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Krimi zum Fremdschämen

26. Mrz 2007 13:06
Was soll man nur von ihm halten? Christian Ulmen und Annika Kuhl
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Vielleicht nervt Christian Ulmen inzwischen. Das ist für die Fernsehserie «Dr. Psycho» aber kein schlechtes Zeichen, meint Christian Bartels.

Womöglich ist Christian Ulmen auf dem Weg, einer wie Harald Juhnke oder Götz George zu werden. Einer, der häufig ähnlichen Typen verkörpert und immer dann besonders gelobt wird, wenn er mal nicht direkt sich selbst spielt. Ulmen ist zwar recht jung (Jahrgang 1975), aber doch schon ein Fernsehveteran. Noch bevor er Mitte der 90er bei MTV aktiv war, hatte er den «Disney-Club» moderiert. Seine «Reality-Comedy» «Mein neuer Freund» wurde vor zwei Jahren nur dank vieler Unterstützer im Internet vollständig ausgestrahlt.

Jetzt zeigt Pro Sieben die neue Ulmen-Serie «Dr. Psycho». Da spielt er einen Polizeipsychologen und hat einen Hund, der lustigerweise «Freud» heißt. Ulmens Hunde-Szene aus «Herr Lehmann» haben auch viele vor Augen, die diesen Film gar nicht gesehen haben. Nun wendet sich die Meinung. Ulmen nervt, heißt es im Internet. Sogar in einen Topf mit dem Volkswagen der Fernsehunterhaltung, Hape Kerkeling, wird er geworfen.

«Blow Job Betty»

Tatsächlich sind Ulmens Manierismen bereits bekannt wie die eines George: das (gut gespielte) immer etwas indignierte Lauern darauf, dass ihn sein Gegenüber unterschätzt, das anschließende (gut gespielte) impulsive Gestikulieren. Das sieht man etwa, wenn in Folge 2 die Episodentitel-Heldin «Blow Job Betty» ihrem Namen gerecht wird. Spielen muss das, schon das, schon aus Jugendschutzgründen, natürlich Ulmen. Auch wenn er es versteht, dieses Repertoire zu variieren: Die Kritiker haben nicht unrecht.

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Doch Unrecht tut die Kritik der Serie des Autors Ralf Husmann, der mit «Stromberg» und der Anke-Engelke-Sitcom «Anke» einige der besseren deutschen Serien geschrieben hat, und des Regisseurs Ralf Huettner («Die Musterknaben»). Das hier auf den ersten Blick alles an Bekanntes erinnert, ist Konzept. Das Polizeirevier, auf das Psychologe Max Munzl versetzt wird, entspricht Strombergs Büro.

Die Beamten sind so sympathisch und kollegial wie die Mannschaft der Versicherungsgesellschaft dort, also nicht sehr. Dafür sind sie härter. Und der Neue wird zunächst nicht willkomen geheißen. Das ist das klassische Muster jeder Krimiserie. Jeder neue «Tatort»-Kommissar muss sich immer erstmal mit den Alteingesessenen zusammenraufen, um anschließend umso befreundeter zu ermitteln.

Ein gemeinsamer Hund

Im Verlauf und selbst am Ende der nicht übermäßig tollen «Dr. Psycho»-Auftaktfolge «Osama» (Oktay Özdemir aus «Wut» spielt einen Geiselnehmer) ist das anders: Die Leute zanken sich weiter. Das Unversöhnte gehört ebenso zum Konzept wie die Rollenbilder: Ulmen bleibt Ulmen, so wie die Co-Stars spielen, was sie oft spielen: Anneke Kim Sarnau die taffe Ungeschminkte, als die sie schon zwei Grimme-Preise gewann, Hinnerk Schönemann den gefährlich Jähzornigen, den er auch in Christian Petzolds «Yella» mimt, Roeland Wiesnekker den zugedröhnten Kollegen, der immer dann sympathisch ist, wenn die Dröhnungsdosierung stimmt. Das war er schon in «Blackout», im Schweizer Film «Strähl» und anderswo.

Während sich die Krimihandlungen mutig oder mutwillig an der Grenze zur politischen oder sexuellen Korrektheit bewegen, schwankt die fortlaufenden Serienhandlung zwischen den Genres. Mal zeigt sie Sarkasmus auf «Stromberg»-Höhe, mal ist es etwas spannend, mal rücken Beziehungsgeschichten in den Vordergrund. Munzl hängt noch an seiner getrennt lebenden Ex, mit der er nämlich den gemeinsamen Hund hat.

In dieser Melange weiß man nie, ob etwas spektakulär raffiniert oder lediglich doof ist, und auch nicht, was man von Dr. Munzl halten soll. Mitunter spielt Ulmen seinen «Dr. Psycho» so lustig peinlich oder authentisch nervig wie er als «Mein neuer Freund» war. In den besten Szenen erzeugt die Serie das aus sogenannten Reality-Formaten und vor allem «Stromberg» bekannte Moment des Fremdschämens. Im dicht besetzten deutschen Krimiserienkosmos ist das eine echte Innovation. «Dr. Psycho» ist keine Wohlfühlserie, aber eine zum unterhaltsamen Drüberstreiten.

Erste Folge heute abend 21.20 Uhr, auf Pro Sieben

 
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