30.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Pierre Brice als Winnetou
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Karl May hat Millionen von Kindern mit seinen Winnetou-Büchern verzaubert. Dabei war er nie selbst im Wilden Westen. Eine Berliner Ausstellung spürt dem Doppelleben des Schriftstellers nach.
Winnetou erwartet den Besucher. Eine Bronzeskulptur des Indianerhäuptlings steht am Eingang der Ausstellung «Karl May - Imaginäre Reisen» in Berlin, dahinter eine lebensgroße Abbildung des Romanhelden. Erst im Mittelteil des Raums begegnet der Besucher Winnetous Schöpfer, dem sächsischen Abenteuer-Schriftsteller Karl May (1842-1912).
Das Deutsche Historische Museum (DHM) zeigt bis zum 6. Januar 2008 die erste große Karl-May-Ausstellung mit Exponaten aus dem In- und Ausland. Die Biografie Karl Mays wird dabei in Zusammenhang mit dem Deutschen Kaiserreich gestellt. May sei mit mehr als 200 Millionen verkaufter Bücher in über 40 Sprachen der bis heute auflagenstärkste deutschsprachige Schriftsteller, wie das Museum betonte.
«Ich bin Old Shatterhand»«Ich bin wirklich Old Shatterhand», beteuerte May. «Ich bin Kara Ben Nemsi», sagte er einmal. Er habe die Abenteuer in seinen Romanen selbst erlebt. Wie zum Beweis verkleidete er sich in Western-Tracht oder Orient-Kostümen. Selbst die Roman-Gewehre Bärentöter und Silberbüchse ließ er nachmachen und hängte sie in sein Haus. Zahlreiche Fotografien dieser surrealen Kostümierung sind nun in der DHM-Schau zu sehen.
Auf einer Abbildung lauert May wie ein schwer bewaffneter Westernheld auf dem Boden, scheinbar jederzeit bereit, mit seiner gewaltigen Silberbüchse loszuschießen. Als wollte der damals etwa 50- Jährige nie erwachsen werden. Als wollte der arme Weberssohn seine Kindheit nachholen und die sieben Jahre im Gefängnis, wo er wegen Betrugs und Diebstahls einsaß, beim Wildwestspielen vergessen machen. Die Waffen in seinem Arbeitszimmer waren Attrappen - denn als vorbestrafter Bürger durfte er keine richtigen Waffen besitzen.
Fiktion und Wirklichkeit«Dieses Wechselspiel von Fiktion und Wirklichkeit wollen wir aufschlüsseln», sagt Museums-Direktor Hans Ottomeyer. Das inszenierte Abenteuerspielen in der «Villa Shatterhand», wie May sein Haus im sächsischen Radebeul nannte, ist nun mit Fotos, Dokumenten, Bildern, Kleidungsstücken und Möbelstücken dargestellt.
Der fantasievolle Schriftsteller machte in seinem Leben nur zwei Weltreisen, und da waren bereits die meisten seiner Abenteuerromane in Zeitungen oder als Bücher publiziert und Winnetou längst in den ewigen Jagdgründen. Von 1899 bis 1900 fuhr May - im Alter von 57 Jahren - neun Monate lang durch den Nahen Osten und Asien, 1908 zwei Monate lang nach Nordamerika. Dort blieb er an der Ostküste den Wilden Westen hat er nie gesehen.
Viel Fantasie«Man hat nachgewiesen, dass er die Gegenden, die er beschrieb, nie gesehen hat», schrieb der Schriftsteller Max Brod 1912 über den in späten Jahren zum Pazifisten gewandelten May. «Umso besser! Darum muss man ihn ja bewundern, der so vielen Leuten einen Balkan und ein Syrien seiner Fantasie vorgezaubert hat», meinte Brod.
Karl May war ein Fantast, der lange den Unterschied zwischen Imagination und Wirklichkeit leugnete. In der Spätphase seines Lebens wollte er sich zum anspruchsvollen Autor wandeln und pflegte Kontakt mit symbolistischen Künstlern. Doch seine Abenteuerfiguren hatten längst ein Eigenleben entwickelt. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi waren Karl May. Und nun steht Winnetou als Bronze-Skulptur am Eingang der Ausstellung am Boulevard Unter den Linden und versperrt den Blick auf seinen Schöpfer. (Von Wolf von Dewitz, dpa)