Blogger-Journalisten (IV): Die strenge Aufklärerin
15. Mrz 2007 09:28
 |  Bloggen, nachdenklich: Caroline Fetscher
| Foto: Archiv |
|
Online first heißt es für immer mehr Journalisten.
Sabine Pamperrien porträtiert vier Meinungsmacher, die sich im Internet neu erfunden haben. Heute: Caroline Fetscher
Justworld - gerechte Welt. So heißt das Blog von Caroline Fetscher, der langjährigen Chefredakteurin des Greenpeace Magazins, beim Berliner «Tagesspiegel». Mit ihren «Anmerkungen und Quellen zu Menschenrechten und Kultur und zur Verbreitung von Demokratie in der globalen Sphäre» scheint sie dem 80er Jahre-Aktivistentum nicht fern. Fetscher war allerdings nie ein Sponti, eher schon sehr früh sehr reif. In ihrem Moralismus ist sie ungebrochen.
Nichts Privates
Die 1958 geborene studierte Literaturwissenschaftlerin und Psychologin ist ganz und gar unprätentiös, wirkt auf dem einzig verfügbaren offiziellen Foto fast schüchtern. Ihr Weblog ist kein subjektives Kompendium spontaner Eingebungen und auch nicht auf die Interaktion mit den Lesern ausgerichtet. Die Absolventin der Grunder + Jahr-Journalistenschule und ehemalige Autorin von «Spiegel», «Süddeutscher Zeitung» und «taz» bleibt immer Journalistin. Sie gewährt keinerlei Einblicke in ihr Privatleben. Das Weblog tritt nicht wirklich attraktiv auf. Das ernste Programm lässt sperrige Texte erwarten. Als weitere Hürde entpuppt sich die Zweisprachigkeit. Manche Einträge verfasst Fetscher auf Englisch, viele englische Originaltexte übernimmt sie unübersetzt. Gelegentlich legt sie akribischen Wert darauf, ihre Themen von allen Seiten zu betrachten, bevor sie nach eingehender Abwägung zu einem eigenen Urteile gelangt. Darin ist sie so gut, dass beispielsweise ihr Eintrag über den Antiamerikanismus von zahlreichen Kollegen als wegweisend zitiert wird.
Zwar schreibt sie auch über vergleichsweise «weiche» Themen wie Genderfragen und Kultur, ist aber ansonsten in immer noch männlich dominierten Gefilden des Journalismus zuhause: Menschenrechte, Ex-Jugoslawien, Haager Gerichtshof, Transatlantisches Bündnis. Ende der 90er Jahre berichtete sie als Reporterin direkt vom Balkan. Über den ersten Prozess vor dem Haager Internationalen Strafgerichtshof gab sie eine viel beachtete Dokumentation heraus.
Unerwarteter Witz
Der Ende Februar ergangene Freispruch Serbiens vom Völkermord wurde von ihr im Tagesspiegel mit einem bitteren Kommentar bedacht. In ihrem Weblog legt sie die entsprechenden Passagen des Urteils vor. Völkermord ohne Täter? Die Sprachlosigkeit darüber ist fast schmerzhaft spürbar - und auch, dass es Fetscher wirklich um Gerechtigkeit geht.Entgegen der ersten Erwartung kann sie richtig lustig sein. Ihre Version des pathologischen Briefs des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad an Angela Merkel ist zum Schieflachen. «Hello there!» Das Verblüffendste daran ist, dass der englischsprachige Beitrag nicht nur weitaus mehr Resonanz erzielte als andere kluge Texte, sondern dass einigen Kommentatoren in ihrem Zorn entging, dass es sich nicht um das Originalschreiben handelte. «Hand over to Habiba a ton or so of Uranium as a farewell present to take back home. She's a nice girl and very fond of this. She will keep it in her shelf to enjoy the glow at night.» Der Übermut erfasst perfekt den intellektuellen Gestus des Originalschreibens.
Ein anderes Feld ihrer Bloggeraktivitäten ist das Medienverhalten der Deutschen. Ins Visier nimmt sie dabei nicht nur die Konsumenten, sondern auch die eigene Zunft. Im «Fall Kampusch» analysierte sie die Wechselwirkung zwischen der Sensationsgier des Publikums, dem Quotendruck der Medienschaffenden und der Profilierungssucht einiger «Experten» – schlecht sehen dabei alle aus. In der Zusammenschau ergibt sich ein beinahe trostloses Bild einer voyeuristischen Gesellschaft.
Ins Reine geschrieben
Auch andere große Themen hat sie bis in feinste Verästelungen der Argumentation der Protagonisten hinein beobachtet, eingeordnet und gedeutet. Bloggen erscheint bei ihr anders als bei manchen ihrer Kollegen weniger als eine Befreiung von den Zwängen der Profession, mehr als eine Vertiefung des journalistischen Tagewerks.Wenn man in Fetschers Weblog liest, fragt man sich plötzlich, warum eigentlich Helmut Schmidt nicht bloggt. Oder wenigstens Heribert Prantl. Wo sind all die anderen politischen Journalisten, deren Meinungsstärke aus tieferer Einsicht in das große Ganze erwächst – und weniger aus dem Affekt? Warum macht sich da keiner die Mühe, über das Alltagsgeschäft hinaus einmal aufzufächern, aus welchen Ressourcen er schöpft?
Der hohe Seriositätsanspruch kann allerdings nur mit großem Aufwand gehalten werden. Caroline Fetscher schreibt immer ins Reine. Nach einem intensiven Anfang bloggt sie nur noch sporadisch. Das ist schade, weil sie wie kein anderer der bloggenden Meinungsmacher auch online im klassischen Sinn politische Aufklärung betreibt.
Damit endet unsere kleine Serie.