Blogger-Journalisten (IV): Die strenge Aufklärerin
15.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Das Weblog tritt nicht wirklich attraktiv auf. Das ernste Programm lässt sperrige Texte erwarten. Als weitere Hürde entpuppt sich die Zweisprachigkeit. Manche Einträge verfasst Fetscher auf Englisch, viele englische Originaltexte übernimmt sie unübersetzt. Gelegentlich legt sie akribischen Wert darauf, ihre Themen von allen Seiten zu betrachten, bevor sie nach eingehender Abwägung zu einem eigenen Urteile gelangt. Darin ist sie so gut, dass beispielsweise ihr Eintrag über den Antiamerikanismus von zahlreichen Kollegen als wegweisend zitiert wird.
Entgegen der ersten Erwartung kann sie richtig lustig sein. Ihre Version des pathologischen Briefs des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad an Angela Merkel ist zum Schieflachen. «Hello there!» Das Verblüffendste daran ist, dass der englischsprachige Beitrag nicht nur weitaus mehr Resonanz erzielte als andere kluge Texte, sondern dass einigen Kommentatoren in ihrem Zorn entging, dass es sich nicht um das Originalschreiben handelte. «Hand over to Habiba a ton or so of Uranium as a farewell present to take back home. She's a nice girl and very fond of this. She will keep it in her shelf to enjoy the glow at night.» Der Übermut erfasst perfekt den intellektuellen Gestus des Originalschreibens.
Ein anderes Feld ihrer Bloggeraktivitäten ist das Medienverhalten der Deutschen. Ins Visier nimmt sie dabei nicht nur die Konsumenten, sondern auch die eigene Zunft. Im «Fall Kampusch» analysierte sie die Wechselwirkung zwischen der Sensationsgier des Publikums, dem Quotendruck der Medienschaffenden und der Profilierungssucht einiger «Experten» schlecht sehen dabei alle aus. In der Zusammenschau ergibt sich ein beinahe trostloses Bild einer voyeuristischen Gesellschaft.
Wenn man in Fetschers Weblog liest, fragt man sich plötzlich, warum eigentlich Helmut Schmidt nicht bloggt. Oder wenigstens Heribert Prantl. Wo sind all die anderen politischen Journalisten, deren Meinungsstärke aus tieferer Einsicht in das große Ganze erwächst und weniger aus dem Affekt? Warum macht sich da keiner die Mühe, über das Alltagsgeschäft hinaus einmal aufzufächern, aus welchen Ressourcen er schöpft?
Der hohe Seriositätsanspruch kann allerdings nur mit großem Aufwand gehalten werden. Caroline Fetscher schreibt immer ins Reine. Nach einem intensiven Anfang bloggt sie nur noch sporadisch. Das ist schade, weil sie wie kein anderer der bloggenden Meinungsmacher auch online im klassischen Sinn politische Aufklärung betreibt.
Damit endet unsere kleine Serie.

