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Geringe Einschlafgefahr

24. Mai 2007 09:05
Das Magazin in seiner natürlichen Umgebung
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Das müssen auch Papierhasser zugeben: Mit dem Laptop in die Badewanne steigen, ist ganz unmöglich. Ob sich das neue ZEITmagazin LEBEN besser eignet, hat Michael Angele getestet.

«Mir geht es gut (...), ich sitze in der warmen Wanne», damit fängt der Bestseller «Generation Golf» von Florian Illies an - ach, das ist nun auch schon eine Weile her. «Meine Eltern hatten die ZEIT schon immer abonniert, und wenn ich donnerstags von der Schule nach Hause kam, habe ich das Magazin stibitzt», erinnert sich Christoph Amend im ersten Editorial des ZEITmagazin Leben, das ab heute der «Zeit» beiliegt. Amend verantwortet das Magazin, und der 33-Jährige ist definitiv ein Angehöriger der Generation Golf.

Ein Scoop

Man sagt dieser Generation nach, dass sie sich besonders nach Geborgenheit und Geschichte sehnt. Im ZEITmagazin Leben hat sich diese Sehnsucht niedergeschlagen. Nicht zum Schaden des Lesers, man fühlt sich auf den unaufgeregt gestalteten Seiten wohl und ist mit ihnen rasch vertraut. Seltsam vertraut allerdings: «Kennen wir uns nicht?» fragt es von der Titelseite. Das ist doch, ja genau: Günter Wallraff - wie ein Blick auf das zweite Titelbild bestätigt, wo man den Enthüllungsjournalisten ohne Haarteil und mit der Nickelbrille sieht. «Seine Bücher und McDonald's und 'Bild' prägten das Weltbild meiner Generation», schreibt Amend weiter.

Wallraff auf den Titel der ersten Ausgabe zu nehmen ist eine schöne Idee, ein Scoop sogar, wie man in der Journalistensprache sagt. Er soll nun regelmäßig aus der neuen Arbeitswelt berichten. In der ersten Ausgabe hat er sich in zwei dieser unsäglichen Call-Center eingeschlichen. Die spannende Reportage ist ein rechter Riemen, aber man merkt ihr an, dass immer noch ordentlich gekürzt wurde. Und auch an Wallraff ist die Zeit nicht ganz spurlos vorübergegangen. Mit leichter, früher unbekannter Selbstironie endet sein Text. «Du hast wirklich Talent als Callagent», sagt ihm sein Chef.

Die Sache mit Wallraff ist schon ein geschickter Schachzug, denn das Magazin muss künftig auf seinen achtzig Seiten nicht nur die Leser aus der Generation Golf fesseln, sondern auch deren Eltern und Tanten; die Generation also, welche die Anzeigen in der Rubrik «Kennenlernen» mit solchen Preziosen schmückt: «Für DICH, e. großherzigen, vitalen Mann, Akad. u. Kunstfreund (55-65?) verkaufe ich viell. m. Haus und komm geflogen (...)».

Wallraff integrierend zur Seite steht Helmut Schmidt, der wöchentlich auf ein aktuelles Thema hin befragt wird. Dieses Mal ist der G8-Gipfel dran. «Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt» heißt die Kolumne. Vor dem Hintergrund der nicht durchwegs aufregenden Antworten muss man die grandiose Zigarettensucht des ZEIT-Herausgebers und Altkanzlers einmal mehr als Gottesgeschenk sehen.

Adel durch Gebrauch

Mit dem ZEITmagazin Leben (was für ein umständlicher Titel!) geht das LEBEN aus der Zeit wieder ins legendäre Magazin der «Zeit» ein, das von 1970 bis 1999 existiert hat. Ich vermeine sogar, das alte Magazin vor mir zu sehen. Ein vages Gefühl allerdings, an den serifenlosen Überschriften kann es ja nicht liegen, und die Garamond-Schrift, die den Fließtext füllt, gab es zwar schon, aber nur gelegentlich. Klar, wenn ich mich recht erinnere, verriet Wolfram Siebeck schon damals seine Kochrezepte und das Schachspiel am Ende des Heftes fehlte bestimmt auch nicht.

Aber wir müssen langsam zum Schluss kommen, online gilt nun einmal das Gebot der Kürze. Deshalb nur der summarische Hinweis, dass sich für die Lektüre in der Badewanne die wunderbar durchgeknallte Kolumne von Harald Martenstein ebenso gut eignet wie das frühlingsleichte Interview mit dem «Magazinkind» Jessica Schwarz (weniger geeignet: Sudoku, Kreuzworträtsel und Josef-Ackermann-Interview (Einschlafgefahr!). Spritzer auf dem leicht eingecremten weißen Papier spielen dabei keine Rolle, im Gegenteil, sie adeln auch dieses Druckerzeugnis durch Gebrauch. Man kann das Aura nennen.

Dem Papier also, was dem Papier gehört. Bald soll ja auch das alte «FAZ»-Magazin wiederbelebt werden. Sollte es ähnlich papierfreudig daherkommen wie das ZEITmagazin Leben, muss man sich um die durchs Internet angeblich bedrohte printmediale Kultur keine allzu großen Sorgen machen. Nur die wunderbar verschmockten Kontaktanzeigen werden wohl über kurz oder lang verschwunden sein. Da gibt es im Web 2.0. dann doch attraktivere Möglichkeiten.

 
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