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Bankräuber-Ranking in der ARD

18. Jun 2007 08:07
Bankraub in den 60-er Jahren: Ein Kleindarsteller in Aktion
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Eine neue Reportage-Reihe stellt deutsche Bankräuber vergangener Jahrzehnte vor. Es geht zu wie bei Knopp und Beckmann, aber es mangelt leider an Zeitgeist, meint Christian Bartels.

RTL rankt alles, von «den 10 witzigsten Karrierestarts» bis zu den «spektakulärsten Rosenkriegen». Die «dümmsten Verbrecher» gab es bei RTL 2, «Die großen Kriminalfälle» bereits in der ARD. Jetzt geht das Erste mit einer Dokumentarreihe über «große Banküberfälle» ins Detail. Die erste von zunächst vier Folgen stellt am Montagabend Gisela Werler vor, die «erfolgreichste Bankräuberin» des Landes.

Im Film geht es zu wie bei Guido Knopp. «Zeitzeugen» in großer Zahl treten auf: Überfallene und Kommissare aus den 60er Jahren, aber auch alte Kollegen aus Werlers Zivilberuf, und ihr damaliger Komplize. Peter W. ist sozusagen der Kronzeitzeuge. Auch als es ihm «verdammt dreckig» ging, plaudert er, investierte er dennoch zwei Monatsgehälter in die Perücke, unter der seine Freundin dann als «die Banklady» bekannt wurde. Auch wie schnell ein VW-Käfer zu knacken ist, demonstriert er gern noch einmal vor der Kamera.

Banklady Gisela Werler - nicht in echt, sondern geschauspielert
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Gern ein kühles Jever

Hat man erst mal ein paar Überfälle begangen, sei das wie Brötchen holen, sagt W. und bestätigt so den Erzähler des Films: «Doch mit jeder Beute werden die Überfälle immer mehr zur Sucht». Das ist das Knopp'sche Prinzip: Ohne Raum für Zwischentöne und Zweifel erzählt der Kommentar chronologisch Gisela Werlers Leben nach. Dass sie vor einigen Jahren gestorben und Peter W. auch ihr Witwer ist, erfährt man erst am Ende. Eingespielte Zeugen-Soundbites, Untermalungsmusik und geschauspielerte Szenen bestätigen, was der Kommentar sagt. Wenn in solchen «Reenactment»-Szene die Titelheldin ihre Perücke aufsetzt, sieht es aus, als hätte Brian de Palma einen trashigen Retrofilm inszeniert. Das war's aber auch mit Flair.

Dass die Presse Werler damals als «sexy» empfand, illustriert wiederholt eine Karikatur aus der «Bild»-Zeitung. Man erfährt, dass die Räuber gern ein kühles Jever beziehungsweise einen Henkell-Sekt zu sich nahmen. Biedere Ex-Bankangestellte erzählen gar noch kichernd, wie die Polizei sie einmal nach St. Pauli schickte, um eine angebliche Verdächtige zu identifizieren. Die Erzählung hat Mühe, den Spannungsbogen über 45 Minuten zu halten.

Was fehlt, zeigt sich, als es um Königin Beatrix' Heirat geht. Die war schon 1966 ein Fernsehereignis, währenddessen die Bankräuber zu einem Raubzug aufbrachen. Hier greift der verantwortliche NDR ins Archiv, Königshochzeiten überträgt der Sender ja immer noch gern. Es bleibt der einzige Anflug von Zeitgeist, der einzige Versuch, die 60er zu rekonstruieren. Sonst kann allenfalls die Küchenpsychologie betagter Zeitzeugen als zeittypisch gelten. Dummerweise entspricht sie der Küchenpsychologie des Kommentars («Das Mauerblümchen verwandelt sich in eine Lady»).

Die gleichen Mängel kennzeichnen den zweiten Beitrag der Reihe, der die erste Geiselnahme in einer deutschen Bank nachstellt. Im August 1971 versammelten sich vor dem Tatort in München rund 5000 Schaulustige und waren von der Polizei, die durchaus über rabiaten Eingreifwillen verfügte, «nicht vertreibbar». Die Beamten wiederum wähnten Andreas Baader und Ulrike Meinhof in der Bank, zu Unrecht. Beide Phänomene - in München, ein Jahr vor den Olympischen Spielen, die heutzutage ebenfalls vor allem durch eine Geiselnahme in Erinnerung sind - wären hochinteressant. Beide spielen kaum eine Rolle im Film, obwohl mit dem damaligen Jungreporter und heutigen «Focus»-Chef Helmut Markwort ein wortgewaltiger Augenzeuge zur Verfügung steht.

ARD-Bankräuber späterer Jahrzehnte
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Etwas Crime & Sex für die Quote

Wieder begnügt sich die ARD damit, dass Resozialisierte räsonieren, als säßen sie Reinhold Beckmann gegenüber, hier der damalige Gangster Dimitri Todorov. Es wird soft nachgefragt und als Erfolg verbucht, wenn ein wenig Selbstkritik rüberkommt. Der Gestus ist kein Zufall: Hinter den Filmen steckt die Hamburger Firma «Cinecentrum», die als mittelbare NDR-Tochter auch «Beckmann» herstellt. Die gleichermaßen verklemmten wie zynischen Bankraub-Filmchen sollen Crime und Sex für die Quote mitnehmen, dabei den Talkshow-gewohnten Voyeurismus befriedigen und überdies trotzdem das Etikett «Information» tragen, mit dem sich die ARD von Privatsendern abgrenzt.

Dass das auch noch mit niedersächsisch-bremischem Steuergeld gefördert wurde, ist nicht das Schlimmste. Das besteht darin, dass die Reportagereihe «ARD exclusiv», in der manchmal auch schwierige Themen (zuletzt etwa das «Sterben daheim») unspekulativ behandelt werden, aus dem Abendprogramm auf Sonntagmittag verschoben werden soll, damit WDR-Moderator Frank Plasberg endlich Platz im «Ersten» findet. Statt differenzierter Dokumentationen müssen derlei Reihen den dokumentarischen Anschein wahren.

Sollten die Einschaltquoten stimmen, hat die ARD sicher schon weitere Bankraub-Fälle für die nächsten Staffeln in petto. Burkhard Driest etwa, heutzutage vor allem bekannt durch den immer wieder gern gezeigten «Sie gefallen mir sehr»-Talkshow-Ausschnitt mit Romy Schneider, wäre ein prima Kandidat

«Geld her! - Die großen Banküberfälle»
vier Folgen ab 18.6., montags 21.00 Uhr, in der ARD

 
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