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Medien sind keine Jeans

30. Aug 2007 10:17
Er sagt, er sei kein Finanzinvestor: Mecom-Chef David Montgomery
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Die Investoren, denen ProSiebenSat1 gehört, wissen noch nicht, was in drei Jahren ist. Dafür ist David Montgomery nach Deutschland «gekommen, um zu bleiben», sagte er. Christian Bartels war auf der Berliner Medienwoche.

An Medienkongressen herrscht in Deutschland kein Mangel. Oft tauschen die gleichen Branchenvertreter dieselben Argumente aus. Insofern ist dem Eröffnungspodium der Medienwoche Berlin-Brandenburg am Mittwoch ein Besetzungs-Coup gelungen: Gekommen waren unter anderem Mecom-Chef David Montgomery, dessen Kauf des Berliner Verlags (zu dem inzwischen auch Netzeitung.de gehört) den Begriff der Heuschrecke als Synonym für Finanzinvestoren in Deutschland erst salonfähig gemacht hat, sowie Götz Mäuser. Als Partner des Finanzinvestors Permira wurde Mäuser unter anderem kürzlich zum Aufsichtsratsvorsitzenden der ProSiebenSat1 Media AG. Die beiden stehen idealtypisch für den Typus der Investoren, die im Mediengeschäft die meisten Schlagzeilen machen.

Mäuser musste sich tatsächlich etwas echauffieren. Er beklagte ein «erhebliches Informationsdefizit in den Medien, bei der Bevölkerung und den Regulatoren», nachdem auf dem Podium wiederholt gefordert wurde, die Identität der Anleger, die ihr Geld bei Unternehmen wie Permira anlegen, öffentlich zu machen. «Die Investoren spielen bei uns keine Rolle!», sagte Mäuser. Alle 28 Permira-Partner seien bekannt und im Internet einsehbar, und nur sie würden Entscheidungen treffen. «Wir geben uns selbst so transparent wie jeder andere».

Die Frage, ob er als Aufsichtsrats-Chef so lange amtieren wird wie sein Vorgänger Haim Saban, der den Chefposten drei Jahre inne hatte und dann die Sendergruppe weiterverkaufte, konnte Mäuser allerdings nicht beantworten. Permira sei bekannt als «Investor auf Zeit» und bleibe bei deutschen Unternehmen durchschnittlich fünfeinhalb Jahre dabei. Wann der «Exit» bei ProSiebenSat1 bevorstehe, wisse man noch nicht.

Journalisten sind eben Verkäufer

Andere Töne ließ David Montgomery hören, der zum Zeitpunkt, als die Diskussion aufflammte, leider nicht mehr auf dem Podium weilte. Der Nordire musste gleich nach seiner angänglichen Keynote aufbrechen. Zuvor hatte er sich von kurzfristig orientierten Finanzinvestoren distanziert. Die börsennotierte Mecom Group sei kein solcher, sondern habe bloß den Berliner Verlag mit Hilfe von Finanzinvestoren gekauft, die aber inzwischen ausbezahlt sind. Die in vielen europäischen Ländern vertretene Mecom sei nach Deutschland «gekommen, um zu bleiben». So eine langfristige Eigentümerschaft sei im Zeitungsgeschäft auch nötig.

Warum, illustrierte Montgomery mit einem schwarzhumorigen Scherz: «Nach einem milden Winter hat ein Zeitungsmann eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Auf dem wichtigsten Markt gab es einen Einbruch - bei den Todesanzeigen. Die gute: Dafür sinkt die Auflage langsamer als gewohnt. Unsere Leser sterben nicht in der üblichen Anzahl». Dieses Kriseln aber sei Vergangenheit. Wenn die Zeitungen die große «Transformation» angesichts der Digitalisierung bewältigen und die «effektivere Verwertung von Content auf neuen Wegen» gelinge, hätten sie eine große Zukunft. Zeitungsleute hätten lange ihr Standing in der Gesellschaft und das «Kern-Asset der loyalen Leserschaft» unterschätzt, so Montgomery. Journalisten seien heutzutage eben Verkäufer und sollten stolz darauf sein, schließlich müssen sie Leser, die viele Alternativen haben, dafür gewinnen, ihre Artikel zu lesen.

«Publizistischen Gewinn» ausschütten

In einer kurzen Diskussion mit «sueddeutsche.de»-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs ließ sich Montgomery in keine Widersprüche verwickeln. Der bei börsennotierten Firmen geforderte Shareholder Value und der im Mediensektor neuerdings als Ideal gepriesene «Public Value» seien keine Gegensätze. Das Geld der Mecom sei nicht britisch, sondern europäisch; so sei auch die Deutsche Bank beteiligt. Das Stigma der Heuschrecke, das in Berlin kursierte, sei «komplett verschwunden» hoffe Montgomery.

