Ein Vollweib in Ostpreußen
19. Okt 2007 10:37  |  Christine Neubauer im ARD-Film 'Suchkind 312' | Foto: ARD Degeto/ Reiner Bajo |
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Alle schimpfen über Eva Herman. Dabei bugsiert die ARD ihr Publikum mit Christine Neubauer immer öfter in eine so melodramatische wie merkwürdige Vergangenheit.
1954 bei Gothes im Wohnzimmer. Familienvorstand Richard (Oliver Stritzel) freut sich, dass es seinem Chef und dessen beleibter Gattin schmeckt, denn er hat sein künftiges Direktorengehalt im Kopf. Die Gäste loben schmatzend das «harmonische Heim» und Ursula Gothe (Christine Neubauer). Keiner jedoch scheint zu bemerken, wie sich Uschis Gesicht verzieht - vielleicht weil die Lippen besonders rot geschminkt sind. Jedenfalls gibt diese Szene dem Film «Suchkind 312» gleich einen grotesk gestrigen Anschein.Was Uschi gerade durchlebt, haben Zuschauer zu dem Zeitpunkt schon hinreichend in Rückblenden gesehen: In Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkriegs rannte sie vergebens ihrer kleinen Tochter hinterher, die im Zug saß, während die Mutter warme Milch holte. Jahrelang hat sie ihr erstes Kind vermisst; Richard, den sie nach dem Krieg heiratete, hat sie nichts davon erzählt. Eben erst meinte Uschi nun, auf dem Zeitungsfoto eines «Suchkindes» die Vermisste wiedererkannt zu haben.
Dass der gefallen gewähnte Vater dieses Kindes gerade zufällig aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt und zufällig auf dem gleichen Foto seine noch nie gesehene Tochter wiedererkennt, das sorgt fürs weitere Konfliktpotenzial dieses Freitagabendfilms.«Suchkind 312» ist kein gewöhnliches Melodram, sondern die Neuauflage eines multimedialen 50-er Jahre-Erfolgs. Damals wurde der gleichnamige Fortsetzungsroman aus der «Hörzu» verfilmt. Autor Hans Ulrich Horster war in Wahrheit der «Hörzu»-Chefredakteur Eduard Rhein, die Programmzeitschrift war die seinerzeit immens erfolgreiche cash cow des Springer-Verlags und hat dessen Aufstieg zur heutigen Bedeutung möglich gemacht. Würde die ARD nicht aus Rundfunkgebühren finanziert, Christine Neubauer würde zu ihren cash cows zählen. Sie ist, netter formuliert, eine zentrale Quotengarantin im Programmvermögen, das die vielen Ableger des «Ersten» gern einsetzen. Wer mochte, konnte am vergangenen Sonntagabend im Dritten Programm des MDR den Neubauer-Film «Das beste Jahr meines Lebens» und am Mittwoch im Dritten des BR den Neubauer-Film «Der Wildschütz - Im Tal des Schweigens» sehen. Am nächsten Mittwoch gibt's dort den Neubauer-Film «Tochter meines Herzens».
Markenzeichen «Vollweib»
Ansonsten ist Christine Neubauer vor allem als «Vollweib» bekannt. Die einen sagen, sie wurde schon lange so genannt. Andere sagen, das hänge mit dem Film «Vollweib sucht Halbtagsmann» zusammen, den die ARD übrigens am 3. November wiederholt. Jedenfalls hat die in den 90er Jahren zweimal Grimme-Preis-prämierte Schauspielerin verstanden, das Attribut in ein Markenzeichen umzumünzen. Immer wenn sie Bücher herausbringt, die etwa «Das Vollweib-Kochbuch/ Schlemmen ohne Reue» oder «Vollweib-Beauty/ Mein Weg zu einer attraktiven Ausstrahlung» heißen - fünf davon sind inzwischen zu haben - lädt sie zum Beispiel die «Bild»-Zeitung nach Hause ein, und es wird nett berichtet («Zu Hause beim Vollweib»). Eine Reihe vollweibaffiner Werbeverträgen für Hautpflege-Produkte und Schlankheitskuren flankieren die Karriere, um deren Fortführung neuerdings ARD und ZDF wetteifern. Das ZDF erreichte im März mit der Ausstrahlung des Neubauer-Films «Moppel-Ich» nach Susanne Fröhlichs Roman über acht Millionen Zuschauer - ein großer Einschaltquotenerfolg. Gerade begann das ZDF, mit Neubauer den Fröhlich-Roman «Treuepunkte» zu verfilmen. Da muss die ARD Neubauer auch etwas bieten und spendiert ihr sichtlich teure Filme. An Kostümen und Komparsen wurde bei «Suchkind 312» nicht gegeizt. Die 50er Jahre, in denen Schutzmänner auf Verkehrsinseln auf der Kreuzung standen und Nonnen auf Motorrollern vorbeidüsten, in denen alle Herren ihren Hut nie vergessen durften, wenn der Rivale aufkreuzte, werden aufwändig rekonstruiert. «Suchkind 312» wird seit Wochen angetrailert und ist als kleiner Themenabend programmiert. Im Anschluss läuft statt der freitagabends üblichen «Tatort»-Wiederholung aus dem ARD-Programmvermögen die eigens produzierte 45-minütige Dokumentation «Wo ist meine Familie?», die über in den 40er Jahren verlorene Kinder berichtet - und so nachliefert, was «Suchkind 312» nicht zeigt.
