netzeitung.deMeta-Gaga mit Schmidt und Pocher

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Lupe Meta-Gaga mit Schmidt und Pocher

Überraschung: Das neue ARD-Showgespann «Schmidt & Pocher» ist zusammen doch erheblich lustiger als die Summe seiner Teile.

Das Vorab-Ballyhoo war gewaltig, der Start der ARD-Show «Schmidt & Pocher» am späten Donnerstagabend eher mau: Harald Schmidt tritt erst mal wie eh und je allein vors Studiopublikum und spult eine Handvoll Gebrauchs-Gags ab, die seinen Autoren zu den Themen aktueller «Bild»-Titelseiten eingefallen ist. Zur SPD, zur VW-Übernahme durch Porsche («Die brasilianischen Nutten sind lange genug Passat gefahren»), den Strompreisen («Ich bin heilfroh, dass es bald billigen Atomstrom aus dem Iran gibt»), der Trennung von Yvonne Catterfeld und Wayne Carpendale. Nach jeder Pointe spielt, damit man sie erkennt, die nun wieder von Helmut Zerlett geleitete Band eine Art Tusch.

Wie immer ist Schmidt bei Themen aus seiner baden-württembergischen Heimat leidlich lustig, ob es um den VfB Stuttgart geht oder um die Autoindustrie («Im Vergleich mit Ferdinand Piech ist Wolfgang Schäuble doch eigentlich ein ganz knuddeliger Kuscheltyp»). Als er in einen dieser Scherze auch noch das ganze alte Popliteraten-Thema, dass «Raider» jetzt ja «Twix» heißt, einflechten will, schwante einem Schlimmes: Der Entertainer schien einfach weiterzuwitzeln wie seit seinem ARD-Debüt.

Ein Apparat namens «Nazometer»
Aber dann kommt Oliver Pocher. Der von ProSieben abgeworbene Komödiant, der Schmidts Sidekick Manuel Andrack wieder hinter die Kamera verdrängt hat, führt sich mit einer etwas befremdlichen Michael Jackson-artigen Tanzeinlage ein, ist anschließend aber sofort da. Schmidt und Pocher nehmen am Schreibtisch Platz und sogleich die Rivalität auf, welcher von ihnen witziger ist. Der ältere Herr und der junge Mann sprechen von «meinem Publikum» und «deinem Publikum» und ironisieren so einerseits die Fusion ihrer Zielgruppen, die natürlich andererseits natürlich das Kalkül ihrer Show ist.

Und das Kalkül geht auf. Jetzt gibt es Einspielfilmchen, die gekonnt den Stil jener Programmtrailer persiflieren, wie sie immer als Endlose-Plage im ARD-Programm nerven: «Politmagazin 'Monitor' enthüllt: Kurt Beck ist der Neue von Yvonne Catterfeld». Schmidt und Pocher halten Duschgels mit bekannter Optik, aber neu ersonnenen Namen in die Kamera: der eine «Musta-Fa» und «Anti-Fa», der andere «Arischer Frühling». Hintergrund: ein Apparat namens «Nazometer», der warnen soll, wenn während des Fernseh-Talks skandalverdächtige Sätze über die Nazizeit fallen.

Das spielt natürlich auf die «Johannes B. Kerner»-Show an, in der der ZDF-Talker und seine Gäste Eva Herman belauert hatten und alle aufjauchzten, als Herman endlich «Autobahn» gesagt hatte. Jetzt sagt Schmidt «Wolfsburg», und das «Nazometer» piept. Pocher sagt: «Ich bin auf der Autobahn geblitzt worden», und das «Nazometer» piept doppelt. Das ist Gaga, aber es ist es auf einer Metaebene, die Pocher lustvoll wieder neu ins verödete Schmidt-Konzept einbringt. Offensichtliche und versteckte Bezüge auf andere Fernsehshows und sonstige Medien ziehen sich durch die Show. Dass sie eine Stunde statt 30 Minuten dauert, ergibt Sinn.

Auf gemeinsame Feindbilder wie Beck (SPD) und Kerner (ZDF) und auf Phrasen, die es ihnen angetan haben wie «Aus Liebe ist Freundschaft geworden» (mit diesen Worten gaben die Kleinprominenten Catterfeld und Carpendale ihre Trennung öffentlich bekannt), kommen die beiden immer wieder zurück. Einmal scheint Schmidt drauf und dran, einen Witz über die sexuelle Orientierung der ARD-Talkerin Anne Will zu machen. Da gibt Pocher den Kerner und droht Schmidt an, ihn des Studios zu verweisen (wie Kerner Eva Herman), falls dieser den Witz wirklich machte.

Anschließend persiflieren sie das «ZDF-Morgenmagazin» und gleich im Anschluss die DVD-Edition mit den gesammelten Werken des Autorenfilmers Alexander Kluge. Im Filmausschnitt ist Franziska Walser zu sehen; über die Schriftstellertochter und Schauspielerin leitet Harald Schmidt über zum letzten Frankfurter «Tatort» und dem ZDF-Krimi «Der Tote vom Verdacht», die an zwei aufeinander folgenden Tagen liefen und verblüffend ähnliche Schluss-Szenen hatten. Als Hardcore-Medienbeobachter ergänzen Schmidt und Pocher einander prima. Wie sie Ausschnitte aller Art samplen, um sich darüber lustig zu machen, erinnert an Stefan Raabs «tv total», als das noch kein ungeheuer aufgeblasenes quasitägliches Format war. Einen Gag über Raab macht Pocher dann auch. Er bezieht sich auf Gags, die Raab über Pocher zu machen pflegt, aber er funktioniert auch, wenn man die nicht kennt.

Anne Wills «Menschencouch»
In der neuen Rubrik «Die Hirschhausen-Akademie» reißt der Kabarettist und ausgebildete Mediziner Eckart von Hirschhausen ältere Ärztewitze. Es ist wahrscheinlich sein Job, weniger lustig als die Namensgeber der Show zu sein. Gegen Ende verlegen sich Schmidt und Pocher auf grimassierendes Stimmenimitieren. Schmidt spricht Waldi Hartmann (seinen anderen ARD-Showpartner), Pocher gibt den Podolski und ist so überzeugend, dass Schmidt aus seiner Rolle fällt und über Pocher lachen muss. Dann muss Pocher auch lachen.

Was ebenfalls für die Show spricht: Trotz der im Vergleich verdoppelten Länge wird Talk-Stargast Günther Jauch (RTL) erst in den letzten acht Minuten der einstündigen Sendung ins Studio gerufen. Gemeinsam macht man sich dann nochmals über Anne Will lustig (die als Christiansen-Nachfolgerin jenen ARD-Sendeplatz bekam, für den erst Jauch im Gespräch war und den er offenbar immer noch gern hätte), und über die «Menschencouch» in ihrem Studio. Wenn er sich seinen Auftritt anschaut, wird Jauch wahrscheinlich auch finden, dass er unsympathisch rüberkam. Wenn es Schmidt und Pocher häufiger gelingen sollte, ihre eingeladenen Stargäste zu entlarven, wäre das noch ein Argument für die ziemlich gelungene Sendung.


Für das Web ediert von Christian Bartels