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Blogger-Journalisten (II): Die Leuchte aus dem Osten
13. Mrz 2007 08:31, ergänzt 10:18
 |  Diedrich Diederichsen, ich komme! Mercedes Bunz | Foto: Archiv |
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Online First, heißt es für immer mehr Journalisten.
Sabine Pamperrien porträtiert vier Meinungsmacher, die sich im Internet neu erfunden haben. Heute: Mercedes Bunz.
Der Berliner «Tagesspiegel» machte vor kurzem eine Ausnahme. Die neue Chefredakteurin der Online-Ausgabe wurde mit einem Foto angekündigt. Das Foto ist ein Ausschnitt des Bildes von Mercedes Bunz, das auch ihr privates Weblog ziert. Was für ein Bild! Mit riesengroßen Augen und leuchtend hoher Stirn sieht die promovierte Kulturwissenschaftlerin aus, als habe ein japanischer Comiczeichner eine Figur aus dem berühmten Familienportrait von Kaiserin Maria Theresia inszeniert. Kleiner Körper. Großer Kopf. Ein Avatar?
Bloggen theoretisch
Erst 2005 hat die Internet-Pionierin mit dem Bloggen begonnen. Wer von der Mitbegründerin der Szene-Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte «De:bug» hier neueste technische Finessen erwartet, wird enttäuscht. Bunz bloggt ganz unauffällig im eher konventionellen Rahmen – fast, als sei's ein Bausatz vom Provider. Die gute Seite dabei ist: visuell bewegt sich der Leser auf vertrautem Terrain. Bunz ist die Theoretikerin unter den Bloggern. Sie verfasste ihre Disseration zum Thema «Geschichte des Internet». Bei «De:bug» war sie Spezialistin für die politischen und gesellschaftlichen Aspekte des Netzes, schrieb aber auch über elektronische Musik und natürlich über Kulturtheorie. Über den «Mutti-Backlash», der jetzt gerade wieder die Gemüter erhitzt, machte sie sich schon 2001 lustig, voller Sorge. Nach Beendigung der Promotion und Ablauf eines Post-doc-Stipendiums arbeitete Bunz freischaffend als Journalistin und Dozentin. In ihrem Lebenslauf bezeichnet sie diese Phase als prekär.
Von Juli 2005 bis Anfang diesen Jahres amtete sie dann als Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazins «Zitty», das im selben Verlag wie der «Tagesspiegel» erscheint. «Zitty» ist das etwas unkonventionellere der beiden großen Berliner Stadtmagazine. Nirgends kann man soviel über Subkultur und kulturelle Strömungen erfahren. Bunz erschrieb sich mit ihren gleichermaßen feinfühligen und meinungsfreudigen Betrachtungen, zum Beispiel über die eigene Welt «urbaner Penner», eine Fangemeinde.
«Welche Stellen meinst Du?»
Viele dieser Texte veröffentlichte sie auch im Internet. Ihr Weblog soll Graswurzel-Journalismus sein. Auf tagebuchartige Aufzeichnungen ihrer persönlichen Befindlichkeiten hat sie keine Lust. Anfangs veröffentlichte sie nur Magazin-Texte, später ging sie dann zu ungezwungeneren Formen über. Im Interview nannte sie das 2006 «öffentliches Brainstorming». Da wird schon mal gewarnt: «Achtung: es wird schwierig» und ein Rohentwurf für einer neue Kulturtechnik unter dem provisorischen Namen «Amalganisierung» vorgestellt. Das Bild für diesen Vorgang: die Discokugel.
Sowas ist toll und frisch. Nirgendwo ein Hauch von Aggression. Kein Funken Polemik. Pure Nachdenklichkeit. Ein Kommentator fragt ganz zärtlich, ob «Mrs. Bunz» betrunken war, als sie das schrieb. Man respektiert einander, Gedankengänge werden aufgegriffen, weitergesponnen... Sie solle doch noch mal bei Benjamin nachschlagen. «Welche Stellen meinst Du?» fragt sie nach. Ein wenig ist es eine Angelegenheit für Eingeweihte. Da wird nicht schnodderig glossiert und kommentiert, sondern richtig gearbeitet. Klar, ein wenig riecht es nach Wichtigtuerei, manches ist recht abgehoben. Aber es sind schon spannende Gedankenspiele, die da zu ganz unterschiedlichen Themen entwickelt werden.
Brainstorming in aller Öffentlichkeit
Noch gelingt es Bunz allerdings nicht, auch bei Mainstream-Themen das hohe Niveau ihrer Reflexion zu halten. Ihr Brainstorming zum Feminismus ist kaum zu unterscheiden von den ungezählten Stellungnahmen zum Feminismus, zu denen derzeit intelligente Frauen genötigt werden. Und zum Thema Irak-Krieg lässt sie sich von einem Artikel Gustav Seibts beeindrucken, der eigentlich eher zeigt, dass weder sie noch Seibt sich vor dem Krieg näher mit den Warnungen von Kennern der Region befasst haben. Der Hinweis auf den Text als «lesenswert» liest sich dann fast, als wolle sie sagen 'Hallo, in der Liga spiele ich jetzt'. Ihre Leser nehmen Allgemeinplätze auch sofort übel und kommentieren entsprechend.
Schön wäre, wenn die spannenden theoretischen Diskurse noch verständlicher abgefasst würden. Immerhin sind sie leuchtende Beispiele dafür, dass Kultur auch ganz anders diskutiert werden kann, als die eindimensionale Werte-Debatte derzeit erfolgreich suggeriert. Vor Jahren schrieb sie über den kulturellen Impact von Computerspielen. Jetzt erst wird einer weiteren Öffentlichkeit bewusst, wie politisch solche Fragestellungen sind.
Hoffentlich betreibt Bunz das «öffentliche Brainstorming» weiter und nimmt die eine oder andere entwickelte These mit in ihren neuen Job. Die eingeborene Ossi hat durchaus das Zeug, den hoch politischen Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen zu beerben.
Hier gehts zum dritten Teil der Serie