Der Sender vom Silbersee
26.12.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Aber Pierre Brice leidet edel. Den Blick in die Ferne, der ihn Deutschland so immens erfolgreich machte, beherrscht er immer noch und zeigt das an den Originaldrehorten im heutigen Kroatien. Brice spricht auch von seinem «außergewöhnlichen Triumph» in den 70er und 80er Jahren bei den Karl-May-Festspielen. Die Engagements in Elspe im Sauerland und in Bad Segeberg Triumph zu nennen, ist dem Franzosen sicher nicht ganz leicht gefallen.
Die sehenswerte Doku unterhält mit Einblicken in Erscheinungen der Mediengeschichte, die längst vergessen sind, aber gar nicht so weit zurückliegen. So begann Brices Karriere in Fotoromanen. Ulkig auch zu sehen, wie er in frühen Filmen mit grotesk unglaubhaften Monstren (in italienischen Sandalenfilmen) und Grizzlybären (May-Filme) kämpfte. In Zeiten, in denen Speichermedien kaum vorstellbar waren, dank derer sich jeder sowas im schnellen Rücklauf zuhause noch einmal ansehen konnte, ging das.
Brice passt gut zu Arte. Nicht, dass der deutsch-französische Kulturkanal als erster Sender aus der zweiten oder dritten Reihe die «Winnetou»-Filme wie «Der Schatz im Silbersee» wiederentdeckt hat. Zuletzt ließ Kabel 1, der aus Leo Kirchs Reich hervorgegangene Abspielkanal, die May-Filme jahrelang im Feiertagsprogramm rotieren und schickte 2004 Brice für eine Doku «Auf den Spuren Winnetous» in die «beeindrückende» (O-Ton Brice damals) Landschaft Kroatiens.
Arte hat erst vor kurzem sein Faible für B-Filme und solche entdeckt, die es ironisch «Trash»-Filme (von John Waters' «Pink flamingos» bis zu Russ Meyers «Vixen!») nennt und inzwischen regelmäßig donnerstagnachts sendet. Der Kultursender begann in den letzten Jahren allerhand von dem zu senden, was andere Sender auch sendeten oder senden. Er stieg zum Beispiel mit Sarah Wiener ins Genre des Kochfernsehens ein, und feiert kleine Erfolge.
Überhaupt muss Arte damit klar kommen, dass die Rundfunkpolitik in Frankreich (zentralistisch, nicht staatsfern, sehr kompliziert) völlig anders als die deutsche (hochgradig föderalistisch, stolz auf angebliche Staatsferne, sehr kompliziert) funktioniert und sich auch die technischen Infrastrukturen erheblich unterscheiden. Außerdem sehen die Zuschauer hier und da selten gern die gleichen Sendungen - ähnlich wie schon in Pierre Brices großen Jahren.
Heutzutage liegt ein Kernunterschied, den Arte-Leute unter Gesichtspunkten der Programmgestaltungs-Wissenschaft «audience flow» lange beklagten, in den unterschiedlichen «Umschaltzeitpunkten» der Fernsehzuschauer. In Deutschland ist und bleibt das traditionelle Ende der «Tageeschau» um 20.15 Uhr der Einstieg ins Hauptprogramm. Auch heftige Privatsender-Attacken hatten daran einst nichts zu ändern vermocht.
In Frankreich und südeuropäischen Ländern hatte stets 20.45 Uhr - bekannt als Anstoßzeitpunkt der Champions League-Spiele - diesen Rang. Arte hielt sich stets dran, womöglich weil Franzosen in der Sender-Hierarchie öfter weiter oben standen, und konnte daher nie große deutsche Quotenerfolge erzielen, so deutsche Arte-Leute. Ab Januar 2008 soll sich das ändern. Auf Initiative des seit Anfang 2007 amtierenden deutschen Arte-Präsidenten Gottfried Langenstein beginnt das Hauptprogramm dann um 21.00 Uhr.
Auch in das Fernsehgenre, das derzeit die meiste öffentliche Aufmerksamkeit zieht, steigt Arte wieder ein: mit dem mal «Talk-Format», mal intellektueller «Debatte» genannten Format «Paris - Berlin». Es ist jedenfalls eine Talkshow, die man trotz der deutsch-französischen Sprachschwierigkeiten wagt. Die wechselweise aus Paris und Berlin übertragene Sendung wird nicht live ausgestrahlt, sondern «faux-direct», wie es am Arte-Sitz Straßburg heißt: Wenige Tage vor Ausstrahlung wird aufgezeichnet, damit die anderssprachigen Talker eingesprochen werden können - und zwar nicht von einem Simultandolmetscher, sondern von einem professionellen Sprecher, der den Tonfall der Originalperson drauf hat.
Treu bleiben wird er sich aber auch: Am 24. Januar läuft «Hamburger Lektionen» - Romuald Karmakars Film, der knapp zweieinhalb Stunden nichts anderes zeigt, als dass der Schauspieler Manfred Zapatka im Sitzen Texte liest. Es sind Predigten, die der Imam der auch von späteren Selbstmordattentätern besuchten Hamburger Al-Quds-Moschee im Ramadan des Jahres 2000 gehalten hatte. Der viel diskutierte Dokumentarfilm ist visuell so karg, dass all die anderen mehr oder minder dem weiten Feld der Kultur verbundenen Sender wie 3sat, Phoenix und der recht unbekannte ARD-Digitalkanal «EinsFestival» ihn wenn überhaupt spät zeigen würden. Arte zeigt ihn zu seiner Hauptsendezeit um 21.00 Uhr. Das ist eines der Distinktonsmerkmale des Senders.
Regisseur Karmakar übrigens, in Wiesbaden mit französischer Staatsbürgerschaft geboren, ist auch so ein merkwürdig multikultureller, interessanter Grenzgänger - ganz anders als Pierre Brice und doch irgendwie ähnlich.
Der «Themenabend: Pierre Brice, man nannte ihn Winnetou» besteht aus der Dokumentation «Winnetou darf nicht sterben» und dem Spielfilm «Der Schatz im Silbersee» und wird am 26. Dezember ab 22.10 Uhr auf Arte gezeigt.

