04. Jan 2006 07:59
Am Donnerstag moderiert Charlotte Roche zum ersten Mal das Kulturmagazin «Tracks». Die Netzeitung sprach mit ihr über Sendekonzepte, Dating-Shows und Penis-Verletzungen durch Staubsauger.
Am Donnerstag, 5. Januar, wird sie ab 23:55 Uhr zum ersten Mal das Kulturmagazin «Tracks» moderieren. Die Netzeitung traf Charlotte Roche zum Interview:Netzeitung: Was machen Sie am 5. Januar ungefähr um 24 Uhr?
Charlotte Roche: Dann läuft die erste Sendung?
Netzeitung: Ja.
Roche: Die sehe ich natürlich im Fernsehen.
Netzeitung: Zu Robbie Williams haben Sie mal gesagt, die eigene Musik hören ist wie sein eigenes Sperma trinken ...
Roche: Ich gebe jetzt offen zu, dass das eigenes Sperma trinken ist. Aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen, es macht einen Unterschied, wenn ein Senderlogo im Bild zu sehen ist. Ich weiß ja, was ich gesagt habe, ich weiß also, was kommt. Aber ich bin trotzdem immer wieder überrascht und denke: Tatsache, das läuft im Fernsehen, ich werd’ bekloppt.
Netzeitung: «Tracks» ist bisher ohne Moderation ausgekommen und braucht nun Charlotte Roche, weil ...
Roche: Weil ich jetzt Zeit habe – nein Quatsch. Es ist wohl so, dass die Macher der Sendung schon früher Interesse an mir hatten, ich aber fest eingebunden bei «Fast Forward» war. Andererseits dauert es eben manchmal länger, wir haben schon im Frühjahr einen Piloten gedreht und dann einige Monate auf die Zusage gewartet.
Netzeitung: Gibt es nun auch in der französischen «Tracks»-Variante eine Moderation? Roche: Gute Frage, ich steige da selber nicht richtig durch. Um zu erklären, wie kompliziert das ist: «Tracks» ist eine deutsch-französische Produktion, die Franzosen machen gut die Hälfte der Produktionen, die Deutschen die andere Hälfte. Und die deutschen Folgen teilen sich noch einmal auf in ARD- und ZDF-Produktionen.
Netzeitung: Es wird also weiterhin «Tracks»-Sendungen ohne Moderation geben und Charlotte-Roche-Versionen?
Roche: Genau so. Das ist natürlich unsauber und ein bisschen komisch, aber da kann man nichts dran machen, weil es das Konstrukt dieser Sendung ist. Die Folgen, in denen ich spreche, werden natürlich für die Franzosen synchronisiert.
Netzeitung: Wie bekommt man eigentlich Ihren speziellen Moderationsstil ins Französische. Geht da nicht einiges verloren?
Roche: Ich habe mir auch schon überlegt, dass da viel Quatsch passieren könnte. Aber ich kenne de facto nicht eine Person in Frankreich, die mir die Folgen aufnehmen könnte. Ich müsste jemanden finden, der nicht bei Arte arbeitet – weil die sind ja parteiisch – und der supergut französisch versteht. Dann würde ich diesen Menschen fragen, was die französische Charlotte jetzt gesagt hat.
Ich glaube schon, dass ich ein absolutes Problem darstelle für den Menschen, der mich übersetzen und sprechen muss. Es ist ja immer sehr absurd und komisch und gaga, wenn ich moderiere. Man könnte aus mir sogar eine ganz andere Person machen, einen Arte-Klon, der immer auf französisch sagt, wie toll Arte ist.
Netzeitung: Aber eigentlich arbeiten Sie für das ZDF. Warum geht bei dem Sender mit dem angeblich ältesten Publikum etwas, was bei Viva und MTV nicht mehr geht? Roche: So habe ich das noch nicht gesehen. Der Grund, warum es bei Viva beziehungsweise MTV nicht mehr ging, war deren Quotendruck. Das Lächerliche an der ganzen Sache war, dass die überhaupt Quoten errechnet haben, bei denen rauskam, dass «Fast Forward» quasi Minus-Quoten hat, also den Schnitt senkt.
Dann hieß es, Charlotte, so geht das nicht weiter, wir müssen andere Videos zeigen und ihr vergrault doch mit Absicht die Zuschauer. Wir haben immer gesagt, ja, aber ist doch gut! Das ist doch das Richtige und ehrenhaft und toll. Deshalb hat es irgendwann richtig geknallt und an den Sendungen sollte immer irgendetwas geändert werden. Wir haben das nicht zugelassen und mussten deshalb gehen.
Netzeitung: Also «Fast Forward» wäre auch ohne die Viva-Übernahme durch die MTV-Mutter Viacom aus dem Programm geflogen?
Roche: Ja. Der Kampf hatte für mich schon viel früher und ein paar Chefs vorher begonnen. Die wollten immer etwas ändern, die Sendung um die Hälfte kürzen zum Beispiel.
