Journalisten berichten zu wenig von Korruption
Journalisten sollten mehr ihrem Instinkt vertrauen, wenn sie auf interessante Geschichten stießen, sagte die Kommunikationswissenschaftlerin Caja Thimm am Dienstag in Bonn bei der Vorstellung der Themen. Sie wurden von einer 13-köpfigen Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten ausgewählt.
Deutschland habe sich der UN-Konvention zur Bekämpfung der Korruption verweigert, und darüber sei zu wenig berichtet worden, meint die Initiative. Die Leser oder Zuschauer hätten sicher mit Interesse reagiert, sagte Thimm: «Sie hätten vielleicht auch ihre lokalen Politiker gefragt: Was macht ihr da eigentlich in Berlin?»
Die Einschätzung, dass die Stücke, die in Zeitungen gedruckt oder im Rundfunk gesendet werden, lediglich das Interesse der Öffentlichkeit widerspiegeln, ließ Thimm nicht gelten. Medien hätten unter anderem die Funktion, Themen auf die Agenda zu setzen. Das scheitere in Zeiten von Kostendruck und Personalknappheit unter anderem oft allerdings auch an den Arbeitsbedingungen.
In vielen Fällen werde der Öffentlichkeit auch zu wenig Interesse zugetraut: «Viele Hypothesen über Leser und das imaginierte Publikum sind falsch», sagte Thimm. Die meisten Vorschläge für die Liste vernachlässigter Themen würden aus der Bevölkerung eingereicht.
Weitere Themen der Top Ten:
der Einsatz von Wahlmaschinen der Firma Nedap, weil Belege fehlten
der Export von Pestiziden, die in Deutschland verboten sind
Lizenzgebühren für US-Saatgut, die auch im Irak gezahlt werden müssen
die «unkontrollierte» Überwachung der digitalen Kommunikation in Europa durch Polizei und Geheimdienste
Probleme mit der Verwertung von Verpackungen mit dem «Grünen Punkt»
die Endlichkeit fossiler Energieträger
ein angebliches Chaos bei digitalen Fahrtenschreibern für Lastwagen
deutsche Kredite für mutmaßlich umweltbelastende Projekte in Sibirien und
iranische Pläne für eine Ölbörse auf Euro-Basis
Nach Angaben der Dortmunder Dozentin Christina Kiesewetter wählte die Jury aus Medienwissenschaftlern und -praktikern ihre «Top Ten» aus 123 eingereichten Vorschlägen aus. Die überwiegende Mehrheit der in den Medien vermissten oder unterbewerteten Themen hätten einen Inlandsbezug. Für die Juroren seien Relevanz des Sachverhalts und der Nachrichtenwert des Themas entscheidend. Ausgewertet würden Zeitungen und Nachrichtenagenturen, unterstützend Suchmaschinen und Pressedatenbanken. Die Initiative erwägt, ihren Ansatz im kommenden Jahr auf das Fernsehen auszudehnen (nz)

