«Markenführung ist nichts Obszönes»
26.11.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Langenstein: Das ist eine Gefahr, über die wir stark diskutieren, weil wir natürlich auf den Transfer von jungem Publikum hoffen. Da stehen wir vor einer Markendiskussion. Je mehr Angebote da sind, desto stärker muss über die Marken gespiegelt werden, wozu diese Unternehmungen gehören. Oft heißt es: 'Toll, da gibt es den Kinderkanal, aber warum machen ARD und ZDF kein Kinderprogramm?' Dabei sind es ja ARD und ZDF, die es veranstalten. Man muss also mit den Logos und auf dem Bildschirm noch stärker deutlich machen, wo die Quellen sind. Im Lichte von immer mehr Kanälen muss sich die Marke umso stärker als ein Qualitätsprodukt für alle Generationen anbieten.
Netzeitung: Also eine Diskussion, die bei jedem Turnschuh-Hersteller genauso geführt wird.
Langenstein:Es ist ja nichts Obszönes, sich über Markenführung Gedanken zu machen. Es gehört in die ganz normale Internetwelt, in der unendlich viele Angebote um die Aufmerksamkeit der Zuschauer ringen, dass die geistig anspruchsvollen Angebote, die unsere Gesellschaft weiterentwickeln, durch kluge Markenführung soweit ins Bewusstsein kommen, dass sie auch wahrgenommen werden. Wir leben in unserer Gesellschaft von den geistigen Fähigkeiten dieses Landes. Wenn wir nicht ein sehr hohes Niveau erhalten, bleiben wir nicht mehr wettbewerbsfähig.
Langenstein:In dem Volumen wie rein deutschsprachige Sender werden wir bei Arte niemals Talkshows zeigen können, der Bereich des gesprochenen Worts kann beim zweisprachigen Sender keine so große Rolle spielen. Aber wir versuchen mit «Berlin Paris» natürlich, beide Welten zu großen kulturellen und zu Werte-Themen zusammenzuholen, und auch den Reiz auszuspielen, wie die jeweils andere Nation dieselben Themen sieht. Was es zum Beispiel für uns Deutsche bedeutet, dass Jonathan Littles Buch «Les Bienveillantes», das die Jahre von 1939 bis 1945 aus der Perspektive eine SS-Offiziers schildert, in Frankreich riesige Debatten ausgelöst hat.
Netzeitung: Heißt die Sendung «Paris Berlin» oder «Berlin Paris», oder je nachdem, woher sie kommt?
Langenstein:Ich sehe da keine Präferenzen. Alphabetisch kommt Berlin zuerst. Den Katalog zur gleichnamigen Kunstausstellung konnte man von beiden Seiten lesen, wenn man ihn umdrehte, zeigte die erste Seite gesichtsverkehrt jeweils die andere Stadt. Wir machen die Hälfte der Sendungen in Deutschland und die Hälfte aus Frankreich und schauen, wie das funktioniert.
Langenstein:Sicher werden in Berlin mehr deutschsprachige und in Paris mehr französischsprachige Teilnahmer dabei sein, dann wird natürlich übersetzt. Das ist etwas, das in Deutschland nicht so leicht angenomen wird, aber bei spannenden Themen ist es trotzdem gerechtfertigt. Da darf man sich nicht hinter Quotenfragen verstecken.
Netzeitung: 3sat plant eine Programmreform für das Frühjahr 2008. Gert Scobel soll als Sendergesicht gestärkt werden. Brauchen Sender solche Sendergesichter?
Langenstein:Gerd Scobel, der lange die «Kulturzeit» gemacht hat, ist eine herausragende Figur für 3sat. Er soll donnerstags die wöchentliche Möglichkeit kriegen, in einer Gesprächsrunde, zu der vorher immer eine Dokumentation produziert wird, große Debatten zu führen. In der kommenden Internetwelt wird es darauf ankommen, dass man sich bei irgendjemandem zuhause fühlt. Deshalb werden Gesichter, die mit dem Image eines Senders verbunden sind, eine immer größere Rolle spielen. Denken Sie auch an «Lady Ehrensenf», Katrin Bauerfeind, die wir als erste für die Berlinale-Sendung zu 3sat geholt haben.
Netzeitung: Sie wird im Zuge der Programmreform auch wieder ein 3sat-Gesicht?
Langenstein:Davon gehe ich aus.
Netzeitung: Sind der deutsch-französische Sender Arte oder der Sender 3sat, an dem ARD und ZDF sowie Sender aus Österreich und der Schweiz beteiligt sind, in ihrer Bürokratie leichter zu koordinieren?
Langenstein:Den Begriff Bürokratie würde ich da gar nicht verwenden, weil wir inzwischen eine sehr flexible Form des Miteinander-Arbeitens haben. Im öffentlich-rechtlichen System in Deutschland gibt es mehr Abstimmungsbedarf als wir unter unseren Partnern haben. Es hat sich eine hohe Kollegialität und Professionalität eingestellt. 3sat ist von der Struktur einen Tick einfacher, weil in einem Sprachraum die Verständniswege kürzer sind und weil die Federführung zentral in einem Haus liegt, beim ZDF. Früher hatte jeder beteiligte Sender alle ihre Sendeplätze verteidigt, heute stellen wir das Programm thematisch zusammen und die prozentualen Anteile der Sender werden in der Jahresbilanz ausgeglichen.
Arte ist ein Stück komplizierter, weil es zwei Länder sind und zum Beispiel Rechte für zwei Sprachräume erworben werden müssen. Wenn man die deutschen Rechte hat, weiß der französische Rechteinhaber, dass man die französischen braucht, und setzt den Preis entsprechend hoch an. In der Art, wie man ein Unternehmen managt, gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen Deutschen und Franzosen. Die Deutschen sind gewohnt, in förmlichen Sitzungen, für die sie mit hinreichendem zeitlichen Vorlauf die Unterlagen bekommen haben, Dinge konzentriert zu besprechen und zu verabschieden.
In Frankreich bewegen sich die Dinge immer nur dann, wenn man es geschafft hat, die Probleme schon im Vorfeld bei einem informellen Zusammentreffen zu lösen. Wenn Deutsche sich in diese romanische Welt der Vorsondierung einfinden, lässt sich das Unternehmen in einer Atmosphäre großer Freundschaftlichkeit effizient führen.
Mit Gottfried Langenstein sprach Christian Bartels

