Österreich bekommt «Kampusch-TV»
18.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Kampuschs Ambitionen aufs Journalistenfach waren unübersehbar. Seit ihrer Flucht aus einer achtjährigen Gefangenschaft im fensterlosen Kellerraum hat die junge Frau nicht nur das Interesse der Medienöffentlichkeit magisch angezogen, sie ist den Medien umgekehrt auch auf eine beispiellos selbstbewusste und fordernde Art entgegen getreten. In die Opferrolle wollte sie sich nicht fügen, lieber beanspruchte sie für sich den Status der Celebrity und inszenierte sich auch so.
Kampusch sagte so denkwürdige Sätze wie «Ich habe mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien würde», oder, über den Entführer Wolfgang Priklopil, «Ich finde, ich war stärker als er». Offenbar kannte sie ihren Wert sehr genau. Das war nicht nur außergewöhnlich, sondern auch außergewöhnlich sympathisch.
Dass die damals 18jährige ihr Schicksal einschließlich seiner Vermarktung selbst in die Hand genommen hatte, gefiel allerdings nicht jedem. Der Generalvorwurf lautete auf Mediengeilheit. In den Blogs rauf- und runterdiskutiert, hielten Verschwörungstheoretiker wie User «erchsal» den Fall gar für die «bizarrste, widerlichste und dennoch handwerklich grandioseste Fälschung der internationalen Mediengeschichte seit der Veröffentlichung der mutmaßlichen Hitler-Tagebücher».
Der zum ProSiebenSat.1-Konzern gehörende Sender geht aus dem eher amateurhaften Wiener Stadtsender Puls TV hervor, der mit Boulervardfomaten sein Programm bestritten hat. Puls TV-Moderatorinnen wie Mel Merio oder Isabella Richter beeindruckten ihr Publikum weniger durch Sprachkompetenz denn durch tiefe Ausschnitte und knappe Rocksäume. Die neuesten Versprecher und Outfits der Moderatorinnen fanden sich regelmäßig auf MyVideo.
Am 28. Januar um 18 Uhr will der relaunchte Puls 4 als drittes Privatfernsehprogramm nach ATV und Austria 9 in Österreich auf Sendung gehen. Die Experimentierphase soll bis April dauern. Fest steht aber schon jetzt: Die Mischung aus Infotainment, Talk, Society und Lifestyle, mit der der Stadtsender um die junge Zielgruppe buhlte, wird man tunlichst beibehalten.
Wie nun passt die um Ernsthaftigkeit bemühte Kampusch ins betont lässige 2.0-Konzept, galt die 19jährige doch bislang als Kaspar Hauser des 21. Jahrhunderts - aufgewachsen ohne Internet, Computerspiele, Handy und dafür intensiv durch «klassische» Medien wie Jugendbücher, Hörfunk und Qualitätszeitungen sozialisiert? Kampuschs pünktlich zum Talkshow-Start relaunchter Web-Auftritt in Gold-Braun wirkt jedenfalls so betulich, als wollte sie Cognac-Pralinen an ältere Damen verkaufen.
Einen Kommentar möchte Breitenecker zu Kampuschs Rolle im Senderprofil nicht geben und verweist lediglich auf die Presseerklärung. Darin versichert Mit-Geschäftsführer Martin Blank ganz allgemein, dass man sich als Sender der «Verantwortung» für die neue Moderatorin durchaus bewusst sei. Eventuellen Befürchtungen, die Talksendung der 19jährigen, die zur Zeit ihren Hauptschulabschluss nachholt, gerate zur Freakshow, tritt er prophylakisch mit den Worten «Wir garantieren eine professionelle Abwicklung, die nötige Seriosität und Sensibilität» entgegen.

