Geringe Einschlafgefahr
Wallraff auf den Titel der ersten Ausgabe zu nehmen ist eine schöne Idee, ein Scoop sogar, wie man in der Journalistensprache sagt. Er soll nun regelmäßig aus der neuen Arbeitswelt berichten. In der ersten Ausgabe hat er sich in zwei dieser unsäglichen Call-Center eingeschlichen. Die spannende Reportage ist ein rechter Riemen, aber man merkt ihr an, dass immer noch ordentlich gekürzt wurde. Und auch an Wallraff ist die Zeit nicht ganz spurlos vorübergegangen. Mit leichter, früher unbekannter Selbstironie endet sein Text. «Du hast wirklich Talent als Callagent», sagt ihm sein Chef.
Die Sache mit Wallraff ist schon ein geschickter Schachzug, denn das Magazin muss künftig auf seinen achtzig Seiten nicht nur die Leser aus der Generation Golf fesseln, sondern auch deren Eltern und Tanten; die Generation also, welche die Anzeigen in der Rubrik «Kennenlernen» mit solchen Preziosen schmückt: «Für DICH, e. großherzigen, vitalen Mann, Akad. u. Kunstfreund (55-65?) verkaufe ich viell. m. Haus und komm geflogen (...)».
Wallraff integrierend zur Seite steht Helmut Schmidt, der wöchentlich auf ein aktuelles Thema hin befragt wird. Dieses Mal ist der G8-Gipfel dran. «Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt» heißt die Kolumne. Vor dem Hintergrund der nicht durchwegs aufregenden Antworten muss man die grandiose Zigarettensucht des ZEIT-Herausgebers und Altkanzlers einmal mehr als Gottesgeschenk sehen.
Aber wir müssen langsam zum Schluss kommen, online gilt nun einmal das Gebot der Kürze. Deshalb nur der summarische Hinweis, dass sich für die Lektüre in der Badewanne die wunderbar durchgeknallte Kolumne von Harald Martenstein ebenso gut eignet wie das frühlingsleichte Interview mit dem «Magazinkind» Jessica Schwarz (weniger geeignet: Sudoku, Kreuzworträtsel und Josef-Ackermann-Interview (Einschlafgefahr!). Spritzer auf dem leicht eingecremten weißen Papier spielen dabei keine Rolle, im Gegenteil, sie adeln auch dieses Druckerzeugnis durch Gebrauch. Man kann das Aura nennen.
Dem Papier also, was dem Papier gehört. Bald soll ja auch das alte «FAZ»-Magazin wiederbelebt werden. Sollte es ähnlich papierfreudig daherkommen wie das ZEITmagazin Leben, muss man sich um die durchs Internet angeblich bedrohte printmediale Kultur keine allzu großen Sorgen machen. Nur die wunderbar verschmockten Kontaktanzeigen werden wohl über kurz oder lang verschwunden sein. Da gibt es im Web 2.0. dann doch attraktivere Möglichkeiten.
