Das «Tatort»-Prinzip mit Donna und Pippi
20.12.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Das eine geschieht im ARD-Programm, das andere im ZDF, jeweils um 20.15 Uhr, und ist der neueste Trend im öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm. Ausschließlich oder überwiegend deutschsprachige Schauspieler stellen gängige Fernsehkrimi-Plots, in denen viel geredet und am Ende einer von mehreren Verdächtigen möglichst überraschend als Mörder identifiziert wird, an internationalen Schauplätzen nach. Beides basiert auf Romanen, die Bestseller genannt werden können. «Commissario Laurenti» stammt vom deutschen Autor Veit Heinichen, «Der Kommissar und das Meer» von der Schwedin Mari Jungstedt.
Nach dem ersten Mord, der in Henry Hübchens Triest schnell passiert ist, bringt der Assistent einen Schäferhund an, der bei der Spurensuche helfen soll. Der Hund heißt Almirante. «Wie kann man nur einen Hund nach einem Faschistenführer nennen?», fragt der Commissario. Henry Hübchen stammt aus der DDR und spielt viel an der Berliner Volksbühne. Er weiß, was er seinem Ruf schuldig ist. Der einzige Schauspieler mit DDR-Vergangenheit in diesem Italo-Krimi ist er nicht. Als Gerichtsmediziner Galvano dabei ist Rolf Hoppe - der einst in István Szabós «Mephisto» die Göring-Figur spielte. Hier trägt er eine wilde Bartfrisur und stört das Abendessen, das Laurentis Gattin (Barbara Rudnik) auf dem Balkon überm Meer serviert, indem er von gerichtsmedizinischen Dingen palavert. Die Art, wie Hoppe seine Sätze intoniert, zeugt noch von Kunstwillen.
Später wird der Commissario zum Vorgesetzten gerufen, der ihm mit Fernsehkrimisätzen wie «Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht» Bescheid stößt. Das geschieht unter blauem Himmel in einem Cafe auf der Piazza, was zwar absurd ist, aber Triests Attraktivität vor Augen führt. Den Questore gibt Horst Krause - jener Schauspieler aus Brandenburg, der tags zuvor im ARD-Programm den Brandenburger Polizeihauptmeister Krause mimte. Er hält den «Corriere della Sera» in der Hand.
Es ist Quark, was die ARD anrichtet. Schauspieler wie Hübchen und Hoppe werden sicher zurecht mit repräsentativen Krimirollen, die ihnen mehr oder weniger auf den Leib geschneidert sind, für frühere Verdienste belohnt. Hübchen hat übrigens, um regelmäßig als Commissario in Triest zu filmen, seine Rolle als Kommissar in der nicht gar so angesehenen «Polizeiruf 110»-Reihe am nicht gar so angesehenen Schauplatz Mecklenburg-Vorpommern aufgegeben.
Im zweiten «Der Kommissar und das Meer»-Films, an dessen Anfang wie im ersten eine weibliche Leiche gefunden wird, fragt der Kommissar nach deren Alter. Die Medizinerin weiß es noch nicht, «Mädchen werden ja immer schneller reif», sagt sie. Das aus dem Munde der einstigen Pippi-Schauspielerin zu hören, ist vielleicht ein netter Insider-Scherz, ähnlich wie der über den Schäferhund Almirante.
Den «Unterweltkönig Drakic» spielt Christopher Buchholz, der zwar kein deutscher Muttersprachler, allerdings auch nicht in Osteuropa aufgewachsen ist. Er wurde offensichtlich nachsynchronisiert. Gut, dass der Schauspieler nach seinem leider wenig erfolgreichen Dokumentarfilm über seinen Vater («Horst Buchholz... mein Papa») mal wieder besetzt wird. Schade, dass das in so einem mediokren Film geschieht. Wobei auf politische Korrektheit natürlich geachtet wurde. Die Guten unter den Moldawiern erkennt man daran, dass sie akzentfrei hochdeutsch sprechen.
Zwar nicht im Bild, aber zumindest in den Dialogen geht es im ARD-Italien etwas heftiger zu als an deutschen Krimischauplätzen. Einem Ermordeten wurde das Geschlechtsorgan abgeschnitten - so erklären sich die Kommissare einen besonders blutigen Tatort. «Die ganze Stadt kokst», heißt es. Solche Dialogzeilen hätte die Redaktion in einem «Tatort»-Krimi wahrscheinlich weggelassen, weil sich dann die Honoratioren der Stadt, in der der Krimi spielt, beschwert hätten oder die «Bild»-Zeitung wieder einen «Darf-man-das»-Skandal daraus gemacht hätte.
Beim Umgang mit Nationen, Geschichte und gesellschaftlicher Realität haben sich die deutschen Fernsehfilmer vermutlich gar nichts gedacht. Beim sensiblen Thema Faschismus werden die Laurenti-Filme sicher keinen falschen Ton anschlagen. Da dürfte schon Henry Hübchen drauf geachtet haben.
Ein positiver Grund, das Ausland mit deutschen Allerweltskrimis zu penetrieren, liegt im «Traumschiff»-Effekt. Das, was Programmzeitschriften gern «eindrucksvolle Landschaften» nennen, zeigen ARD und ZDF immer gern zur Weihnachstzeit, in der ja auch die Reisereportagen von Fritz Pleitgen oder Klaus Bednarz laufen.
Ein negativer Antrieb liegt in der seit Jahrzehnten ungebremsten Regionalisierung des Fernsehkrimis. Die 270.000-Einwohner-Stadt Münster beherbergt sowohl ein ARD-Sonntagskrimi-Gespann als auch einen ZDF-Samstagskrimi-Detektiv. Selbst das Städtchen Wismar hat seine eigene Krimiserie, von der schon über 30 Folgen gesendet wurden. Die Schauplätze sind abgegrast und abgesteckt. Und Ideen für Filme, die keine Kriminalunterhaltung sind, scheinen nicht zur Verfügung zu stehen oder nicht durchsetzbar.
Kein Wunder, dass das Ausland als Ventil dient. Das Ikea-, H&M- und Vattenfall-Land Schweden, dessen kleine Nenner mit Deutschland besonders gemeinsam zu sein scheinen. Italien, wohin Schauspieler stets gern jetten.
Übrigens fallen diese Krimis nicht dadurch aus dem Rahmen, dass sie besonders schlecht sind. Zuschauer unter oder um die 50 dürften sie zwar allesamt ziemlich langweilen. Privatsenderzuschauer interessieren sich gerade bekanntlich gar nicht für deutsche Krimis, wo auch immer sie spielen. Beim Gesamtpublikum werden «Laurenti» und Co aber wohl die erwarteten Einschaltquoten bringen.
Ebenso wahrscheinlich werden in 10 oder 15 Jahren neue Generationen von Mediennutzern etwa so fassungslos vor der Fernsehkrimischwemme der Nuller Jahre sitzen, wie man heute vor den «Schulmädchenreports» der 70er Jahre oder den Heimatfilmen der 50er Jahre sitzt.