Ostpreußen war das Paradies
 |  Melodramatisch rechtzeitig heimgekehrt: Timothy Peach als Ex-Leutnant | Foto: ARD Degeto/ Reiner Bajo |
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Um das Suchkind schert sich der Film nicht. Auch wenn Christine Neubauer ihre Gesichtszüge schwer arbeiten lässt und sich in vielen Szenen nach Kräften in Tränen auflöst, wie es echte 50er-Jahre-Schauspielerinnen auch zu tun pflegten, erfährt man über Mütter solcher Suchkinder und über Vorbehalte, die damals Eltern «unehelicher» Kinder begegneten, wenig bis nichts. Vielmehr setzen Gabi Kubach (Regie), Susanne Beck und Thomas Eifler (Drehbuch) aus bewährten Modulen ein Gebrauchs-Melodram zusammen, das sogar die bei solcherlei Stoffen nicht übermäßig kritische Gegenwarts-«Hörzu» nicht erwärmt («Schicksalsstory mit Schluchzfaktor und liebevollem 50er-Jahre-Outfit»).Neben unbeholfen gefilmten Szenen mit jenen kleinen Unglücken (der Sohn wird fast vom Auto überfahren, die Heldin stürzt die Treppe hinunter), die im Genre immer die Handlung voraustreiben, steht das bestens bekannte Element der einen Frau zwischen zwei Männern im Mittelpunkt. Dazu gibt es Rückblenden. «Ostpreußen mitten im Krieg - das Leben war einfach nur schön», erzählt Christine Neubauers Ursula zu Bildern einer herbstlichen Landschaft. Dann kam der Leutnant im Fronturlaub, Ursula lebte «wie im Paradies», bis die Russen anrückten. «Die Zeit war stehen geblieben, wir hatten uns und waren glücklich. Aber es war Krieg. Es war geborgte Zeit». Solche Versatzstücke werden so gefilmt, wie sie in in den 50ern gefilmt wurden. Nichts, was seither, zum Beispiel seit dem Jahr 1968, das Eva Herman nun immer als Wendepunkt in der Debatte nennt, die sie führen möchte, trübt den Blick von damals. Es kann sein, dass solche Filme keinem weh tun, sondern harmlose Unterhaltung für eine tendenziell betagte Zielgruppe bieten. Außerdem sichern sie früher verdienstvollen Filmproduzenten wie Regina Ziegler, die einst mit Helma Sanders-Brahms und Peter Stein drehten, die Existenz. Über die niedrige Ambition täuschen die Filme in keiner Sekunde hinweg. Wer nicht damit belästigt werden will, kann ja weiterzappen. Kritiker schauen längst nicht mehr an, was die ARD freitagabends so sendet, weil aller denkbare Hohn und Spott längst aufgezehrt ist.
«Zwei Herzen und ein Edelweiß»
 |  In Oberösterreich ist es auch schön: Peach, Neubauer in 'Die Landärztin' | Foto: ARD Degeto/Toni Muhr |
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Die ARD aber produziert immer weiter. Der Kosmos, den vor allem die ARD Tochterfirma «Degeto» mit Filmen wie «Liebe nach Rezept», «Folge deinem Herzen», «Kurhotel Alpenglück», «Unser Kindermädchen ist ein Millionär», «Der Ruf der Berge – Schatten der Vergangenheit» aufbaut, wird immer größer. Der Eskapismus dreht immer tiefer in die restaurativen 50er Jahre ab, denen die Vorlagen mittelbar und unmittelbar entstammen, und die Weltbilder von damals. Wenn die ARD Filme ankündigt, die ernsthaft Arbeitstitel wie «Zwei Herzen und ein Edelweiß» tragen, fällt das gar nicht mehr auf.In «Die Frau des Heimkehrers» (2006), ebenfalls mit Christine Neubauer, wurden auch schon abstruse Idyllen in den Nazijahren eingestreut. Auch da floh ein wackerer Wehrmachtssoldat aus dem sibirischen Lager, um im melodramatisch passenden Moment in der Heimat aufzukreuzen. Der Darsteller war Timothy Peach, der auch in «Suchkind 312» den heimgekehrten Weltkriegs-Leutnant spielt und dem 50er Jahre-Soldatendarsteller Joachim Hansen («Hunde, wollt ihr ewig leben», «Der Stern von Afrika») wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Es könnte auch sein, dass in der Masse der weltanschaulich ziemlich monolithischen Unterhaltung ein ziemlich merkwürdiges Geschichtsverständnis ins Unterbewusstsein von Millionen zementiert wird. Am Freitag in genau vier Wochen übrigens küsst Christine Neubauer gleich wieder Timothy Peach. Er will ihr bei der Gelegenheit den Verlobungsring überreichen, verpasst dummerweise aber erstmal die Chance. Das sieht auch aus wie in den 50er Jahren, spielt aber in der Gegenwart, in den oberösterreichischen Alpen. Dann zeigt das «Erste» zwei neue Filme um «Die Landärztin», die vierte und fünfte Fortsetzung eines Remakes des gleichnamigen Films von 1958. «Suchkind 312»: Freitag, 19.10. um 20.15 Uhr in der ARD
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