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Gott auf dem Gänsemarkt (II)

27. Apr 2007 22:00
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Der Aufstieg des Mannes aus Bielefeld. Zweiter Teil des Kai Diekmann-Porträts von Roger Boyes.

Diekmann ist Katholik, redet aber wie ein Calvinist. Für ihn muss Erfolg – andauernder Erfolg – durch harte Arbeit verdient sein. Das ist genau das, was «Bild» zur Springer-Milchkuh hat werden lassen. Die Auflage von «Bild» mag sinken, aber sie wurde zum Vorzeigemodell, wie man mit der Konkurrenz durch Gratiszeitungen à la Metro und 20 Minuten, die überall in Europa erfolgreich ist, umgeht.

Karrierestrategien

Diekmann verbrachte drei Monate in Polen, um dort die Zeitung Fakt aufzubauen – ein «Bild»-Klon, der bereits zwei Jahre nach Erscheinen Profit machte. Das ist also Springers große Hoffnung: «Bild» for export. Die Formel wird bald auch
auf Frankreich angewendet, und dann wird auch dort Handwerker Diekmann gebraucht. Er ist Chef des Marktführers in Deutschland, half den Marktführer in Osteuropa zu etablieren und ist dabei, das Gleiche andernorts zu erreichen. Per definitionem: ein Alpha-Journalist, der jedoch frustriert und unterschätzt scheint.

Eine bekannte Karrierestrategie für einen Alpha-Journalisten ist die Suche nach einem Mentor, einem Patriarchen oder einem schützenden Clan. Diekmann schien sich auf diesen Pfad zu begeben, als er 1995 Jonica Jahr heiratete, die Lieblingstochter des Verlegers John Jahr. Zu dieser Zeit war er 31 Jahre alt, stellvertretender Chefredakteur der Bild, Ressortleiter Politik. Es erwies sich als ein günstiger Moment, um in eine mächtige Verlegerdynastie einzuheiraten: Die Welt öffnete sich ihm.

Andere sahen nicht nur sein Talent, sondern erkannten auch seine Glanzlosigkeit. Er hatte niemals eine Universität besucht, und er war noch immer von der Aura Bielefelds umgeben: der Tatkraft, aber auch der Unbeholfenheit eines Aufsteigers aus der Provinz. Im Gegensatz dazu war Döpfner (Jahrgang 1963, Diekmann 1964) persönlicher Assistent des Gruner+Jahr-Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen, war Chefredakteur der «Wochenpost» und als kommender Chefredakteur der Hamburger Morgenpost im Gespräch – während er von Salon zu Salon glitt, Klavier spielte, reibungslos auf Deutsch und Englisch parlierend seine Zuhörer verzückte.

Hilfe von Helmut

Die Ehe mit Jonica half Diekmann zwar einige Türen zu öffnen, aber sie verlieh ihm nicht den erhofften gesellschaftlichen Glanz; in Gesellschaften redete er lieber über News Storys als über Daniel Barenboim. Es gab auch nie eine vollständige Integration in den Jahr-Clan. Die Ehe zerbrach schnell, zeitgleich schlitterte Diekmann in eine seiner größten beruflichen Krisen. Der damalige Springer-Vorstandschef Jürgen Richter wollte den Verlag stärker von der CDU-Spitze distanzieren.

Diekmann war aber eng mit Helmut Kohl verbunden. 1995 hatte er einige Wochen mit ihm zusammen gesessen um das Interview-Buch «Helmut Kohl. Ich wollte Deutschlands Einheit» vorzubereiten, und es bestanden keinerlei Zweifel an dem engen Verhältnis zum Ex-Kanzler. «Bild» war zum Sprachrohr Kohls geworden.

Bereits als Redakteur einer Schülerzeitung in Bielefeld hatte Diekmann Kohl um ein Interview ersucht. Das war 1982 und Kohl war Oppositionsführer. Später, als Volontär bei «Bild» in Bonn, erhielt Diekmann seine zweite Chance: «Das habe ich mir auf dreiste Weise zum berühmten Gorbatschow- Goebbels-Vergleich erschlichen.» Noch ein wenig später begleitete er Kohl auf seinen Auslandsreisen.

«Daraus ist dann eine gewisse Nähe entstanden – diese Nähe hatte aber mit der cdu überhaupt nichts zu tun, sondern war eine rein persönliche.» Was hat Kohl nur in Diekmann gesehen? Einen Gläubigen, einen geborenen Loyalisten, jemand Bodenständiges, ein Alpha-Tier – den Typ Mensch, den er seit zwei Jahrzehnten für den Kohl-Clan rekrutiert hatte?

Aufreibende Zeiten

Einen ambitionierten, respektvollen Mann, der vielleicht auf der Suche nach einem Patriarchen ist. Diekmann hätte dem Kohl-Club beitreten können, tat dies aber doch nicht. Kohl war nützlich für Diekmanns Karriere, aber nicht von zentraler Bedeutung. Jürgen Richter missdeutete diese Beziehung. Und verlor den Kampf. Sein Versuch, Diekmann in die machtlose Position des Leiters vom
Springer-Auslandsdienst zu drängen, schlug fehl; blockiert durch das Votum des Kohl-Anhängers Claus Larass (damals «Bild»-Chefredakteur) und Leo Kirch.

1998 wurde Richter durch Gus Fischer ersetzt und Diekmann mit der Verjüngung der «Welt am Sonntag» betraut. Es war eine sehr aufreibende Zeit für Diekmann; Fotografien aus dem Jahre 1997 – der Zeit der Scheidung von Jonica und der Auseinandersetzungen mit dem Vorstand – zeigen ihn bleich und mit dunklen, verquollenen Augen. Fischer machte Platz für Döpfner, und Diekmann stieg mit ihm auf. Ein Führungsduo?

Nicht wirklich, Döpfners Chancen waren zu gut, um von wirklicher Gleichberechtigung zu sprechen. Aber zwischen ihnen gedeiht das politische Profil des Axel Springer Verlags und dessen Einfluss auf das Spiel der Politik. «Es ist einfach, sich Kai Diekmann als jemanden vorzustellen, der eine politische Karriere anstrebt», sagt einFreund. «Er hat den Riecher dafür. Und die Ellbogen. Döpfner dagegen ist mehr ein Lord Chamberlain am Kaiserlichen Hof. Er macht sich mehr Feinde als Kai, obwohl Kai an der Frontlinie steht.«

Der Wert Diekmanns für Springer besteht nicht nur in der Tatsache, dass «Bild» Gewinne abwirft, sondern auch in seinem Gespür für das politische Gewicht des Boulevards: Die Kraft des Schweigens ist größer als die Kraft sensationslüsterner Enthüllungen. Wer ahnt schon, wie viele Geheimnisse und Gerüchte täglich durch die «Bild»-Büros wandern?

Diekmanns Einstieg in die Geheimnissphäre der Elite begann während seiner Reporterjahre in Bonn: «Ich habe beispielsweise 1994 bereits sehr früh von der Krankheit von Kohls Frau erfahren, die ihn auf einer Reise nicht begleiten konnte und im Krankenhaus lag.» Die beiden Männer kamen darin überein, diese Nachricht geheim zu halten – bis zum richtigen Augenblick.

Wie jeder kundige Boulevardjournalist sammelt Diekmann Gefälligkeiten und Verpflichtungen von Politikern. Früher oder später löst er die Schuldscheine ein und veröffentlicht die Geschichte, aber manche Politiker stehen noch jahrelang in seiner Schuld.

Hier geht's zum dritten Teil des Artikels

 
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