Widerspruch regte sich, als Montgomery kurz darauf verschwunden war. Die RBB-Intendatin Dagmar Reim sagte, sie lese die «Berliner Zeitung» aus dem Berliner Verlag seit 15 Jahren, «und immer, immer ist gespart worden. Die kritische Grenze ist längst überschritten». Dass sich zwischen Zeitungen in Norwegen, wo die Mecom Group stark vertreten ist, und Zeitungen in Hamburg und Berlin Synergien realisieren ließen, bezweifelte Reim. Natürlich hatte die Intendantin dabei auch im Sinn, ihre Rundfunkanstalt zu positionieren.

«Sie alle sind die Shareholder des RBB», rief sie dem Publikum zu - also den Zahlern jener Gebühren, die aktuell nicht mehr als «GEZ»-Gebühren bezeichnet werden sollten. Und ausgeschüttet werde «publizistischer Gewinn».

Am Ende des Tages

Denn «Information ist keine Ware wie Butter oder Jeans». Als wortgewaltige Vertreterin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hatte Reim sich wiederum gegen Angriffe aus dem Lager der Privatfernsehens und der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger zur Wehr zu setzen. So protestierte der Medienpolitik-Bereichsleiter bei RTL, Tobias Schmid gegen die Internet-Expansion der Öffentlich-Rechtlichen, aber auch gegen die herrschenden medienpolitischen Regelungen. Dass bei ProSiebenSat1 Finanzinvestoren bestimmen, sei das Ergebnis einer Konstruktion, die die Übernahme der Sendergruppe durch ein «inhaltsgetriebenes Haus» wie den Springer-Verlag verhindert hat. Dass nun wegen der Sparpolitik der Finanzinvestoren «dieselbe wilde Hysterie» ausbricht wie zum Zeitpunkt des geplanten Springer-Ausstiegs, kritisierte Schmid.

In der Kritik an den Medienwächtern war sich der RTL-Vertreter zumindest partiell einig mit dem SPD-Politiker Marc Jan Eumann, der das Bundeskartellamt dafür kritisierte, dass es den Pay-TV-Sender Premiere wieder zum Monopolisten gemacht habe. Er kündigte medienpolitische Initiativen seiner Partei an. So soll ein neues Gesetz künftig bei Verkäufen von Medien-Unternehmen den Anteil von Investoren aus Nicht-EU-Staaten auf 25 Prozent begrenzen. Eumann kritisierte auch die Finanzinvestoren im Fernsehgeschäft: «Es wird zuviel Geld aus dem System genommen», das dann für Qualität fehle.

Rendite-Vorgaben

Über die Rendite-Vorgaben der neuen ProSiebenSat1-Eigentümer wurde leider wenig gesprochen. Dafür war die Diskussionsrunde, in der auch der deutsche Yahoo-Chef Terry von Bibra, Konstantin Urban von «Holtzbrinck Networks» und der britische Fernsehproduzent David Liddiment saßen, sowie der Wunsch der Teilnehmer, ihre Unternehmen darzustellen, zu groß. Immerhin wurde die Frage, ob eine 25-Prozent-Klausel für Nicht-EU-Käufer den Verkauf an die Finanzinvestoren Permira und KKR verhindert hätte, quasi beantwortet. Das hinge ja von der «Ausgestaltung» des Geschäfts ab, so Permira-Vertreter Mäuser.

Die Gesellschaften, die ProSiebenSat1 nominell besitzen, sind der Datenbank der Medienkonzentrations-Kommission KEK zufolge auf der britischen Insel Guernsey, auf den Cayman Islands (britisches Überseegebiet) sowie in Luxemburg ansässig.

Der Feststellung, dass Fernsehen auch Kulturgut ist und eine besondere Verantwortung bedeute, wollte dann auch Götz Mäuser nicht widersprechen. Am Ende des Tages - der Ausdruck «am Ende des Tages» war wie immer, wenn Medienmanager diskutieren, oft zuhören - blieb die Erkenntnis, dass die Fähigkeit zur Selbstdarstellung in der deutschen Medienbranche wenig zu wünschen lässt, während die Diskussion noch spannender ausgefallen wäre, wenn die Teilnehmer mehr auf die Argumente der anderen als auf die eigenen Geschäftsziele eingegangen wären.

 
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