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Fernsehen ist «nicht mehr die erste Quelle»

23. Nov 2007 14:41
Gottfried Langenstein
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Trotzdem werden Zuschauer weiterhin viel Zeit mit dem Anschauen linearer Programme verbingen, sagt Arte-Präsident und 3sat-Chef Gottfried Langenstein im Interview mit der Netzeitung.

Beim deutsch-französischen Kultursender Arte ist er Präsident, beim deutschsprachigen Kultursender 3sat Vorsitzender der Geschäftsleitung, und als Direktor Europäische Satellitenprogramme des ZDF ist er auch für die digitalen Programme «ZDFtheaterkanal», «ZDFdokukanal» und «ZDFinfokanal» verantwortlich: Gottfried Langenstein leitet eine ganze Menge Sender. Die Netzeitung sprach mit dem 53-Jährigen über die Zukunft des Fernsehens im Internet-Zeitalter.


Netzeitung: Im Jahr 2003 überlegten mehrere Ministerpräsidenten, die Kultursender Arte und 3sat zusammenzulegen. Sie sind inzwischen Arte-Präsident und Vorsitzender der Geschäftsleitung bei 3sat. Ist diese Idee noch aktuell?

Gottfried Langenstein: Im Gegenteil, beide Sender haben in ihren Auftragsfeldern bewiesen, dass sie notwendig sind und Qualität liefern, 3sat für die Kultur im deutschsprachigen Raum, auch die Wissenschaft. Elemente von gesprochener Literatur etwa anlässlich des Bachmann-Preises könnte man in diesem Umfang auf einem deutsch-französischen Sender nicht platzieren. Arte hat wiederum ganz andere Perspektiven, bringt uns die romanische wie die gesamteuropäische Kulturwelt näher. Beide Sender sind anders positioniert und dabei erfolgreich. Wir sind bei Arte jetzt bei einem Prozent Marktanteil. Das ist ein Ergebnis, das man sich vor Jahren nicht hätte vorstellen können.

Netzeitung: Einige Politiker sehen die Gefahr, dass die digitalen Angebote von ARD und ZDF, die auch oft um das Schlagwort Kultur kreisen, bestehende Sender in Mitleidenschaft ziehen könnten.

Langenstein: Natürlich wird die Frage, wie sich die Digitalkanäle zu Arte und 3sat positionieren, auf uns zukommen. Aber heute gehen alle medienpolitischen Vorstellungen noch von einer Fernsehlandschaft aus, die von relativ wenigen Kanälen dominiert war und das Internet noch nicht kannte. Jüngere Generationen haben ein anderes Sehverhalten. Sie müssen etwas nicht zuerst im Fernsehen gesehen haben, sondern holen sich, wenn Themen sie interessieren, dazu oft die erste Information aus den neuen Medien. Dass in Zukunft viele unterschiedliche Medien-Flächen da sind und auch nicht mehr viel kosten, wird ein großer Vorteil für die Zuschauer.

Netzeitung: Sie sehen den Abruf von Sendungen als kommendes Prinzip. Das wird aber auch zu Lasten der linear sendenden Kanäle gehen.

Langenstein: Der überwiegende Teil der Seherzeit wird auch weiterhin vor linearen Programmen verbracht werden. Sie werden nicht verschwinden, davon bin ich überzeugt.

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    Netzeitung: Aber es werden immer mehr Programme, während zugleich auch die Anzahl der abrufbaren Angebote größer wird.

    Langenstein: Das wird sich einpendeln. Wir werden mehr Seherschaft im Internet kriegen, weil dort eine Vielfalt schnell aktualisierten Materials angeboten wird. Insofern wird das Internet für kurzfristige Nachrichten immer stärker genutzt werden und in dem Bereich Zuschauer vom Fernsehen abziehen. Aber der Zuschauer braucht weiterhin die Einordnung. Die vertraute Person, die einem die Zusammenhänge erklärt und die Tiefe bietet, die man im Internet nur bruchstückweise findet, wird weiterhin eine große Rolle spielen. Analytische Nachrichtenformate wie das «heute-journal» und die «Tagesthemen» bleiben langfristig wichtig, weil sie genau dieses Gegenstück bilden. Wer draußen in der Internetwelt in allen möglichen Medien etwas zum Beispiel über den Streik gehört hat, will am Abend verstehen: Wie wird das von wichtigen Persönlichkeiten der Zeit eingeordnet?

