18.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Erster Fall für TV-Anwalt Herzog (Niels Ruf): die 'durchgeknallte Sekte' der Katholiken
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In neuen RTL-Serien sucht Mirja Boes als Parfümerie-Angestellte Spaß und Niels Ruf als Scheidungsanwalt Sex. Anlass zu leiser Hoffnung in der deutschen Comedy, meint Christian Bartels .
Die Titel der Serien, die RTL an diesem Freitag startet, tragen den Spitznamen der amtierenden Bundeskanzlerin und den Nachnamen eines ehemaligen Bundespräsidenten. Nicht auszuschließen, dass sich die Macher etwas dabei gedacht haben. Zumindest denken sich die Macher von «Angie» und «Herzog» etwas. Das erstaunt auf dem Freitagabendsendeplatz, den vorige Woche noch der von Feuilletonisten fassungslos angestaunte Großkomiker Mario Barth («Männer sind primitiv, aber glücklich!») im Wettrennen mit der jüngsten Sat.1-Comedy-Offensive um «Das iTeam» bespaßt hat.
«Glied! hihihi»Der Wille zum Provozieren wird auch deutlich. In «Herzog» hagelt es Sätze über die «durchgeknallte Sekte» der Katholiken, und darüber, dass «sogar Schwuchteln» heiraten dürfen. Ein Anwalt sagt «Neger riechen einfach irgendwie anders». Die Anführungszeichen, die sich wenigstens gehörten, malt Anwalt Herzog dazu nur in die Luft. Bevor allerdings Niels Ruf als Scheidungsanwalt gepfleg-zynische Herrenwitze für Männer unter 50 aufbietet, kommt erstmal Mirja Boes mit der zweiten Staffel ihrer Serie «Angie» (gesprochen ohne «Ä») auf den Sender.
Boes verkauft in ihrem Internet-Auftritt gerade «Lady-Shirts» mit der Aufschrift «Glied! hihihi». Sie ist «eine dieser allgegenwärtigen Scheinprominenten» (Stefan Niggemeier), die überall auf Sendung gehen, wo sie dafür bezahlt werden, und das Niveau, nicht nach oben, angleichen bald zur Fassenacht auch im ZDF. Die erste Staffel mit Boes als Angie erreichte wenig Lob, aber ordentliche Marktanteile. Die zweite Staffel ist nun gar nicht übel.
Spaßhaben bis zum UmfallenDie mehr oder minder aufgedrehte 34-jährige Parfümerie-Angestellte Angie konsumiert gern Eis, Cocktails und Männer, letztere nicht immer in der gewünschten Menge. Die Gags sitzen auch nicht immer, aber öfter als früher. In Folge 1 gerät Angie an einen Polizisten mit Porno-Schnäuzer.Um nicht ihren alten Fehler zu wiederholen und Qualitäten ihrer Liebhaber erst im nachhinein, wenn es zu spät ist, zu erkennen, führt sie beim Rendezvous eine Strichliste. «Normalerweise bin ich der Beamte, der die Fragen stellt», sagt der Polizist. Sie sagt:«Stimmt, und unkündbar ja auch noch», und macht noch einen Strich auf der Plus-Seite. Das ist recht lustig, weil die Balance zwischen Gagschreiber-Sketch und Spielhandlung stimmt und sich in den 25-minütigen Epioden-Handlungen fortlaufend entwickelt.
«Angie» lebt auch durch die Entourage der Protagonistin. Charlotte Bohning als beste Freundin der Heldin ist eine Schauspielerin, die, was in gängigen Sketchcomedys selten ist, auch über ihr Gesicht Gefühle ausdrückt. Vor allem die Figur von Angies Mutter bringt dezent Tiefe. Inge (Angelika Milster) rivalisiert mit ihrer Tochter bis zum Umfallen ums Spaßhaben. In Folge 1 liefern sich die beiden ein entzückend groteskes Tanzduell in der Disco fast schon Slapstick. Bis die Mutter zusammenbricht.
So funktioniert «Angie» im Grunde als Dramedy, die einen Blick in die gleichermaßen bunte wie triste Zukunft der Spaßgesellschaft («Warum machen die Menschen sowas, dieses hemmungslose Saufen und Feiern und Tanzen» «Das nennt man Spaß, Melanie») wirft. Inzwischen gehört zur Entourage der Titelheldin übrigens auch ein verheirateter Schwuler (Manuel Cortez).
Nachdem die RTL-Zuschauerinnen ihren Spaß gehabt haben, scherzt Herzog auf Kosten der Minderheiten, über die Männer gern lachen. Hauptdarsteller Niels Ruf hat die Serie um den ostentativ zynischen Juristen bereits seit 2004 entwickelt. Jetzt endlich zeigt er sich hier ganz so, wie er sich gern zeigt, seit er sich nicht mehr für Sachen wie «Dumm erwischt» auf RTL 2 hergibt, sondern lieber im Pay-TV als Late-Night-Show-Moderator etabliert. Herzog hat mehr Pointen als Angie, und mehr Sex.
Wenn Liebe in der Luft liegtAber als Serienheld hat er auch seine Entourage. So wie sie die Mutter hat er einen Vater (Michael Greiling) in einer tragenden Nebenrolle neben sich. Außerdem soll er neben dem Sarkasmus gelegentlich auch echte Gefühle zeigen, Pathos im Stile der Anwaltsserien nach amerikanischem Vorbild. Das kann Ruf. Er ist in der deutsche Humorszene nicht die große Nummer, die er vielleicht zu sein verdient hätte, zumindest angesichts der Nummer, die Mario Barth ist. Das gibt ihm in der Rolle des Anwalts, der sich an Statussymbolen wie Porsche und Dogge freut, Glaubwürdigkeit.
Das Prinzip, erst Lady-krachenden Frauenhumor und anschließend Herrenwitze für Porschefahrer und solche, die es gern wären, zu spiegeln, ist eine interessante Idee von RTL. Sie zeigt, dass der Bertelsmann-Sender seine langjährige Marktführerschaft weniger den Inhalten einzelner Sendungen verdankt, sondern dem daraus clever konfektionierten Gesamtprogramm. Bei «Angie» und «Herzog» handelt es sich natürlich um knallhart durchkalkuliertes Gebrauchsfernsehen. Beide Serien spielen in Köln und wurden von der auf allen Comedy-Niveaus routinierten Sony Pictures-Fernseh Produktion («Nikola», «Die Camper», «Ritas Welt») hergestellt. Es wird jedes Register gezogen, um das Quotenpublikum dran zu halten. Auf der Tonspur werden laufend die verbrauchtesten Hits vergangener Jahrzehnte angespielt wenn Liebe in der Luft liegt: «Love is in the Air», wenn jemand geht: «Walk On By».
Und natürlich ist bei RTL auch nicht plötzlich auf breiter Fläche Niveau eingekehrt. Das zeigt schon, dass im Anschluss «Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!» folgt. Beide Serien sind keinesfalls ein Muss, aber etwas, das angucken kann, wer freitagabends Fernsehen gucken will. Gemeinsam mit der Sat.1-Produktion «Pastewka» machen sie zumindest Hoffnung, dass nicht ausschließlich das Ausmaß der Fernseh-Comedy steigt, sondern ein bisschen auch die Qualität.
«Angie»: Freitag, 18.1., 21.15 Uhr auf RTL
«Herzog»: Freitag, 18.1., 21.45 Uhr auf RTL