Mr. «Tagesthemen» will's nicht «geruuuhsam»
Ein geruhsames Rentnerdasein strebt Wickert nicht an. Am 2. Dezember ist zwar sein 64. Geburtstag, aber er bleibt viel beschäftigt. Er wird eine Literatursendung «Wickerts Bücher» moderieren, die ein Mal im Monat in der ARD laufen soll. Der Wirbel um das Günter-Grass-Interview in der ersten Ausgabe hat sie auf einen Schlag bekannt gemacht. Zudem bot er an, für die ARD auf Reportagereisen zu gehen und Dokumentationen zu drehen.
Im April 2004 hatte er erstmals angekündigt, den Vertrag für die «Tagesthemen» nicht zu verlängern. Zu diesem Zeitpunkt war ihm erstmals auch als Krimi-Autor («Der Richter aus Paris») ein Bestseller gelungen. Das Schreiben mache ihm großen Spaß, sagt Wickert. «Ich habe früh angefangen zu schreiben, weil das bei uns zu Hause einfach gemacht wurde», erklärte er in der Talk-Sendung «Beckmann». Er habe sich sehr an seinem Vater, dem früheren Diplomaten und Autor Erwin Wickert orientiert. Auch Ulrich Wickert wollte, als er anfing, Jura zu studieren, Diplomat werden.
Er sei ins Studentenparlament gegangen. «Meine humanistische Erziehung hat dann aber dazu geführt, dass ich während des Studiums kein Kommunist wurde.» Von 1969 an arbeitete er beim zeitkritischen Magazin «Monito. Zwischen 1977 und 1991 war er für die ARD in den USA und in Paris, jeweils zunächst als Korrespondent und danach als Studioleiter. Am 1. Juli 1991 trat er die Nachfolge von Hanns Joachim Friedrichs bei den «Tagesthemen» an und moderierte diese im Wechsel mit Sabine Christiansen, später Gabi Bauer und Anne Will.
Die Popularität als «Tagesthemen»-Moderator habe ihn «erst einmal erschlagen», sagte er im aktuellen «Spiegel»-Interview. Seine Art, schwierige Sachverhalte leicht verständlich darzustellen und mit Ironie und Humor zu arbeiten, kommt gut an - trotz gelegentlicher Schlagzeilen wie «Ulrich Wickert stottert sich durch die Tagesthemen».
Große Resonanz bekam er auf seine letzten Worte vor dem Wetter. «Am liebsten sind mir Bonmots, die ein Lachen hervorrufen, das einem dann fast im Halse stecken bleibt, weil dabei schlagartig Abgründiges zu Tage gefördert wird», erklärte er.
Viele negative Reaktionen erntete Wickert nach dem 11. September 2001, als er im Zusammenhang mit der Kritik der indischen Autorin Arundhati Roy an George W. Bush, dem US-Präsidenten die gleichen Denkstrukturen wie einem Mörder und Terroristen unterstellt hatte. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sagte damals, damit sei Wickert «absolut nicht mehr tragbar als Nachrichtenmoderator im öffentlich-rechtlichen Fernsehen».
Wickert entschuldigte sich für «missverständliche und misslungene» Äußerungen. Im aktuellen «Spiegel»-Interview sagt er, Merkel habe sich damit dafür gerächt, dass er ihr in einem Interview die Frage gestellt habe, warum die Schill-Partei in Hamburg 20 Prozent bekommen habe. Die ARD habe sich sofort hinter ihn gestellt.
Über Privates hat er öffentlich nicht viel bekannt gegeben. Er ist ein Freund der französischen Kultur, joggt drei Mal in der Woche, liebt die karibische Insel Martinique, die Musik von Bill Haley, Janis Joplin und den Beatles. Er sagte, er freue sich darauf, nach seinem Abschied mehr Zeit für sein Privatleben und seine Frau Julia Jäkel zu haben.(AP)

