13.02.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Die Chefredakteurin von "emotion" Bettina Wündrich
Foto: Gruner+Jahr
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Deutschen sind laut einer neuen Studie glücklich. Aber auf die falsche Art, meint Trendforscher Matthias Horx. Zum Glück gibt es Service-Angebote eines Großverlags.
Von Christian Bartels«Kennen Sie das Magazin? Nie gehört», sagte ein alter Hase in der Bundespressekonferenz am Montagmittag. Da hatte «emotion», die in München gemachte Zeitschrift des Hamburger Verlags Gruner+Jahr, gerade in Berlin die «Glücksstudie 2007 - Was Deutschland glücklich macht» präsentiert. Die vom Allensbacher Institut für Demoskopie erstellte Studie ist nicht besonders spektakulär, doch das Glück zieht immer. Es hatte offenbar auch den alten Journalisten-Hasen angelockt.
Das «Prekariat des Glücks»«Das Glück ist ein Chamäleon», umschrieb Renate Köcher vom Allensbacher Institut das Wesen ihres Untersuchungsgegenstands. Sie hatte 1731 repräsentativen Personen zwischen 16 und 69 Jahren befragt. «Die Deutschen sind das Prekariat des Glücks», warf provokant Matthias Horx in den Raum. Der Trend- und Zukunftsforscher bezieht sein Renommee unter anderem daher, den Trend zum Cocooning entdeckt zu haben. Heute hält er das Glück der Deutschen für ein «Cocooning-Glück», ein passives bis autistisches. Immer sei es mit dem Selbstvorwurf des Ausklinkens aus der als apokalyptisch empfundenen Welt verbunden.
Dabei glaubten «80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung», dass die Zukunft besser werde, nur in Deutschland verhalte es sich umgekehrt. In Zukunft, so Horx, der mit trendverdächtigen Schlagworten nicht geizt, komme es darauf an, «die Welt zu entkatastophieren». Was dabei hülfe: «Selfness». Der Begriff für ein positives Individualitätsempfinden, den ebenfalls Horx entdeckte, hat Horx zufolge bereits Furore gemacht.
Frauen sind glücklicherEigentlich klingt die Studie ja positiv: «84 Prozent der Deutschen berichten, oft glückliche Momente zu haben», freut sich «emotion»-Chefredakteurin Bettina Wündrich. Was sie glücklich macht, sind der Urlaub ebensoviel wie das Verliebtsein (jeweils 73 %). Sex folgt erst hinter dem Erlebnis «Wenn mir etwas Schwieriges gelingt», immerhin aber vor «wenn es bei der Arbeit gut läuft». Und auch wenn «Frauen, jüngere Menschen und Personen aus höheren Bildungsschichten» sich selbst überdurchschnittlich glücklich nennen, könne man doch nicht sagen, dass Frauen glücklich und Männer unglücklich sind.
Bleibt die Frage nach dem Antrieb des «Magazins für Persönlichkeit, Partnerschaft und Psychologie», das sich wundersamerweise ausschließlich an Leserinnen richtet. Dabei enthält es lange und auch lesenwerte Textstrecken, die sich freilich zusehends den Platz mit Seiten teilen, auf denen Leserinnen geraten wird, etwa «Lebensenergie mit fruchtigen Noten zu versprühen ('Eau d'Energie' von Biotherm, um 36 Euro)».
«Mehr besseres Wetter!»Nun hilft «Emotion» dem Glück mit drei weiteren Aktionen auf die Sprünge: Im Herbst sollen «Glückssalons» durch Deutschland touren und im eher kleinen Kreis mit Matthias Horx über das Glück diskutieren. Für eine Fotoausstellung «Glücksmomente» sind Leserreporterinnen gefragt, und eine Glücks-Charta hat just im Internet aufgemacht. Diese Aktion, in deren Glücks-Charts am Montag «Mehr Anerkennung für Ehrenämter» deutlich vor «Werder soll Meister werden!» und «Mehr besseres Wetter!» rangierte, ist eine gemeinsame Aktion mit «P.M., das Wissensmagazin», das ebenfalls bei Gruner+Jahr erscheint.
Tatsächlich geht in einem schwächelnden Markt der Zeitschriften ein starker Trend zum Glück. Die «maxi» aus dem Heinrich-Bauer-Verlag meint «Essen macht glücklich», «Stern Gesund leben» wirbt mit der Titelstory «Diagnose Burnout - wenn Erschöpfung krank macht». Der Verlag Gruner+Jahr, dessen jüngere Projekte nicht direkt vom Glück verfolgt wurden («Park Avenue», «Dogs») setzt beim offiziell ausgerufenen Motto «Expand your brand!» voll aufs Glück.
So können «emotion»-Leserinnen etwa im April in Kitzbühel an einem von Michael Merks durchgeführten Coaching «zu den Themen Lebenserfolg und Lebenserfüllung» teilnehmen und dabei «einen persönlichen Life-Masterplan» entwickeln, oder aber am Scharmützelsee mit Psychologin Dr. Karin von Schumann ihr «individuelles Veränderungsprojekt» entwerfen und konkret planen.
Guter Rat für 50 CentWas das kostet, steht nicht in «emotion», man wird dann postalisch informiert. Bloß dass es für Abonnentinnen zehn Prozent preiswerter ist, steht drin. Für den schmaleren Geldbeutel bietet «emotion» telefonische Beratung für 1,99 Euro pro Minute an. Und «wertvolle Denkanstöße» liefert der «SMS-Guide».
«Achten Sie heute auf alle (!) positiven Erlebnisse und Begegnungen»: Dieser gute Rat ist knapp 0,50 Euro teuer und entstammt dem Paket «Mehr Lebensenergie und Selbstmotivation», das «emotion» für 4,99 Euro anbietet. Versandkosten exclusive, die Vertiefung der maximal 160 Zeichen umfassenden Botschaften im Internet indes ist im Preis inbegriffen. - In Medienhäusern ist das Glück ganz einfach auch ein Geschäftsmodell für digitale line extension und brand expansion.