Vanity Fair ist da: Til Schweiger erlöst Deutschland
07.02.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung.de: Das Wichtigste an einem neuen Magazin ist der Titel. Seid Ihr überrascht vom Titel?
Zora del Buono: Ja, er ist schwarz.
Sophie Albers: Nein, das ist Werbung und verdeckt nur den eigentlichen Titel, nämlich Til Schweiger.
Z.B.: (klappt die Titelseite um) Oh Gott! Schweiger mit Ziege.
Oliver Gehrs: Wahnsinn - wie in den 90ern. «Deutschlands größter Kinoheld. Intim».
Z.B.: Intim, damit ist wohl die Ziege gemeint?
O.G.: Also geht es um Sodomie.
Z.B.: Stimmt die Ziege ist sehr, sehr jung.
Gerd Brendel: Nein, das ist keine Ziege, sondern ein Lamm. Das muss man anders deuten, Til Schweiger, Deutschlands Erlöser. Das ist super.
NZ: Würdet Ihr es wegen des Titels kaufen?
G.B.: Klar, kostet ja nur einen Euro.
NZ: Das ist billiger als die Bravo, die kostet 1 Euro 30.
O.G.: Ein Kampfpreis wie bei einem TV-Magazin! Eigentlich sollte es ja mehr kosten, weil Vanity Fair großartigen Journalismus verheißt.
NZ: Der Fairness halber hätte man schon Einführungspreis dazu schreiben können. In den nächsten Monaten soll es ja teurer werden. Wie gefällt euch die Top-Story auf dem Titel?
S.A.: Also ich sehe ganz oben: «Extrem. Michel Friedman bei der NPD». Also ist Friedman der neue Starreporter der Vanity Fair.
O.G.: Das muss so eine Wallraff-Nummer sein. Friedman undercover bei der NPD.
Z.B.: Ich habe gehört, die waren zusammen auf der Grünen Woche.
NZ: Waren seine fünf Personenschützer auch verkleidet?
O.G.: Nein, die sehen ja schon aus wie von der NPD.
Zu Gast bei der NPD
NZ: Weiter. «Genial: Robert de Niro zürnt. Besuch beim stillen Helden Hollywoods» ist der nächste Appetitmacher.
O.G.: Das ist ein bisschen kryptisch. Was ist daran genial, wenn de Niro sauer ist auf Hollywood?
S.A.: Genial meint: «genial, dass wir es haben»!
O.G.: Ja, stimmt.
NZ: Auffällig ist: keine einzige Frau hat es auf den Titel geschafft, dabei sind Frauen doch gerade die umworbenste Zielgruppe der Medien.
Z.B.: Mit dem Starreporter Friedman macht man Frauen sicher keine Freude.
O.G.: Ich finde die Titelseite insgesamt enttäuschend. Ich dachte, die rocken, die machen einen zum Star, die wagen etwas.
Z.B.: Wieso, Ziegensodomie ist doch gewagt?
S.A.: Für mich ist die einzige Info des Titels, dass Til Schweiger sich noch immer die Brust epiliert.
G.B.: Dabei ist das total out. Brusthaar ist bei uns Schwulen total angesagt. Und wir sind die Trendsetter.
Z.B.: Aber der Body sieht schon gut aus.
G.B.: (blättert) Wie sind die anderen Schweiger-Fotos? (hält inne bei Seite 72, wo Schweiger einen Gartenschlauch penisartig zwischen seinen Schenkeln festklemmt) Huii! Das sieht ja aus, als würde er pinkeln. Ein Golden-Shower-Bild! Genial!
O.G.: Aber wo ist jetzt das neue Deutschland? Vielleicht hier: Britta Steffen. Die Schwimmerin, auf die wir seit Franzi von Almsick warten.
NZ: Wow! Die kleine Doppelfalte auf der linken Arschbacke unter dem goldenen Schwimmanzug ist schon sehr heiß.
G.B.: Ich hätte das wegretouchiert.
NZ: Nein, das ist sehr sexy.
O.G.: Was fragt man die nur? Gute Lösung: «Frau Steffen, Sind Van Almsick-Fragen gestattet?» Antwort: «Waren immer gestattet.»
S.A.: Prima.
Die neue Franzi
G.B.: (blättert ungeduldig weiter) Was kommt dann? Service: «So überleben Sie die Berlinale».
NZ: Geht doch eh keiner hin von den Lesern.
