netzeitung.deMediendiskussion um «Hisbollywood»

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Nach dem Anschlag auf Kana (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nach dem Anschlag auf Kana
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In dem libanesischen Ort Kana hielt ein Mann Kinderleichen in die Kameras von Fotografen. Blogger sprechen von Inszenierung, weil es Auffälligkeiten gab. Zeitungen diskutieren den Fall.

Dass der Konflikt im Libanon auch ein Krieg der Bilder ist, ist eine Binsenweisheit. Derzeit diskutieren Blogger den Grad der Instrumentalisierung von Motiven. Am Dienstag wurde ein freier Mitarbeiter der Reuters-Bildagentur als Fälscher entlarvt. Und es verdichten sich Hinweise darauf, dass auch zahlreiche Aufnahmen des israelischen Angriffs auf das libanesische Dorf Kana zweifelhaft sein könnten. Jedoch aus anderem Grund, wie zahlreiche Medien berichten.

«Wurden Kinderleichen fast einen halben Tag lang immer wieder hervorgeholt, um Fotografen Bilder einer Bergung zu ermöglichen, die längst beendet war?», fragt die «Welt» und weist darauf hin, dass «immer wieder verschiedene Fotoagenturen und verschiedene Fotografen dieselben Kinderleichen» zeigten.

Quelle dieser Einschätzungen ist das Weblog «eureferendum.blogspot.com», in dem der britische Blogger und Exsoldat Richard North über den Kana-Angriff schreibt.

Die «Zeit» bringt den Begriff «Hisbollywood» ins Spiel: «Renommierte Nachrichtenagenturen müssen sich dieser Tage vorwerfen lassen, Teil der Propagandamaschine der Islamisten zu sein», so die Wochenzeitung.

In der «Bild» lautete die Überschrift vor einigen Tagen gar «Wie die Terroristen der Hisbollah mit toten Kindern Propaganda machen». Zwei Bilder druckte das Blatt ab, auf denen angeblich beide Male der selbe Mann zu sehen war – einmal im Jahr 1996 nach einem Angriff auf Kana, einmal im Jahr 2006 an selbem Ort. Jedes Mal hatte der Mann ein totes Baby im Arm. Im «Stern» war das aktuelle Foto groß abgedruckt, als es darum ging, die Titelgeschichte zu Israels «Aggressivität» zu bebildern.

Der «Standard» kommentiert, es kämen «Zweifel auf», dass der Mann tatsächlich nur ein trauernder Libanese gewesen sei. «Die Szene wurde nämlich von mehreren Fotografen, die für verschiedene Agenturen zur Stelle waren, festgehalten. Einmal hier und einmal da, dann um 90 Grad gedreht, dann auf der Straße - und immer wieder richtet sich derselbe Mann zur Kamera hin aus», heißt es im «Standard». «Wahrhaftig, er posiert mit einer kleinen Leiche.»

Sanitäter oder Offizier?
Blogger vermuten, dass der als Sanitäter mit Warnweste aufgenommene Mann tatsächlich ein Hisbollah-Offizier sei. Dies sei bisher nur eine Vermutung, so der «Standard», «aber der rasche, massenhafte und kontinuierliche Informationsaustausch im Internet kann nicht nur dem kollektiven Wahn von Verschwörungstheorien, sondern auch der kollektiven Intelligenz einer auf Aufklärung bedachten Blogosphäre dienen».

Die «Zeit» warnt jedoch, dieser Art «Aufklärung» nicht allzu schnell und überhastet als Expertenmeinung zu übernehmen. Zwar sei richtig, dass es schwer sei, als Fotograf im Libanon an uninszenierte oder der Hisbollah unangenehme Aufnahmen zu kommen. «Aber sind deshalb Trauer und Wut ausgebombter Libanesen nur Islamo-Show, wie nun in Zeitungen und von israelischen Politikern suggeriert wird?» Der Gegencheck sei unerlässlich. Auch wenn das in Zeiten des eskalierenden Nahost-Konflikts nicht einfach ist. (nz)