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Gott auf dem Gänsemarkt

28. Apr 2007 10:09
Schaut her, was ich kann, ihr Vorzimmerdamen!
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Kai Diekmann ist einer der mächtigsten deutschen Journalisten. Für ein neues Buch über «Alpha-Journalisten» hat Roger Boyes ein Porträt geschrieben, das wir hier exklusiv abdrucken.

«Wie viel verdienen Sie?» Kai Diekmann runzelte die Stirn, schob seine Brille zurück und verstummte. Er wusste, dass es eine nur allzu logische Frage war, an einem Tag an dem sich die Titelmieze – Jenny aus Oberhausen (23) – und eine Umfrage über deutsche Durchschnittsgehälter die Titelseite der Bild teilten. Geld und Sex; Sex und Geld.

«Ich habe 80 Paar Schuhe und keinen Mann», sagt Jenny. Die Zahlen der Umfrage –«Bild»-untypisch kleingedruckt – sind ähnlich aufschlussreich: Ein Arzt (West) verdient 3.586 Euro, ein Busfahrer 2.081. Und die interessanteste Enthüllung von allen: Die Mehrheit der Deutschen verdient zwischen zehn und 20 Euro die Stunde.

Fette Gehälter

Trotz aller Debatten um Hartz IV ist das Land fast ein zweites Schweden – ein egalitäres Gesellschaftssystem, regiert von Neid und Missgunst – und kontrolliert durch die «Bild»-Zeitung. Es ist «Bild», die Oberwachmeisterin, die nicht müde wird, die aufgeblähten Bezüge von Politikern und Beamten zu beanstanden – und die gleichzeitig für höhere Abgeordnetengehälter wirbt. «Bild» protestiert gegen steigende Lohngefälle, gegen den Mangel an Sensibilität der reichen Leute – aber zugleich auch gegen die Reichensteuer. Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, wird an den Pranger gestellt, nachdem er das 'Victory'-Zeichen zeigte – und erhält dann die Möglichkeit in der «Bild» zu erklären, weshalb er soviel verdient.

«Bild» wird von Leuten gemacht, die fette Gehälter beziehen. Sie schreiben für Leute, die zwischen 10 und 20 Euro die Stunde verdienen. «Bild» zu edieren, heißt Vorstellungskraft und Fantasie zu besitzen. Hoch oben im zehnten Stock des Axel-Springer-Gebäudes – der unansehnlichen alten Waschpulverfabrik auf Hamburgs Gänsemarkt – versucht sich Kai Diekmann in einen Zahntechniker (Gehalt: 1.901 Euro) hineinzuversetzen.

Er behauptet, am Puls der Nation zu sein; das ist seine Macht. Tatsächlich ist Bild pure Fantasie, ein tagtäglicher Versuch, den Deutschen zu erzählen, was sie denken sollen. Nun: «Wie viel verdienen Sie, Herr Diekmann, ganz grob gesagt?» Diekmann, dünner und wendiger, seit er sich einer 'Fruitfor-Lunch'-Diät verschrieben hat, springt von seinem bleichen Bürosofa, schleicht um seinen Schreibtisch, öffnet die Jalousien. Therapeuten nennen so etwas eine Übersprungshandlung. In Großbritannien werden leitende Redakteure wie Industriechefs bezahlt. Chefredakteure von Boulevardblättern verdienen mit Aktienoptionen über eine Million Pfund im Jahr.

Im Machtzentrum

Diekmann bereitet die Frage Unbehagen. Es kratzt an seinem Selbstwertgefühl – das Bewusstsein, vom Springer Verlag vielleicht nicht angemessen entlohnt zu werden. Er ist jedoch zu clever, zu sehr Corporate Player, um seinen Verdruss darüber zu zeigen. Stattdessen sagt er: «Da müssen Sie Mathias Döpfner fragen.»

