24.12.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Beim Tatort "Ehre wem Ehre gebührt" ermittelte Kommissarin Lindholm zusammen mit einem türkischen Kollegen
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Anlass des Ärgers war der ARD-«Tatort» vom Sonntag. Wegen eines fiktiven Falles von Inzest fühlt sich die Religionsgemeinschaft gebrandmarkt.
Die Alevitische Gemeinde Deutschland hat bei der Berliner Polizei Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Mit der Anzeige will die Religionsgemeinschaft gegen die Ausstrahlung der Tatort-Folge «Wem Ehre gebührt» am Sonntag protestieren.
In dem Tatort ging es um Mord und Inzest in einer türkischen Familie, die ausdrücklich als Anhänger der Aleviten in die Geschichte eingeführt wurden. Man habe alles versucht, die Ausstrahlung zu verhindern, sagte Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland der
Netzeitung. Aber der NDR habe sich auf seine Pressefreiheit berufen. Lediglich eine kurze Einblendung wurde dem Film vorangestellt, in dem es hieß, die Geschichte sei rein fiktiv.
Weil über die Feiertage keine zivilrechtliche Entscheidung möglich gewesen sei, sei nun vom Berliner Verein Anatolischer Aleviten im Auftrag der Alevitischen Gemeinde Deutschland Stafantrag gestellt worden. «Es ist uns äußerst unangenehm, in eine solche Position gebracht worden zu sein. Aber wir haben keinen anderen Weg mehr gesehen, unserem Protest Ausdruck zu verleihen», so Toprak.
Der Protest der als liberal geltenden Aleviten richtet sich vor allem gegen den Inzest, den der Vater der Familie an seiner jüngeren Tochter in dem Krimi verübt. «Wir sind nicht die besseren Menschen, und natürlich gibt es bei uns auch Räuber und Mörder», sagte Toprak. «Aber ausgerechnet den Missbrauch der eigenen Tochter durch den Vater in die Geschichte einzubauen, ist extrem unsensibel und wiederholt genau die Vorurteile, mit denen die Aleviten seit Jahrhunderten verfolgt und bis heute diskriminiert werden.»
Werbung für das KopftuchTatsächlich werden die Aleviten in der Türkei von fundamental- orthodoxen Kräften immer wieder damit beschimpft, sie würden «keine Schwester und keine Tochter kennen», was meint, Aleviten würden ihre weiblichen Verwandten ebenso als sexuelle Objekte sehen wie andere Frauen. Wie auch in westlichen Gesellschaften ist dieses bei Muslimen eine der schlimmsten Beschimpfungen überhaupt. Dazu komme, so Toprak, dass die Tochter durch das freiwillige Tragen des Kopftuches - was bei den Aleviten völlig unüblich ist - auch noch signalisiere, nur durch die strengen Verhaltensregeln der Sunniten Schutz zu finden. Das spiele den fundamentalen Kräften in die Hände und sei eine regelrechte Werbung für das Kopftuch.
Gespräch mit dem NDR im JanuarToprak fordert nun von der ARD, «dass unsere Religion im Fernsehen in einem angemessenen Rahmen richtig dargestellt wird, und zwar ebenso zur Primetime wie der Tatort lief.» Man habe sich bereits mit dem NDR verabredet und werde Anfang des Jahres ein Gespräch zusammen führen, bei dem auch die Tatort-Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone anwesend sein soll.
Noch am Heiligabend wollten sich die Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinden Deutschlands zu einer zentralen Sitzung treffen. Man wolle beraten, wie man nun reagieren soll, weil man nach der Austrahlung des «Tatortes» negative Reaktionen gegen die Aleviten befürchte.
Für das Web ediert von Antje Kraschinski