netzeitung.de«Natascha zur Nachrichtenware degradiert»

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Auf die Flucht des Entführungsopfers Natascha Kampusch folgt ein enormes Medieninteresse - vor allem am ersten Interview der jungen Frau. Dessen Vermarktung sehen deutsche Leitartikler überwiegend kritisch.

Der erste öffentliche Auftritt des Entführungsopfers Natascha Kampusch wird von den deutschen Zeitungen mit einer umfangreichen Berichterstattung gewürdigt. Einige Blätter üben am Donnerstag aber auch Kritik an dem großen Medieninteresse und an der Vermarktung des Interviews.

Für die «Stuttgarter Nachrichten» ist es grundsätzlich «problematisch, wenn ein Sender und einige Printmedien unter dem Vorwand der Menschlichkeit bei einem Fall von größtem öffentlichem Interesse auf ihr bezahltes Monopol pochen».

Der «Südkurier» aus Konstanz meint: «(...) Das Wolfskind schlägt eine Gesellschaft, die nach Unerhörtem giert, mit den eigenen Waffen. Jede TV-Minute und jede Zeile lässt sie sich vergolden. Ihre Kindheit kann sie nicht zurück kaufen, aber ihre Zukunft polstern...»

Für die «Dresdner Neueste Nachrichten»: scheint es, «als hätte Natascha ein gutes Geschäft gemacht, als hätte sie die Medien voll im Griff». Dabei verspreche sie sich wohl auch, anschließend Abstand von den sie drängenden Reporterfragen gestattet zu bekommen. «Doch ob diese Rechnung aufgeht, ist zu bezweifeln.»

Die «Badischen Neuesten Nachrichten» aus Karlsruhe greifen Nataschas Medienberater an. Der «degradiert die Nachricht zu einer Ware, die auf dem freien Markt zu Höchstpreisen verhökert werden kann... Hoffentlich war der gestrige Auftritt (...) nicht nur die erste Folge einer Vermarktungsserie ihres Beraters.»

Die «Westfälischen Nachrichten» aus Münster meinen: «(...) Mit der erklecklichen Summe, die Natascha Kampusch für ihre Interviews erhält, kann sie sich ein neues Leben aufbauen. Eines braucht sie aber vor allem: endlich Normalität.»

Der «Schwarzwälder Bote» aus Oberndorf kommt zu dem Schluss, bei Fällen wie der von Natascha zeigt «die auf Information total abfahrende Medienwelt ihre hässlichste Fratze.(...) Manches, worauf Sensationsgeile gewartet haben, hat Natascha nicht gesagt. Weil es die Öffentlichkeit nichts angeht.»

Die «Ostsee-Zeitung» aus Rostock spekuliert: «Einen sechsstelligen Betrag soll RTL für die Möglichkeit bezahlt haben, Natascha Kampuschs erstes Fernsehinterview zur besten Werbezeit in deutsche Wohnzimmer zu beamen... Die ARD kam erst Stunden später zum Zuge, musste die Senderechte aber ebenfalls kaufen - mit dem Geld der Gebührenzahler... Wenn öffentlich-rechtliche Anstalten dabei (...) mitspielen, ist das fragwürdig.»

Der «Wiesbadener Kurier» meint: «(...) Der mediale Druck der letzten Tage zeigt auf beschämende Weise: Dem Täter konnte Natascha entkommen, der Öffentlichkeit nicht.» (nz/dpa)