netzeitung.deZeiten des Wandels beim Berliner Verlag

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David Montgomery (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe David Montgomery
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Jahr 2008 hat Mecom-Chef Montgomery für den Berliner Verlag zu einem «Jahr des Wandels» erklärt. Mit einer Rede an die Belegschaft warb er um deren «Enthusiasmus und Engagement».

Zu viel sei in den Medien spekuliert worden, zu wenig habe er selbst dafür getan, innerhalb des Unternehmens zu erklären, was die Strategie für die nahe Zukunft sei: Mit selbstkritischen Tönen hat David Montgomery am Donnerstag seine Rede vor der Belegschaft des Berliner Verlags begonnen. «Wir brauchen Ihre Kreativität und Begeisterungsfähigkeit», warb der Chef der Beteiligungsgesellschaft Mecom um die mehreren Hundert Beschäftigten unter anderem der «Berliner Zeitung», des «Berliner Kuriers», des «Tip», der «Netzeitung» und - per Videoschaltung dabei - der «Hamburger Morgenpost». In den kommenden Monaten werde es um Wandel gehen. «Doch der ist nur mit Ihnen, nicht ohne Sie zu schaffen.»

Er setze nach wie vor unbeirrt auf das Zeitungsgeschäft, denn dort sehe er «ein hohes Entwicklungspotenzial» - aber nur, wenn sich an den Arbeitsabläufen der einzelnen Redaktionen grundlegend etwas ändere. «Kommunikation zuerst, dann die Zeitung», sagte der Brite, Inhalte sollten zunächst online präsentiert werden, um Interaktion zu ermöglichen - dann erst für eine Printausgabe bearbeitet werden.
«Enger zusammenrücken»
Zweites Ziel: «Journalisten und Vertrieb sollen enger zusammenrücken», so Montgomery. Reagierend auf einige Protest-Äußerungen aus dem Publikum betonte er, dies bedrohe jedoch die Integrität der journalistischen Arbeit nicht. «Zeitungen müssen erfolgreich wirtschaften, aber Journalisten sollen deshalb nicht positiv über VW schreiben, damit VW Anzeigen schaltet.»

Es gehe um ein attraktives Angebot an den Kosumenten, der dann zwischen qualitativ hochwertigem Inhalt und Service-Elementen und Werbung wählen könne. Jedes Mitglied einer Belegschaft solle seine Fähigkeiten in den Arbeitsprozess gleichberechtigt einbringen. «Das finanzielle Modell, in dem jeder nur für seine Abteilung arbeitet, ist bankrott gegangen», sagte Montgomery in Berlin. Die kommende Generation informiere sich über verschiedenste Kanäle, Print, Online, TV. Die Zeitungen müssten ihre Ressourcen neu sortieren. Bisher hätte seine Unternehmensgruppe «das Know-how der Redaktionen nicht effektiv genug genutzt. Alte Schranken müssen entfernt werden», so der Brite, der von einer «befreiten Welt» sprach, in der die Rolle des Journalisten eben auch dem Wandel unterzogen sei.

Kommunikation mit dem Leser
Durch Online sei die Kommunikation mit dem Leser sehr viel direkter möglich als im Printbereich. Daher wüchsen dem Journalisten hier auch neue Aufgaben und Herausforderungen zu. Dem Redakteur in Montgomerys neuem Konzept müsse klar sein, welche Plattform er bediene. Im Online-Medium sei alles möglich und daher sei die «Online-Ausgabe alles andere als das Spiegelbild der Printausgabe». Gedruckte Zeitungen seien vom Wesen her eine Art Einbahnstraße, während Online-Publikationen dem Leser Reaktionsmöglichkeiten eröffneten. «Die Leser wollen sich beteiligen und genau durch diese Beteiligung tragen sie wiederum zur Verbesserung der Printausgabe bei.»

Um den Wechsel, der in Montgomerys Konzept bereits im Laufe des Jahres 2008 stattfinden soll, umzusetzen, sieht der Mecom-Chef einen gemeinsamen Newsroom aller Publikationen vor. Für Montgomery ein «Content department», ein Raum für alle Inhalte - ob Nachrichten, Unterhaltung, Werbung. Alle europäischen Geschäfte der Mecom-Gruppe sollen nach diesem Prinzip organisiert werden.
«Alle etwas beitragen»
«We all have to be involved» - «Wir müssen uns alle beteiligen», schloss Montgomery seine Rede, die von der Belegschaft gemischt aufgenommen wurde. Starke Vorbehalte gab es beim Thema Annäherung von Redaktion und Verkaufsabteilung. Mehrfach betonte Montgomery, dass es nicht um eine Vermengung von journalistischen Inhalten mit kommerziellen Inhalten gehe. «Wir werden die Unabhängigkeit der Redaktionen aufrechterhalten», versprach er den skeptischen Mitarbeitern des Berliner Verlags.

Auch Ängsten über eine Qualitätsminderung trat Montgomery entgegen. «Wir haben bisher unterschätzt, welch hohen Wert journalistische Inhalte haben», gab er zu. Es gehe nun darum, diese Inhalte schneller und auf mehreren Kanälen breiter gestreut an die Öffentlichkeit zu bringen.

«Talente im Haus»
Ob er für den Wandel von bisherigen Printredaktionen hin zu Teams, die auch online publizieren und sich mit Vertrieblern absprechen, denn auch Geld ausgeben werde, fragten mehrere BV-Mitarbeiter, etwa um neue Mitarbeiter rekrutieren zu können. «Wir haben die Talente für einen solchen Wandel im Haus», so die Antwort.

Da hakte vor allem der Betriebsratschef der «Hamburger Morgenpost», Holger Artus, nach. Die Visionen Montgomerys seien stets mit einem Abbau von Arbeitsplätzen einher gegangen. Montgomery konterte, gerade erst sei kräftig in die Online-Zukunft des Verlags investiert worden: Die Netzeitung wurde gekauft, die die »Speerspitze der Onlineaktivitäten« des Berliner Verlags werden solle.


Für das Web ediert von Jens Teschke