Und für einen kurzen Augenblick erscheint Diekmann, König des zehnten Stockwerkes (Vier Vorzimmerdamen! Frische Sonnenblumen!) und einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands, wie ein ganz gewöhnlicher Angestellter. Und wirklich: Auch der durchschnittliche «Bild»-Leser ist
unendlich neugierig darauf, die Zahl auf dem Gehaltsscheck seiner Vorgesetzten zu erfahren.

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«Ich vermute, er verdient rund 1,2 Millionen Euro?» untertreibe ich wissentlich. Diekmann tauscht Blicke mit seinen Assistenten für Sonderaufgaben. Sie schütteln den Kopf. Das ist offensichtlich nicht das erste Mal, dass sie mit diesem Problem konfrontiert werden. Es liegt im tiefsten Machtzentrum der Springer-Elite begraben: Wie steht Diekmann zu Döpfner? Können zwei Alpha-Tiere das Rudel der Springer-Wölfe führen?

«Das kann eigentlich nicht ausreichend sein», sagt Diekmann voller Ernsthaftigkeit. «Wenn der gesamte Vorstand im vergangenen Jahr zehn Millionen an Bezügen gehabt hat, kann es nicht sein, dass der Vorstandsvorsitzende nur 1,2 Millionen davon erhalten hat. Vier Leute sitzen im Vorstand, also sind es für jeden schon etwa 2,5 Millionen. Jetzt gehe ich davon aus, dass der Vorsitzende und sein Stellvertreter mehr als ich bekommen.»

Diekmann kommt noch zweimal während des Treffens auf diese Frage zu sprechen, einmal, als wir die Treppen zur Redaktionsetage hochgehen und das Diktiergerät ausgeschaltet ist. «Es tut mir leid, aber es ist einfach nicht üblich, über solche Dinge zu reden, Gehälter sind das letzte Tabu in diesem Land.»

Der Handarbeiter

Aha. Scheinheiligkeit ist also die Quintessenz des Boulevards. Es ist offenbar in Ordnung, über die Gehälter von Ex-Bundeskanzler Schröder zu mutmaßen, es ist beinahe schon obligatorisch sich über das Sexleben von Berühmtheiten auszulassen, aber Spekulationen über Führungskräfte von Zeitungen – Mitglieder derselben Borchardt- und Bocca-di-Bacco-Tischgesellschaft –, die sollen gefälligst ausbleiben. Nichts jedoch vermag Diekmanns fast lüsterne Neugier auf Döpfner zu verbergen, einem der wenigen Menschen in der Welt, die ihn tatsächlich feuern könnten.

Er behauptet, ihn verbände eine Freundschaft mit Döpfner, genauso wie auch ich behaupte, mit meinem Boss befreundet zu sein. «Mathias ist nicht nur Chef, sondern ein Freund», sagte er der «FAZ», «wir können leidenschaftlich über Schlagzeilen von 'Bild' streiten, und zuweilen äußert er sich in anderen Publikationen, was er von einigen Kommentaren in 'Bild' hält – oder eher was nicht. Aber er hält mir immer denRücken frei ...»

Trotzdem würde ich an Diekmanns Stelle besonders wachsam auf meinen Rücken achten. Es ist eine jener 'Freundschaften', die Spuren von Rivalität und Ressentiments aufweisen. Für Döpfner ist alles ein wenig zu glatt gelaufen, seine Metamorphose vom Musikkritiker zum Witwen-Vertrauten. Döpfners Erfolg basiert auf seiner Fähigkeit, schnell – sehr schnell – über dünnes Eis laufen zu können, von einem potenziellen Desaster zum nächsten eilend.

Diekmann sieht sich selbst als Handarbeiter: «Ich muss jeden Tag da sein, weil ich anders als andereKollegen eben nicht nur hier sitze und nachdenke und nachmittags in die Runde werfe: 'Vergesst mir Südostasien nicht', sondern ich mache das Blatt von morgens bis abends. Ich führe jede Konferenz und habe jetzt gerade jede Seite gemacht, kann Ihnen also von jeder Seite sagen, was Seitenaufmacher ist.»

Hier geht's weiter zum zweiten Teil

 
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