06. Apr 2006 15:27
Ein neues österreichisches Zeitungsprojekt will die Medienlandschaft verändern: Reporter sollen das «Live-Erlebnis» ins Internet bringen, nicht jedoch mit des Kanzlers Schnupfen nerven, wie Online-Chefredakteur Nusser der Netzeitung sagte.
In Österreich kommt im September eine Tageszeitung auf den Markt, die etablierten Blättern Konkurrenz machen will. Während sich das von den Brüdern Wolfgang und Helmuth Fellner entwickelten Zeitungsprojekt - Arbeitstitel «Österreich» - im Printbereich mit Platz zwei hinter dem Boulevardblatt «Kronen Zeitung» begnügt, peilen die Macher der elektronischen Ausgabe längerfristig die Marktführerschaft an.Im Interview mit der Netzeitung sagt «Österreich»-Online-Chefredakteur Christian Nusser, wie er die Portale von «Standard», «Kurier» und «Krone» abhängen will und warum er dem ORF bis auf weiteres demütig Respekt zollt.
Netzeitung: Ihre Webadresse oe24.at klingt recht ambitioniert. Heißt das, Sie publizieren Nachrichten rund um die Uhr?
Christian Nusser: Ja. Wir verfügen ab Sommer über einen 24-Stunden Newsroom für Print und Online, in dem rund um die Uhr Nachrichten für Tageszeitung, Internet und Handy produziert werden. Wir werden aber niemanden um 4 Uhr früh mit einem SMS-Alert «Kanzler Schüssel hat Schnupfen» nerven. Netzeitung: Oe steht für Österreich. Sehen Sie sich vor allem als «Landesdienst» oder müssen sich auch Nachrichtenportale in Deutschland auf verschärfte Konkurrenz einstellen?
Nusser: Unser Nachrichten-Angebot richtet sich naturgemäß primär an Österreicherinnen und Österreicher. Wenn uns deutsche User gut finden: klasse. Deutsche Journalisten tun das schon - ein paar arbeiten in meinem Team. Wo wir aber tatsächlich keine Länderbarrieren haben werden, ist unser Community-Bereich. Netzeitung: Das Zeitungsprojekt will nach der «Kronen Zeitung» das zweitgrößte Printmedium in Österreich werden. Mit welchem Portal misst sich die Internetausgabe? Reicht Ihnen Platz zwei hinter orf.at?
Nusser: Unsere Mitbewerber sind klar die Portale der anderen österreichischen Tageszeitungen, also etwa «Standard», «Kurier», «Kronen Zeitung». Mittelfristig müssen wir auf Augenhöhe; langfristig wollen wir in diesem Segment Nummer 1 werden. Der ORF spielt in einer anderen Liga, hat die mit Abstand größte Marketingmaschine des Landes hinter sich und ist – erkenne ich neidlos an – auch sehr gut gemacht. Wir gehen mit Demut und Bescheidenheit ans Werk.
Netzeitung: Welche Reichweite streben Sie an?
Nusser: Unser erstes Ziel ist es, die Million bei den Visits zu knacken, also mehr als eine Million Besuche pro Monat zu haben. Grundsätzlich gilt: Das wird kein Sprint, sondern ein Marathon. Das Internet-Publikum ist in seinem Surfverhalten in Wahrheit viel konservativer als gemeinhin angenommen. Es wird eine Zeit lang dauern, bis wir ins Medien-Bouquet der User aufgenommen sind.
Netzeitung: Es heißt, die Zeitung will vor allem Frauen ansprechen. Gilt das für Print und Online gleichermaßen oder übernehmen Sie im Internet den Gegenpart?
Nusser: Nein, auch das Internet-Angebot wird so gestaltet, dass sich explizit auch Frauen davon angesprochen fühlen sollen. Was nach außen gilt, leben wir schon innen: Die Hälfte meines Teams ist weiblich.
Netzeitung: Inwieweit unterscheidet sich Ihr Angebot von bereits etablierten Online-Medien wie zum Beispiel krone.at oder derstandard.at?
Nusser: Bitte um Verständnis, dass ich fünf Monate vor Start zurückhaltend sein muss. Was aber vermutlich am wichtigsten ist: Alle «Österreich»-Redakteure arbeiten bimedial, egal ob Sport, Politik, Wirtschaft, Chronik oder Auto. Einerlei ob Fußball-WM oder Bankraub in Wien-Favoriten – wir haben immer Reporter vor Ort. Dieses Live-Erlebnis ist im Internet neu und erlaubt eine hohe Taktfrequenz bei den Updates. Damit können wir echtes Newsroom-Feeling erzeugen. Wann immer der User, die Userin auf die Seite kommt – es gibt immer frische Nachrichten.
Netzeitung: An die 200 Journalisten sollen für das Zeitungsprojekt tätig sein. Wie viele davon werden sich um das Online-Angebot kümmern?
Nusser: Im Online-Team werden – inklusive Technik, Sales, etc. - zum Start circa 30 Leute arbeiten. Etwas mehr als die Hälfte davon ist Redaktion.
Netzeitung: Können die User den kompletten Inhalt der Tageszeitung im Internet lesen?
Nusser: Nein, wenn damit gemeint ist, dass per 'copy and paste' Inhalte der Zeitung online gestellt werden. Das wird Ausnahme nicht Regel sein. Internet-Nutzer und Print-Leser haben ein komplett unterschiedliches Medien-Verhalten, wollen in beiden Medien unterschiedliche Inhalte und unterschiedliche Zugänge. Dem muss entsprochen werden. Die Internet-Redaktion wird deshalb auch ihre eigenen Inhalte erzeugen.
Ja, wenn damit gemeint ist, dass es eine elektronische Ausgabe von «Österreich» geben wird.
Netzeitung: Zu welchem Preis?
Nusser: Das ist noch nicht zu Ende diskutiert. Vermutlich aber wird der Zugang für Abonnenten gratis, für alle anderen kostenpflichtig.
Netzeitung: Ab wann ist oe24.at zugänglich?
Nusser: Wir starten gleichzeitig mit der Print-Ausgabe, also am 18. September 2006.
Mit Christian Nusser sprach Solveig Grothe.