16.11.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Protest gegen Kürzung von Sex-Szene im «Tatort»
Die gekürzte Sex-Szene im «Tatort» vom Sonntag sorgt weiter für Empörung: Der Bundesverband Regie wirft der ARD vor, sich dem Druck der «Bild»-Zeitung gebeugt zu haben.
Der Bundesverband Regie (BVR) hat gegen die kurzfristige Entfernung einer Sex-Szene aus dem «Tatort»-Krimi am vergangenen Sonntag protestiert. Der Verband, dem über 700 Regisseure und andere Filmschaffende angehören, warf dem verantwortlichen Saarländischen Rundfunk (SR) am Mittwoch vor, mit dem Schnitt kurz vor Ausstrahlung des ARD-Films dem Druck der «Bild»-Zeitung nachgegeben zu haben. Der Programmdirektor des Senders, Hans-Günther Brüske, hatte der «Bild» gesagt: «Es gab vermehrt Kritik an dieser Szene. Deshalb haben wir die Stelle korrigiert.»
Druck «aus München» «Bild» hatte am Samstag mit der Frage: «Wie versaut darf ein Tatort sein?» mehrere Fotos aus der Szene abgedruckt, in der ein Vater am Pool Sex mit seiner Adoptivtochter hat.
Laut Regieverband wandten sich daraufhin bayerische Landespolitiker an den ARD-Vorsitzenden Thomas Gruber, der Intendant des Bayerischen Rundfunks ist. Dann sei «wohl aus München» Druck auf SR-Intendant Fritz Raff ausgeübt worden, den «Tatort» nachträglich zu entschärfen oder ganz abzusetzen. Obwohl der Film wie üblich sämtliche Sender-Instanzen durchlaufen habe, «von der Jugendschutzbeauftragten des Saarländischen Rundfunks bis hin zu der für das ARD-Gesamtprogramm zuständigen Jugendschutzkommission», sei er nachträglich geschnitten worden, kritisieren die Regisseure.
Fernsehspiel «verstümmelt»ARD-Sprecher Rudi Küffner bestritt, dass Gruber Druck auf seinen Kollegen Raff ausgeübt habe. Gruber habe am Samstag die «Bild»-Zeitung gelesen und danach Raff angerufen und ihm die Lektüre des «Tatort»-Artikels empfohlen. Weiter habe er nichts unternommen und sei auch an dem weiteren Geschehen nicht beteiligt gewesen. Er habe auch kein Weisungsrecht gegenüber dem SR-Intendanten.
Der Regieverband erklärte, mit dem nachträglichen Schnitt sei die aus Sicht des Regisseurs essenzielle Szene seines Fernsehspiels, die für die Psychologie der handelnden Figuren von großer Bedeutung sei, «dermaßen verstümmelt» worden, «dass der Regisseur die Gesamtwirkung seines Films beeinträchtigt sieht». Der österreichische ORF «hatte offenbar nicht diese Moralprobleme und strahlte am selben Abend den «Tatort» in der Originalfassung aus». (nz)