15.06.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Sah seltsam grüne Gäste: Moderatorin Roche
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Wie viel Rausch darf sein?», fragten Charlotte Roche und Gert Scobel Donnerstagnacht im ZDF. Kathrin Klette hatte den Wecker gestellt.
Es gibt nicht viele Sendungen, an denen sich der Zuschauer beteiligen kann (abgesehen von Gewinn- und Ratgeber-Shows). Donnerstagnacht jedoch wagte sich ausgerechnet das ZDF, der Haussender der Rentner, mit einem interaktiven Talkshow-Format hervor: Denn bereits um 20 Uhr konnte man die Aufzeichnung der Sendung im Internet verfolgen und sich per Webcam dazuschalten oder per E-Mail Fragen stellen.
Erst in der Nacht, ab 0:35 Uhr, waren Charlotte Roche, Gert Scobel und Gäste dann im Fernsehen zu sehen ein Unding angesichts des modernen Formats und des brisanten Themas.
Erschreckende ZahlenAnlass von «Wie viel Rausch darf sein?» war der Auftakt der Suchtwoche 2007. Das Thema Alkohol dominierte, in der Tat sind die Fakten beunruhigend: Jeder dritte Siebtklässler hat laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK schon einmal heimlich Alkohol getrunken, etwa 19.400 Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wurden 2005 volltrunken in eine Klinik gebracht laut dem Statistischen Bundesamt waren dies mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2000.
Rund 1,7 Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland alkoholabhängig, hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, jüngst in ihrem Bericht mitgeteilt, sie ist auch Schirmherrin der diesjährigen Suchtwoche unter dem Motto «Alkohol Verantwortung setzt die Grenze». Die Steuern für Alkopops heraufzusetzen, wie es 2004 beschlossen wurde, schützt aber nicht: da waren sich alle Talk-Gäste einig: Im Zweifelsfall mischen sich die Jugendlichen diese süßen Alkohol-Mischgetränke selbst zusammen.
Die Sendung war ein abwechslungsreiches Durcheinander, in dem sich Ex-Viva-Frontfrau Roche und 3sat-Moderator Scobel, «Wissensdealer», wie sie ihn nannte, gegenseitig die Bälle zuspielten: Es gab Gespräche mit Experten, Jugendlichen und Müttern drogenabhängiger Kinder, Live-Musik der Gruppe «Virginia Jetzt!», Video-Clips über die Verbindung zwischen Pop-Musik und Drogen, und der junge Autor Amon Barth las aus seinem Buch «Mein Leben als Kiffer».
Erst nachdenkenIn der Webcam und den eingesandten E-Mails offenbarte sich die gesamte Bandbreite des Themas: Drogen zu nehmen sei doch gar nicht schlimm, schrieb da einer, schlimm sei nur, wenn man kriminell werde. Und sicher, auch die Gesellschaft, vor allem die Medien, das Fernsehen und das Internet trügen Verantwortung angesichts der oft stylisch-coolen Alkohol-Werbung bei Pop-Konzerten eine verständliche Forderung.
Wohltuend: Kein mahnender Zeigefinger, der in der Show erhoben wurde. Wichtiger schien darüber nachzudenken, warum Jugendliche Drogen nehmen: Der langhaarige Ethnopharmakologe Dr. Christian Rätsch, der mit einer Zeitmaschine direkt aus Woodstock zu kommen schien, sprach von Völkern, bei denen Drogen zum Alltag gehören und die Initiationsriten der Jugendlichen prägen. Dass es den heutigen Jugendlichen zwischen Koma-Saufen und Flatrate-Partys eher nicht um Selbstfindung geht, machte der Suchtmediziner Prof. Dr. Rainer Thomasius deutlich: Heute wollen sie sich wegen privater Probleme und den schier unerfüllbaren Ansprüchen einer Leistungsgesellschaft vor allem einfach «wegdröhnen».
Technisch gesehen, war die Sendung allerdings verbesserungswürdig. Die vier Jugendlichen, die sich per Webcam zugeschaltet hatten, erschienen in ruckeligen Pixel-Bildern und die Gesichtsfarbe von Igor, dem ersten Webcam-Gast, rutschte ins Grünliche: «Du siehst grün aus für uns, liegt das an deinem Alkoholkonsum?», witzelte Roche in den Bildschirm. Und die Stimmen der Internet-User schepperten anfangs verzögert und abgehackt aus dem Off wenn denn überhaupt etwas zu hören war. «Hab ich das richtig verstanden?», war denn auch ein von den Experten und Moderatoren häufig gebrauchter Satz. Doch das ZDF ist mit dem Format augenscheinlich auf dem richtigen Weg: Immerhin etwa 50 Webcam-User waren am Ende der Sendung noch in der Warteschleife.