Der «Tagesspiegel» geht in die Breite
05. Jun 2007 17:20
 |  Oben fünfspaltig: der Internetauftritt des 'Tagesspiegel' | Screenshot: netzeitung.de |
|
Mit einem bis zu neun Spalten breiten Internet-Auftritt steigt die Berliner Tageszeitung ins Geschäft der Nachrichten-Portale ein.
Christian Bartels hat die neue Site angesehen.
Er ließ auf sich warten, tauchte dann am Dienstagnachmittag jedoch endlich auf: der relaunchte Internetauftritt des «Tagesspiegel». Die Webseite, die bislang recht statisch Inhalte der gedruckten Zeitung wiedergab, ist nun ein prallvolles Nachrichten-Portal.Besuchern springt als erstes die Seitenbreite ins Auge. Das «Fullsize-Format» ist mehr als 975 Pixel breit. So unmfasst die Startseite oben fünf Spalten. Neben einem dreispaltigen Nachrichtenüberblick verweisen zwei weitere Spalten auf Kolumnen, Fotos und Werbepartner. Im unteren Mittelteil wird die Webseite gar neunspaltig. Das schafft nicht einmal die «New York Times», die Online-Chefredakteurin Mercedes Bunz bereits als Inspirationsquelle genannt hat.
«Fülle der heutigen Informationen»
«Allzu oft verliert man in der Fülle der heutigen Informationen den Überblick», begrüßt Bunz, auch als Bloggerin und «De:Bug»-Herausgeberin bekannt, nun die «Tagesspiegel»-User und scheint damit auch zu meinen: Wer heutzutage einen Überblick geben will, muss beträchtlich in die Breite gehen. Dass es viel von links nach rechts zu lesen gibt, bedeutet nicht, dass man nicht auch lange nach unten scrollen könnte. Alles fußt auf einer sechsspaltigen Übersicht über Inhalte der gedruckten Ausgabe.Bei den Inhalten zieht der neue Online-«Tagesspiegel» alle Register. Er fordert User zum «Voten» auf («Soll ein Platz nach Benno Ohnesorg benannt werden?»), bietet Fotostrecken und auch Beiträge einer Videojournalistin, die in Berlin «rund um Ereignisse Stimmungen und Hintergründe» einfangen soll. Am Dienstagnachmittag allerdings erforderten Versuche, die Filme anzusehen, noch viel Geduld.
Die am wenigsten gelesenen Artikel
In der Rubrik «Leser-Inhalte» lassen sich zahlreiche Leserfotos anklicken. Sie zeigen nicht etwa, wie die «Bild»-Zeitung zugleich , in China zum Verzehr verkaufte Hundeköpfe, sondern Blumen und andere Landschaftsaufnahmen und tragen so zum aufgeräumten Gesamteindruck des Relaunchs bei. Dank vieler Fotos und unterschiedlicher Elemente lässt sich die Webseite angenehm ansehen. Originell: Nicht nur die meistgelesenen Artikel werden aufgelistet, sondern (unter der Überschrift «Übersehen/ Zu speziell? Zu versteckt? Diese Artikel harren ihrer Entdeckung») die am wenigsten gelesenen.
 |  Mercedes Bunz hat den Tagesspiegel breiter gemacht | Foto: Archiv |
|
So verfolgt der «Tagesspiegel» das im Internet gerade herrschenden Prinzip, Nutzer / Leser und Zuschauer möglichst lange auf der eigenen Seite zu halten. Dass kleinere Bildschirme von der Breite überfordert sind und, wer den «Tagesspiegel» online nutzen möchte, am besten seine Favoriten- oder Bookmarkleiste am linken Rand schließen sollte, dürfte dazu beitragen.
So steigt das Blatt aus der Verlagsgruppe Holtzbrinck (anhand dessen Berliner und Nichtberliner öfters streiten, wie überregional es eigentlich ist)in den Wettbewerb der Nachrichtenportale ein. Das im Februar aufwändig relaunchte Portal der Springer-Tageszeitung «Die Welt» soll überholt werden, hat Mercedes Bunz bereits angekündigt. Bei der Namensgebung wählte Holtzbrinck den umgekehrten Weg: Während «welt.de» sich mit dem Relaunch zu «Welt Online» umbenannte, heißt das frühere Angebot «Tagesspiegel Online» jetzt schlicht «Tagesspiegel.de».
Außerdem zeigt sich ein paradoxer Trend: Während gedruckte Zeitungen auf britische Tabloidzeitungen schauen und gespannt die Akzeptanz des Relaunchs der gedruckten «Frankfurter Rundschau» abwarten, gehen Internet-Portale in die Breite.