Netzeitung: Es gab doch immer nur einen Chef, den Dieter Gorny ...
Roche: Nein, ich meine die Programmdirektoren. Mit Dieter Gorny hat man nichts zu tun gehabt, der hat doch immer nur die Deals eingetütet, glaube ich. In Polen Viva aufmachen oder so. Aber ich bin erhobenen Hauptes gegangen. Meine Sendung war abgesetzt und sollte noch bis Ende Dezember laufen, dann fingen die an, «Fast Forward» hinter meinem Rücken zu kürzen und daran rumzuschrauben. Deshalb habe ich im November gesagt, wisst ihr was, jetzt mache ich das gar nicht mehr.
Die Wut war, dass wir unsere Sendung nicht vernünftig zu Ende bringen konnten. Es kratzt noch mehr am Bild von «Fast Forward», wenn man nur noch 18 Minuten lang ist. Und immer hieß es, die Sendung vor euch hat überzogen und die Sendung nach euch musste früher anfangen – aus werbetechnischen Gründen. Aber es war ganz klar, was dahinter stand. Am Schluss ging es eigentlich nur noch um Erpressung. Die wollten immer, dass ich so fiese Sachen mache neben «Fast Forward», aber ich wollte das nicht. Die Arbeitsstimmung war schlimm.
Netzeitung: Was für fiese Formate wären das gewesen?
Roche: Ach, so auf cool gemachte Dating-Shows. Es stand auch mal zur Debatte, dass ich die «News» moderiere auf MTV.
Netzeitung: Die der Markus Kavka macht ...
Roche: Ich fand es scheiße, dass Kavka das überhaupt gemacht hat, weil ich ihn für einen guten Moderator mit einem guten Musikgeschmack halte, der auch gute Interviews führt. Aber dieses Format «News» zu nennen ist eine Unverschämtheit, weil es doch immer nur um Paris Hiltons Arsch geht, oder?
Netzeitung: Sind Sie bei «Tracks» eigentlich redaktionell eingebunden?
Roche: Ich bekomme eine Überraschungstüte mit allen Beiträgen einer Ausgabe zugesandt und moderiere die dann so an, wie ich das möchte. Das ist neu für mich, weil ich bei «Fast Forward» der Dreh- und Angelpunkt war. Jede Sendung hat außerdem ein Interview, in der ersten Sendung ist das Kim Cattrall, die überraschenderweise ein Buch zum Thema Sex geschrieben hat. Wir hatten zuerst gedacht, es wäre diesmal über Pferde oder so, aber es war dann doch wieder Sex.
Ich war eher kritisch eingestellt, weil ich weder etwas mit «Sex and the City» zu tun habe, noch finde ich das gut, was ich über die Serie höre. Und Kim Cattrall war am Anfang eher amerikanisch herzlich, oberflächlich unverbindlich, dann haben wir uns aber durch ein paar gute Themenwendungen gut verstanden.
Netzeitung: Apropos Sex – Ihre «Penis-Lesungen» haben einigen medialen Staub aufgewirbelt. In einem Satz: Um was geht es?
Roche: Es wird eine extrem lustige echte Doktorarbeit vorgetragen mit dem Titel «Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern». Es geht um wahre Fälle, echte Männer, echte Penisse, die in die Notaufnahmen eingeliefert werden mussten, weil die Opfer versucht hatten, Sex mit einem Vorwerk «Kobold»-Staubsauger zu machen.
Netzeitung: Es kommen überwiegend junge Leute in die Lesungen. Werden die heute 20- bis 30-Jährigen Kulturinteressierten eigentlich gut bedient vom deutschen Fernsehen? Was gibt es da – außer «Tracks» natürlich?
Roche: Und das muss ja auch erst einmal finden, bei dem Sendeplatz am Donnerstag um 23.55 Uhr.
Netzeitung: Die Durchschnittsquote von Arte bei den 14- bis 49-Jährigen liegt bei 0,5 Prozent.
Roche: Das wäre das Zehnfache von «Fast Forward».
Netzeitung: Und die Quote wird steigen, wenn Charlotte Roche Tracks moderiert... Roche: Ja klar, stell dir mal vor, wie blöd das aussehen würde, wenn es weniger wird. Ich sage immer, wir werden auf jeden Fall zwei Zuschauer hinzugewinnen, aber wir könnten auch zwei verlieren, die mich nicht leiden können.
Mich deprimiert an der deutschen Fernsehlandschaft und an den Musikcharts, dass alles immer schlimmer wird, immer schnelllebiger, immer dümmer, idiotischer und bekloppter. Und wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, kommt es sogar noch schlimmer. Aber bei guten Bands – sagen wir mal es gibt gute und schlechte Bands – laufen die Konzerttourneen super. Es gibt also noch junge Leute, die auf coole Konzerte gehen. Das ist mein einziger Trost. Aber die haben eben kein Forum mehr im Fernsehen. Es gibt keine Musiksendung mehr, die diese Leute bedient.
Das Gespräch führte Sascha Woltersdorf