G.B.: Aber für Vanity Fair ist das schon ein Thema. Ich kenne sie nur wegen der Oscar-Partys. Dadurch sind sie in Amerika richtig groß geworden. Gibt es eigentlich auch eine Vanity-Fair-Berlinale-Party?
Alle: Bestimmt. Garantiert.
G.B.: Aber Ihr wisst nichts drüber?
NZ: Wenn es sie gäbe, müsste hier eigentlich etwas darüber stehen. Da steht aber nichts.
S.A.: (hat sich zwischen vorgearbeitet auf Seite 148.: Hier, das gefällt mir richtig gut. Eine Karte über die Liebschaften der französischen Politiker. Liaisons Dangereuses.
Alle: Das ist cool!
O.G.: Da zeigt sich, wie toll es wäre, wenn eine Zeitschrift so über deutsche Verhältnisse schreiben könnte.
NZ: Ja, zum Beispiel würden wir gerne wissen, wie es der Geliebten von Horst Seehofer gerade geht.
Z.B.: (blättert um auf Seite 150) Schön, schon wieder Tiere. Sind die Rehe gemalt oder echt? Und soll die Überschrift »Tempo 200 dem Wald zuliebe« ironisch sein?
NZ: Das erfordert mitdenken vom Leser. Nicht Verlangsamung, sondern Beschleunigung rettet die Umwelt. Tempo ist hier reine Metapher, wir müssen uns mehr beeilen bei der Rettung der Umwelt.
Z.B.: Das versteht doch kein Mensch.
NZ: Du vielleicht nicht, aber die Leistungselite schon.
O.G.: Hier auf Seite 170, endlich die Friedman-Geschichte. Bei der NPD.
NZ: Wie kommt der nur dazu sowas zu machen?
O.G.: Gnadenloser Ehrgeiz.
G.B.: Also, ich fand den Friedman immer gut in seinen Talkshows, der ist schon geistreich und schnell.
NZ: Aber hat er den Text auch selbst geschrieben?
O.G.: Ja doch, der war wirklich da und hat denen auf den Zahn gefühlt.
Z.B.: Dass er mit diesen Leuten, mit denen sonst keiner was zu tun haben will, über die Grüne Woche spaziert, ist schon grausam.
G.B.: Ok, aber das muss man mal in Ruhe lesen.
O.G.: Kommt, weiterblättern! Hier: «Der Mann hinter dem Bart». Da geht es um den Anwalt von Kurnaz. Gute Überschrift, gute Geschichte. Muss man lesen. Und auch die Obama-Story.
NZ: Fassen wir zusammen, ab Seite 178 kommen die richtig guten Geschichten: Kurnaz' Anwalt, Obama und Zennström, der jetzt das Internet-Fernsehen revolutionieren will.
Baselitz in Adidas
Z.B.: Lasst uns mal über das Layout sprechen. Das sieht schon sehr nach Frauenzeitschrift aus, das ist schon ein bisschen Brigitte.
O.G.: Stimmt, aber die Typo ist mehr Amica oder Allegra. Ah, endlich Kultur! Was macht die Schweizer Flagge dort, bei Alexander Kluge?
S.A.: Er macht Urlaub im Engadin vom Geldverdienen.
NZ: Noch ein altersloser deutscher Held. Baselitz der Maler. Gibt es denn etwas Neues bei Baselitz?
G.B.: Er lebt noch! Und der Unterschied zu dem anderen Großmaler ist, er scheint auch Koks zu nehmen, wenn man die Aufnahmen mit der Adidas-Jacke sieht. Aber man hat ihn noch nicht erwischt.
Z.B.: Wo bleibt eigentlich die geniale de Niro-Story?
O.G.: Hier Seite 244. De Niro kommt zur Berlinale. Er mag Berlin, aber er mag keine Fragen.
NZ: Was kriegt man denn, wenn man Vanity Fair abonniert?
S.A.: Einen Füllfederhalter.
G.B.: Was für eine Marke? Das ist wichtig wegen der Patronen.
O.G.: No name.
G.B.: Bei der Goldenen Kamera gab's auch Füller für jeden. Von Waterman. Aber Waterman-Patronen kriegt man echt scheiße schwer.
NZ: Letzte Frage: Mit wem rechnet ihr in der nächsten Ausgabe auf dem Titel?
O.G: Ich wette eine Flasche Champagner auf Heike Makatsch.
Alle: Aber nur mit Baby.

