Medien sind keine Jeans
30.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Mäuser musste sich tatsächlich etwas echauffieren. Er beklagte ein «erhebliches Informationsdefizit in den Medien, bei der Bevölkerung und den Regulatoren», nachdem auf dem Podium wiederholt gefordert wurde, die Identität der Anleger, die ihr Geld bei Unternehmen wie Permira anlegen, öffentlich zu machen. «Die Investoren spielen bei uns keine Rolle!», sagte Mäuser. Alle 28 Permira-Partner seien bekannt und im Internet einsehbar, und nur sie würden Entscheidungen treffen. «Wir geben uns selbst so transparent wie jeder andere».
Die Frage, ob er als Aufsichtsrats-Chef so lange amtieren wird wie sein Vorgänger Haim Saban, der den Chefposten drei Jahre inne hatte und dann die Sendergruppe weiterverkaufte, konnte Mäuser allerdings nicht beantworten. Permira sei bekannt als «Investor auf Zeit» und bleibe bei deutschen Unternehmen durchschnittlich fünfeinhalb Jahre dabei. Wann der «Exit» bei ProSiebenSat1 bevorstehe, wisse man noch nicht.
Warum, illustrierte Montgomery mit einem schwarzhumorigen Scherz: «Nach einem milden Winter hat ein Zeitungsmann eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Auf dem wichtigsten Markt gab es einen Einbruch - bei den Todesanzeigen. Die gute: Dafür sinkt die Auflage langsamer als gewohnt. Unsere Leser sterben nicht in der üblichen Anzahl». Dieses Kriseln aber sei Vergangenheit. Wenn die Zeitungen die große «Transformation» angesichts der Digitalisierung bewältigen und die «effektivere Verwertung von Content auf neuen Wegen» gelinge, hätten sie eine große Zukunft. Zeitungsleute hätten lange ihr Standing in der Gesellschaft und das «Kern-Asset der loyalen Leserschaft» unterschätzt, so Montgomery. Journalisten seien heutzutage eben Verkäufer und sollten stolz darauf sein, schließlich müssen sie Leser, die viele Alternativen haben, dafür gewinnen, ihre Artikel zu lesen.
Widerspruch regte sich, als Montgomery kurz darauf verschwunden war. Die RBB-Intendatin Dagmar Reim sagte, sie lese die «Berliner Zeitung» aus dem Berliner Verlag seit 15 Jahren, «und immer, immer ist gespart worden. Die kritische Grenze ist längst überschritten». Dass sich zwischen Zeitungen in Norwegen, wo die Mecom Group stark vertreten ist, und Zeitungen in Hamburg und Berlin Synergien realisieren ließen, bezweifelte Reim. Natürlich hatte die Intendantin dabei auch im Sinn, ihre Rundfunkanstalt zu positionieren.
«Sie alle sind die Shareholder des RBB», rief sie dem Publikum zu - also den Zahlern jener Gebühren, die aktuell nicht mehr als «GEZ»-Gebühren bezeichnet werden sollten. Und ausgeschüttet werde «publizistischer Gewinn».
In der Kritik an den Medienwächtern war sich der RTL-Vertreter zumindest partiell einig mit dem SPD-Politiker Marc Jan Eumann, der das Bundeskartellamt dafür kritisierte, dass es den Pay-TV-Sender Premiere wieder zum Monopolisten gemacht habe. Er kündigte medienpolitische Initiativen seiner Partei an. So soll ein neues Gesetz künftig bei Verkäufen von Medien-Unternehmen den Anteil von Investoren aus Nicht-EU-Staaten auf 25 Prozent begrenzen. Eumann kritisierte auch die Finanzinvestoren im Fernsehgeschäft: «Es wird zuviel Geld aus dem System genommen», das dann für Qualität fehle.
Die Gesellschaften, die ProSiebenSat1 nominell besitzen, sind der Datenbank der Medienkonzentrations-Kommission KEK zufolge auf der britischen Insel Guernsey, auf den Cayman Islands (britisches Überseegebiet) sowie in Luxemburg ansässig.
Der Feststellung, dass Fernsehen auch Kulturgut ist und eine besondere Verantwortung bedeute, wollte dann auch Götz Mäuser nicht widersprechen. Am Ende des Tages - der Ausdruck «am Ende des Tages» war wie immer, wenn Medienmanager diskutieren, oft zuhören - blieb die Erkenntnis, dass die Fähigkeit zur Selbstdarstellung in der deutschen Medienbranche wenig zu wünschen lässt, während die Diskussion noch spannender ausgefallen wäre, wenn die Teilnehmer mehr auf die Argumente der anderen als auf die eigenen Geschäftsziele eingegangen wären.
Für das Web ediert von Christian Bartels