    Netzeitung: Das Fernsehen bleibt dank seiner Nachrichtenmagazine wichtig?

    Langenstein: Ja, außerdem wird es das Schaufenster für mediale Inhalte bleiben, die man gemeinschaftlich, im Familienkreis, betrachtet. Jeder für sich wird daraus Interessen entwickeln, die er anschließend individuell mit dem befriedigt, was er sich aus der Internetwelt holt. Die großen Internet-Companies in Amerika kaufen jetzt Fernsehkanäle, um durch diese Schaufensterfunktion den ersten Eintritt in ihre Welt zu gewährleisten. Als das Fernsehen kam, hatte man gesagt, die Kinos würden verschwinden. Die Kinos sind geblieben, das Fernsehen wird bleiben, aber es wird sich ein anderes Verständnis seiner Rolle bilden müssen. Es ist nicht mehr unbedingt die erste Quelle, die man aufsucht, um an Informationen zu kommen, sondern die zweite oder dritte.

    Netzeitung: Um die Mediatheken von ZDF und ARD gibt es viel Getöse. Auch Arte bietet inzwischen viele Sendungen nach der TV-Ausstrahlung zum Abruf im Internet an.

    Langenstein: Was bei Arte «Mediathek» heißt, ist etwas anderes und noch in einem bescheidenen Zustand. Seit Oktober bieten wir den Service «Arte + 7». Der Zuschauer kann Sendungen noch sieben Tage nach der Erstsendung abrufen. Das ist attraktiv, wenn Sendungen öffentliche Diskussion ausgelöst haben. Wir hatten zum Jahrestag der Brände in den Vorstädten in Frankreich eine Dokumentation mit anschließender Diskussion. Nach großen Artikeln in «Le Figaro», «Le Monde» und anderen wollten die Leute wissen, was das für eine Sendung war, und wir hatten plötzlich 60.000 Nutzer, die sich die Sendung aus dem Internet gezogen hatten.

    Netzeitung: Das ist im Prinzip wie beim ZDF. Was ist Ihre «Mediathek»?

    Langenstein: Die Mediathek hat einen weiteren Mechanismus: Sie können thematisch suchen, nicht nur nach ganzen Sendungen. Wer etwa wissen will, welche Bilder es von Guantanamo gibt, erhält zehn Sendungen angezeigt, die Ausschnitte dazu enthalten. Wer nach dem Zusammenleben von Delfinen und Haien fragt, kriegt Dokumentationen dazu, die einmal bei Arte gelaufen sind. Das ist ein sehr aufwändiger Service, weil die Sendungen auf diese Suchbegriffe hin zugeordnet werden müssen und man ein umfangreiches Archivsystem anlegen muss. Wir werden uns die dazu erforderliche redaktionelle Arbeit nur beschränkt wirtschaftlich leisten können, wollen aber für die wichtigsten Quellen versuchen, so etwas aufzubauen.

    Netzeitung: Der digitale ZDF-Theaterkanal, der auch zu Ihrem Reich gehört, soll in einen «Kulturkanal» umgewandelt werden, hat ZDF-Intendant Schächter angekündigt?

    Langenstein: Der Kanal wird möglicherweise das machen, was wir in den ersten Tagen planten, als wir auch über den Sendernamen «Arena» nachdachten...

    Netzeitung: ...wie der inzwischen ehemalige Fußballsender?

    Langenstein: Wir dachten an die Kultur-Arena aus römischer Zeit. Das größte Theater, das die Römer nördlich der Alpen gebaut hatten, gab es in Mainz. Wir dachten an das, was darin möglich wäre: vorrangig Theater, aber auch Opern, Konzerte. Synergien zwischen dem Theaterkanal und 3sat, aber auch Arte, nutzen wir schon lange, etwa bei aktuellen Inszenierungen. Was vor der Bühne geschieht, zeigt 3sat. Die Ereignisse hinter der Bühne laufen zeitgleich komplementär auf dem digitalen Theaterkanal. So etwas von zwei Seiten zu zeigen, ist eine spannende Art, Fernsehen zu machen.


    Im zweiten Teil des Interviews geht es um Talkshows auf Arte, die 3sat-Gesichter Gert Scobel und «Lady Ehrensenf» und um die Frage, ob Arte oder 3sat komplizierter sind. Lesen Sie morgen mehr.

    Mit Gottfried Langenstein sprach Christian Bartels

     
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