die Marketingstrategie von Puls 4 aufgegangen, der Mini-Sender aus Österreich hat sich über die Landesgrenzen hinaus ins Gespräch gebracht. Ob die angekündigte Talkshow dann irgendwann auch wirklich als Talkshow funktionieren wird, ist vielleicht gar nicht mehr so wichtig. Talkshow ist, worüber die Medienwelt spricht.


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